Weilheim und Umgebung

„Du wirst unserem Magen unvergessen bleiben“

Kultur Die Theatergruppe der Jugendhilfeeinrichtung „Ziegelhütte“ glänzt bei ihrer Premiere des Theaterstücks „Auf hoher See“ nicht nur durch die Schweißperlen auf ihrer Stirn. Von Jana Stark

Florian Röhrig versteckt sich vor seinem Urteil: Er steht auf der Speisekarte. Foto: Carsten Riedl
Florian Röhrig versteckt sich vor seinem Urteil: Er steht auf der Speisekarte. Foto: Carsten Riedl

Meeresrauschen ertönt aus den Lautsprechern im dunklen Theatersaal der Ziegelhütte. Man hört Möwengeschrei. Plötzlich gehen die Scheinwerfer an. Drei Mann auf einer aus Europaletten zusammengebastelten Bühne im Dachgeschoss einer kleinen Scheune wühlen in mehreren Kisten. Zu lange schon dümpeln die Drei auf ihrem Boot auf dem Meer entlang. Alle Vorräte sind verbraucht, und nur noch leere Blechdosen scheppern auf dem Boden des Bootes. „Ich habe Hunger!“, sagt einer der drei. „Ich würde gerne etwas essen“, jammert ein anderer. Benebelt von ihrem Hungerbedürfnis kommt einer von ihnen auf einen teuflischen Gedanken: „Wir müssen etwas essen. Aber nicht etwas, sondern jemanden“, sagt er und dreht sich um. Er schaut in die blassen und verängstigten Gesichter der anderen. Wer opfert sich, um das Überleben der anderen zu sichern?

Wie mit einem Ball, der hin und hergeworfen wird, spielen die drei Männer um ihr jeweiliges Schicksal. Keiner von ihnen will sich so einfach opfern. Und so versucht sich jeder auf seine eigene Art ungenießbar zu machen. Über Wahlkämpfe, Abstimmungen und geschickt eingefädelte Argumentationen versuchen die drei Mann auf hoher See herauszufinden, wer gehen muss, damit die anderen überleben. Schnell wird klar: Zwei davon sind sich schon lange einig. Mit Appellen an die Ehre, Moral und der Kameradschaftlichkeit versuchen sie den dritten zu überreden. „Sie haben uns enttäuscht, die Ehre bedeutet ihnen wohl nichts.“

Die vierte im Bunde, eine Frau mit zwei unterschiedlichen Rollen, kommt zweimal zufällig auf das Boot und wirbelt die Situation noch ein bisschen mehr auf. Dabei verleiht sie dem ganzen Theaterstück noch mehr Witz und Charme. Die wenigen, aber gelungen eingesetzten Requisiten tragen auch einen großen Teil zum Charakters bei. Sie überraschen die Besucher, indem immer mehr davon aus einer Holzkisten herausgefischt werden und humorvoll benutzt werden.

Das Theaterprojekt der Jugendhilfeeinrichtung „Ziegelhütte“, welches die Jugendlichen neben anderen Projekten auswählen konnten, ist ein Teil ihres Hauptschulabschlusses. Im Laufe dieser Zeit wurden sie von den zwei Sozialarbeitern Anke Ruwwe und Jens-Peter Wagler unterstützt.

In einer gemeinsamen Probenwoche sollten die Szenen noch stärker eingeübt werden. Als einer der Regisseure und dabei auch ein wichtiges Mitglied der „Drei Männer“ krank wird, bleiben die zwei angehenden Absolventen standhaft. „Sie hatten einen starken Willen. Selbst als ich krank wurde, haben sie alleine weiter geübt.“, sagt Jens-Peter Wagler. Dabei merkt man keinesfalls, dass die Jugendlichen nur sieben Wochen à fünf Tage pro Woche Zeit hatten zu proben. Auch wenn sie hinterher ihre Nervosität gestehen, hat man ihnen auf der Bühne nichts angemerkt, außer die hinabfließenden Schweißperlen auf ihrer Stirn.

Eine Stunde geht die Aufführung „Auf hoher See“. 60 Minuten stehen die zwei angehenden Absolventen der Hauptschule ohne Pause auf der Bühne. Ihr Text muss sitzen. „Es war enorm viel Text zum auswendig lernen. Aber die Note, die ich am Ende kriege, hat mich motiviert“, sagt Florian Röhrig und lacht.

Am Originaltext von Sławomir Mrozek hat die Gruppe nicht viel verändert, lediglich ihre eigene Interpretation des Textes hat das Schauspiel beeinflusst. „Mir hat am meisten gefallen, dass ich jede Situation auf meine Art darstellen konnte“, sagt Florian Röhrig. Während Lars Maresch, auf die Frage, was ihm am meisten gefallen hat, trocken antwortet „das Schießen“.

Information: Aufführungen sind am Freitag, 21. Juli, um 20 Uhr und am Samstag, 22. Juli, um 19 Uhr. Kartenreservierungen sind möglich unter der Telefonnummer 0 70 23/74 67 11 oder per Mail an info-zh@mh-zh.de

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