Weilheim und Umgebung

Durch diese Gasse muss er kommen

Ferienprogramm Bereits zum zweiten Mal sind fast 20 Kinder in die Sporthalle Wühle in Weilheim gekommen, um mit Jochen Bühner das Einradfahren zu üben. Ein Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene. Von Peter Dietrich

Durch diese Gasse muss er kommen, der Einradfahrer. Gemeint ist natürlich nicht die hohle Gasse nach Küssnacht, es liegt auch kein Wilhelm Tell auf der Lauer, gemeint ist die enge Gasse in der Sporthalle im Schulzentrum Wühle. Jochen Bühner hat diese lange und enge Gasse in zwei Höhen aus Kästen und Bänken gebaut, denn ein Anfänger im Einradfahren braucht auf beiden Seiten etwas zum Festhalten.

Die Kinder, die es schon besser können, fahren von Anfang an frei durch die Halle. Es sieht so ganz leicht und selbstverständlich aus, aber das täuscht. Bis es so fah- ren konnte, sagt ein Mädchen, habe es zwei Jahre gebraucht. Da reicht also ein dreitägiger Kurs wie dieser nicht aus. Aber etwa ein Viertel der knapp 20 Kinder waren schon beim Augustkurs dabei und sind jetzt gerne wiedergekommen.

Ein Vorteil des Einrades ist es, dass es so handlich ist. Wer schon mal ein normales Fahrrad in ein Auto verfrachtet hat, weiß, wie sperrig dieses sein kann. Von den Einrädern bringt Jochen Bühner hingegen bis zu 25 Stück in seinen Kombi - die richtige Stapeltechnik vorausgesetzt. Er muss immer alle Größen vorrätig haben, weil er ja nicht weiß, wie groß die einzelnen Kinder beim jeweiligen Kurs sind. Schnell sind alle Kinder, die kein eigenes Einrad mitgebracht haben, in Weilheim mit einem solchen versorgt. Dabei achtet Jochen Bühner nicht nur auf die passende Radgröße und die richtige Sattelhöhe, sondern auch auf die Farbe, das Einrad soll ja möglichst zum T-Shirt passen. In der Gruppe sind nur drei Jungs - ist Einradfahren eine Damensportart? Es sieht so aus. „Manchmal sind überhaupt keine Jungs dabei“, sagt der Trainer.

Während die Anfänger noch in der engen Gasse üben, spielt der Trainer Musik ein und fordert die Fortgeschrittenen auf, hinter ihm her durch die Halle zu fahren. Er macht Bewegungen mit den Armen, die Kinder tun es ihm nach. Mit der Zeit wird die Gruppe aber immer kleiner - ist das bei flottem Tempo etwa anstrengend? Dann lässt der Trainer einzelne Kinder das Pendeln üben und gibt individuelle Ziele vor: „Das machst du jetzt zehn Mal.“ Andere üben das Aufsteigen.

Aller Anfang ist schwer. Um das richtige Gleichgewichtsgefühl zu bekommen, wird für die Einrad-Neulinge eine Gasse gebaut. Fotos
Aller Anfang ist schwer. Um das richtige Gleichgewichtsgefühl zu bekommen, wird für die Einrad-Neulinge eine Gasse gebaut. Fotos: Peter Dietrich

Alles andere als langweilig

Warum sieht das bei einem Mädchen schon so routiniert aus? „Das habe ich in der Kernzeitbetreuung gelernt.“ Ein anderes Mädchen bedauert, dass es das einzige Mitglied der Familie ist, das Einrad fährt. So komme es nur wenig zum Üben. Hoppla: Bei einer Fahrerin hat das Einrad ein Pedal verloren. „Jetzt musst du mit einem Pedal weiterfahren“, sagt der Trainer, doch das ist nur ein Scherz. Er greift zum Schraubenschlüssel und schraubt das verlorene Pedal ganz schnell wieder an.

Die Vesperpause gibt es draußen im Freien. Ob er auch hier fah- ren darf, fragt ein Junge, doch das erlaubt der Trainer nicht. Drinnen in der Halle ist der Boden weicher, und es gibt viel mehr Möglichkeiten zum Festhalten. Wenn ein Kind sieht, was die anderen schon können, motiviert das. „Dann will ich das auch können“, sagt Camilla. Sie und ein paar andere Teilnehmer zählen kurz mal auf, in was für Kurse sie so alles gehen, vom Musikunterricht bis zu Karate. Das klingt wirklich nicht nach Langeweile.

Die gibt es auch im Einradkurs nicht, die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Zwischendurch greift Jochen Bühner zum Desinfektionsmittel und reinigt die Turngeräte, welche die enge Gasse bilden. Auch die Sattel der Einräder werden vor dem Einladen ins Auto desinfiziert. Flugs eingeladen, schon geht es weiter zum nächsten Termin. Wegen Corona hieß es zuerst, viele Ferienprogramme fallen aus, sagt Jochen Bühner. „Aber dann hieß es oft, wir machen doch ein Notprogramm.“ Zum Glück, denn den Kindern macht das Einradfahren sichtlich großen Spaß.

Ob der Zeitungsreporter auch mal das Fahren probieren wolle, hatte der Trainer ihn am Anfang ganz selbstverständlich gefragt. Doch einige vergebliche eigene Versuche, schon viele Jahre zurückliegend, hielten diesen dann doch davon ab. Also besser kein Selbstversuch - Zuschauen ist schließlich auch schön.

Mit den fortgeschrittenen Einradfahrern übt Jochen Bühner kleine Gruppenchoreografien auf Musik ein. Was spielerisch leicht auss
Mit den fortgeschrittenen Einradfahrern übt Jochen Bühner kleine Gruppenchoreografien auf Musik ein. Was spielerisch leicht aussieht, ist ein ziemlich anstrengendes Vergnügen.
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