Weilheim und Umgebung

Ein fast magischer Ort im Städtle

In den Weilheimer Hofgärten ist der Evopäd-Parcours eingeweiht worden

Der Evopäd-Parcours in Weilheim ist fertig. Er soll Jung und Alt aus nah und fern dazu animieren, sich zu bewegen und ins Gleichgewicht zu kommen.

Das Fernrohr und das Labyrinth sind zwei von sieben Stationen des neuen Evopäd-Parcours in Weilheim. Er soll Besucher anziehen u
Das Fernrohr und das Labyrinth sind zwei von sieben Stationen des neuen Evopäd-Parcours in Weilheim. Er soll Besucher anziehen und trägt zur Aufwertung der Weilheimer Hofgärten bei.Fotos: Christian Schlienz

Weilheim. Frisch und satt wirkt das Grün des Rasens in den Weilheimer Hofgärten. Teile sind ins Licht der Abendsonne getaucht, zwischendrin spenden Bäume und Büsche Schatten. Wer lauscht, kann den Kohlesbach unterhalb des Spielplatzes plätschern hören. Das Idyll hinter der Peterskirche, das jahrelang ein Schattendasein geführt hat, ist nun zu neuem Leben erwacht: Die Stadt Weilheim hat dort in Kooperation mit zahlreichen Sponsoren einen Evopäd-Parcours eingerichtet. An sieben Stationen, die die Entwicklungsstufen der Evolutionspädagogik verkörpern, sollen Jung und Alt spielerisch trainieren und sich über Bewegung ins Gleichgewicht bringen können. „Das ein Alleinstellungsmerkmal für Weilheim“, sagt Bürgermeister Johannes Züfle bei der Einweihung der Anlage. „Der nächste öffentliche Parcours ist in Benediktbeuren im Allgäu.“

Das Projekt mit angestoßen hat die Weilheimer Evolutionspädagogin Gabriele Sorwat. Vor fünf Jahren kam sie mit ihrer Idee auf den Verein Stadtmarketing zu. Der zeigte zwar Interesse. „Aber der passende Ort fehlte – obwohl er ja eigentlich schon da war“, erinnert sich der Bürgermeister. Mit dem Start der Innenstadtoffensive nahm das Projekt wieder an Fahrt auf. Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive entwickelte gemeinsam mit Gabriele Sorwat ein Konzept und machte sich auf die Suche nach Geldgebern. Denn die Stadtkasse – so die Vorgabe des Gemeinderats – sollte durch das Projekt nicht belastet werden.

„26 Sponsoren haben insgesamt 22 000 Euro gespendet“, freut sich Johannes Züfle über die Unterstützung von außen. Und während die einen Geld einbrachten, um die Geräte überhaupt anschaffen zu können, packten andere mit an: Es wurden Erdmassen bewegt, Geräte und Schilder platziert, Bänke und Lampen neu gestrichen. „Es kann jeder sehen, was für ein Kleinod wir hier haben“, schwärmt Johannes Züfle mit Blick auf die frisch belebte Parkanlage. „Das ist ein fast magischer Ort in der Stadt.“

Ein Besucher nähert sich mit knirschenden Schritten dem Schlupfstein, der von Buchshecken umrahmt in einem Kiesbett nahe der alten Mauer beim Pfarrhaus steht. Er kniet sich nieder, schiebt seinen Oberkörper durch das Loch und zieht sich wieder zurück. „Am Schlupfstein lassen sich Motivation und Innovation trainieren“, erläutert Gabriele Sorwat, die an diesem Abend zusammen mit ihren Auszubildenden in die Hofgärten gekommen ist, um die einzelnen Stationen vorzustellen und zu erläutern, was dahintersteckt. „Wenn man Probleme hat oder einen etwas beschäftigt, dann besteht ein Ungleichgewicht“, erläutert die Evolutionspädagogin. „Das Training an den verschiedenen Stationen des Evopäd-Parcours hilft dabei, wieder ins seelische, emotionale und körperliche Gleichgewicht zu kommen“ sagt sie. „Das geht über die Bewegung so einfach und kann so manche Therapie ersparen.“

Das Kickbord etwa, das auf der anderen Seite des Kohlesbachs gelegen ist, soll der Kraftentfaltung dienen. Am Evotrainer, einer Drehscheibe mit Holzstamm in der Mitte, lassen sich Urvertrauen und emotionale Wahrnehmung stärken. Wer durchs Fernrohr blickt, schärft den Blick für seine eigenen Wünsche und den Sinn im Leben. Schilder neben den Stationen bieten Erläuterungen und Trainingsanleitungen. „Kinder gehen ganz intuitiv auf die richtigen Stationen zu – Erwachsene sollten am besten an der Station anfangen, die sie am liebsten umgehen würden“, verrät Gabriele Sorwat augenzwinkernd. „Jeder hat hier in Weilheim die Gelegenheit, an dem Parcours zu trainieren“, betont die Evolutionspädagogin und appelliert: „Nutzen Sie die Chance.“

Die Stadt Weilheim hofft nun darauf, dass der Evopäd-Parcours zahlreiche Interessierte aus nah und fern anzieht und zur Belebung der Innenstadt beiträgt. Die Chancen dafür stehen gut: „Ich habe schon etliche Anfragen von Schulen, Kindergärten und Seniorengruppen, die eine Einführung möchten“, sagt Gabriele Sorwat, die den Parcours auch künftig betreuen wird.

Einweihung Evopäd-Parcous
Einweihung Evopäd-Parcous

Evolutionspädagogik und Evopäd-Parcours

Die Evolutionspädagogik arbeitet eng mit der Hirnforschung zusammen und geht davon aus, dass jeder Mensch verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft – vom Fisch über die Amphibie und den Affen bis hin zum modernen Menschen. Evolutionspädagogen machen die rasante Entwicklung der modernen Zeit dafür verantwortlich, dass Menschen ins Ungleichgewicht geraten. Weil manche Stufen zu gering ausgeprägt sind, können Probleme entstehen, etwa Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, aggressives Verhalten, Depressionen und Ängste. Am Evopäd-Parcours lassen sich die unterschiedlichen Stufen trainieren, um zu mehr innerem Gleichgewicht zu gelangen. Der Weilheimer Evolutionspädagogin Gabriele Sorwat zufolge sind oft die niedrigen Stufen wie Fisch, Amphibie und Reptil zu wenig ausgeprägt. Andere – wie die Affenstufe – werden dagegen durch Spielplatz-Besuche und Ballspiele vor allem bei Kindern oft „übertrainiert“, was zu Verhaltensproblemen führen kann. An diesem Punkt hat übrigens auch die Altenburgschule in Stuttgart angesetzt und sich einen eigenen Evopäd-Parcours zugelegt – offenbar mit positiven Auswirkungen auf Sozial- und Lernverhalten.bil

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