Weilheim und Umgebung

Eduards „Geschreib“ an sein „Kind“

Mörikes Brautbriefe an Luise Rau geben Einblicke in Privates und Alltägliches aus dem Biedermeier

Gisa König (am Pult) stellt gemeinsam mit drei Mitstreitern in der Ochsenwanger Kirche Eduard Mörikes Brautbriefe vor.Foto: Tanj
Gisa König (am Pult) stellt gemeinsam mit drei Mitstreitern in der Ochsenwanger Kirche Eduard Mörikes Brautbriefe vor.Foto: Tanja Spindler

Bissingen. Wenn „Kultur an besonderen Orten“ erlebbar werden soll, braucht es dafür nicht nur besondere Kultur, sondern auch besondere

Orte. Nun ist Eduard Mörike sicher ein Garant für besondere Kultur. Aber ist die Kirche in Ochsenwang wirklich ein „besonderer Ort“ für einen Mörike-Vortrag? – Die Frage ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Schließlich ist Ochsenwang ein authentischer Ort, wenn es um Mörike geht. Nirgends hat er sich während seiner jahrelangen „Vikariatsknechtschaft“ länger aufgehalten als dort. Aber sind Mörike-Worte wirklich „etwas Besonderes“ – in dieser Kirche, wo er lange genug höchstpersönlich gepredigt hat? Wo es bis heute so allerhand von Mörike zu hören gibt? Das Mörikehaus veranstaltet ja regelmäßig Vorträge, in denen alle möglichen Aspekte von Mörikes literarischem Schaffen beleuchtet werden.

Was also war nun das „ganz Besondere“ beim jüngsten Treffen der Mörike-Enthusiasten in Ochsenwang? Es ging um Worte, die nicht für die Kirche bestimmt sind, noch nicht einmal für die Öffentlichkeit: Im Mittelpunkt der mehr als zweistündigen Veranstaltung standen die Briefe, die Mörike an seine Braut Luise Rau geschrieben hat. Sicher dachte der Dichter, als er diese Briefe verfasst hat – unter anderem in Ochsenwang –, noch nicht einmal im Traum daran, dass sie keine zweihundert Jahre später einmal dort in der Kirche verlesen werden könnten.

Und doch ist es ein Glücksfall, dass es diese Briefe gibt und dass sie bis heute zum Großteil erhalten geblieben sind, denn es lässt sich sehr viel Alltägliches daraus entnehmen. Dabei geht es beileibe nicht nur um die Liebesgeschichte zwischen dem „treuen Eduard“ und seinem „Kind“, wie er Luise gerne nennt. Vieles weist weit darüber hinaus und greift mitten hinein ins biedermeierliche Leben auf dem württembergischen Land.

Es war eine Zeit, in der es eben Briefpapier und Federkiel brauchte – und dazu noch eine Menge Zeit und Geduld –, um Botschaften zu übermitteln. Gisa König, die Leiterin des Ochsenwanger Mörikehauses, die gemeinsam mit drei lokalen Mitstreitern die Brautbriefe sowie vertonte Gedichte vorstellte, machte den Zuhörern klar, dass es „kein Auto oder Fahrrad gab, kein Internet oder Telefon“. Wege wurden überwiegend zu Fuß zurückgelegt, und geschrieben wurde oft bei Kerzenlicht.

So schreibt Mörike im November 1829: „Es ist nachts elf Uhr; ich war schon zu Bette, konnte aber nicht in Schlaf kommen, zündete Licht an und rede nun noch ein wenig mit Dir“. Dass man Licht im wörtlichen Sinn „anzünden“ muss, ist aus dem allgemeinen Bewusstsein längst verdrängt. Außerdem könnte Mörike heute dank elektronischer Hilfsmittel direkt mit seiner Freundin „reden“ und dabei rasch Antworten erhalten.

So aber musste er seinen Briefen sehnsüchtige Bitten hinzufügen wie: „Schreib mir doch auch einige Zeilen – es braucht nicht viel ordentlicher und vernünftiger zu sein, als dies mein Geschreib.“ Ganz ins Persönliche gewendet und auf die innige Liebe bezogen, kann dieser Nachsatz auch folgendermaßen ausfallen: „nur ein paar Linien! worin Du mir sagst, was Du mir nie genug sagen kannst, – daß Du mich gern hast, daß ich Dich gern habe – das ist das Paternoster, das ich alle Stunden bete.“

Aber auch der Alltag im ungeliebten Pfarrerberuf findet sich immer wieder in den Brautbriefen: „Nun muß ich noch ein wenig an meine morgende Leichenrede gehen“, heißt es dann, oder: „Nach Kirchheim komm ich zuweilen, wiewohl dann, wenn ich beim Dekan nichts zu tun habe, nur auf die Post.“ Berufliches und privates Glück sind eng miteinander verwoben. Die lange Verlobungszeit, die nach vier Jahren mit der Entlobung zu Ende geht, ist auch darauf zurückzuführen, dass Mörike ohne feste Stelle an eine Hochzeit gar nicht denken konnte. So schreibt er denn im März 1831 resignierend: „Die Aussicht auf endlose Schleppereien und Hemmungen meiner ordentlichen Karriere brachte mich nun dem extremen Gedanken eine Zeit lang sehr nahe, daß ich als Theologe mein Heil nimmermehr finden werde.“

Langfristig sollte er sein Heil tatsächlich nicht in der Theologie finden – so wenig wie in einem Leben mit Luise. Die Liebe zu ihr erkaltete wohl bis zum Herbst 1833, ohne zur Vollendung zu gelangen. Da ging es doch dem Ulmer Münster ganz anders, das – zu Mörikes Zeiten und in seinen Worten – „zu sich selber kein Verhältnis hat“, weil der Turm „weit über die Hälfte nicht ausgebaut ist“. In seiner Fantasie konnte sich der Dichter das komplette Münster bereits ausmalen, denn er schreibt: „Das Fehlende hinzugedacht, ist alles unvergleichlich.“ So ähnlich hatte er sich das vielleicht auch mit der Liebe vorgestellt.

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