Weilheim und Umgebung

Ein ganzes Dorf wird zum Wörterbuch

Integration Was heißt Rathaus auf Arabisch? Das wird man bald in Bad Boll sehen. Von Jürgen Schäfer

Bad Boll. Wenn es so kommt, wird Bad Boll sein Gesicht verändern. An vielen Stellen können Wörter in Deutsch, Englisch, Arabisch, ­Farsi, Russisch oder auch Schwäbisch angeschrieben sein. Auf einem Briefkasten, einer Sitzbank, am Rathaus, an einem Zebrastreifen, einem Fahrradständer. So schwebt es dem neuen Arbeitskreis Vielfalt in Bad Boll vor. Das Dorf soll für eine Weile beschriftet werden, soll ein „interaktives Wörterbuch“ werden. Mit dieser Idee haben sich der Arbeitskreis und die Gemeinde für das Projekt „Vielfalt gefällt! Orte des Miteinanders beworben“, und den Zuschlag erhalten. Unter landesweit 20 Bewerbern kamen die Bad Boller unter die ersten fünf.

Die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern fördern, das Miteinander unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen stärken – so haben es die Baden-Württemberg-Stiftung und die „Allianz für Beteiligung“ vorgegeben. Dem dient ein Wörterbuch im Dorf, meinen sie. Wenn ein Syrer oder ein Afghane in Boll Wörter seiner Muttersprache im öffentlichen Raum sieht, fühlt er sich willkommen. „Flüchtlinge sehen ihre Sprache, fühlen sich stärker beheimatet“, sagt Jobst Kraus, früherer Studienleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll und Vorsitzender des Arbeitskreises Vielfalt. Aber: „Es geht nicht nur um Integration. Es geht um die Vielfalt der Sprachen, der Herkunft, der Kulturen.“ Auch derjenigen, die schon lange zugewandert sind. Daran sei Bad Boll reich.

Kraus verweist auf die Holländer von Bad Boll, die liebevoll „Bolländer“ genannt werden, auf die Franzosen, auf die Friends of ­Ruanda, auf Russlanddeutsche aus Kasachstan. Kraus verweist auf den Herrnhuter Friedhof, auf dem man Geburtsorte bis Sierra Leone finden könne. Und er selber, sagt Jobst Kraus, sei ja auch kein Schwabe aus Bad Boll, sondern ein Franke aus Nürnberg. Von den zwölf Einheimischen des Arbeitskreises Vielfalt, die sich letzte Woche erstmals mit ihrem künstlerischen Berater Bruno Nagel trafen, ist kein einziger in Bad Boll geboren. Zwei Flüchtlinge, die mitmachen, logischerweise auch nicht.

Auf den Trichter gekommen sind die Paten von Flüchtlingen in Bad Boll. Sie wissen: Man kann Wörter lernen, indem man Zettel auf die Dinge heftet. In der Wohnung, auf die Tür, den Küchenschrank. Neu sei es nicht, Häuser zu beschriften. In Weimar gebe es ganze Sinnsprüche von Schiller und Goethe an Hauswänden. „Und wahrscheinlich woanders genauso“, sagt Kraus. Das fände er in Bad Boll auch gut. Das Innovative ist das Wörterbuch. Und das will jetzt ausgearbeitet sein. Kraus fragt: Wo gehen Flüchtlinge häufig hin? Zum Einkaufen, zur Bank. Da könnte man doch auf die Metzgerei zugehen, ob sie im Schaufenster ihr Geschäft auf Englisch, Französisch oder Arabisch bezeichnet. Und weiter: Vielleicht sei der Metzger offen für internationale Wurstrezepte, würde eine arabische oder gambianische Wurst anbieten. Die Flüchtlinge im Arbeitskreis könnten das vermitteln.

Die Bad Boller denken auch an eine Weltkarte, auf der Flüchtlinge wie Zugezogene ihre Herkunftsländer markieren können. Sei es mit Filzschreiber oder Stecknadel, vielleicht im Bürgersaal oder auf der Rathauswiese. Kraus wäre gespannt, was da alles rauskommt: „Vielleicht ist jemand in Peru geboren.“ Auch an der Evangelischen Akademie, seinem alten Wirkungsort, könnte er sich so etwas vorstellen – mit Fotogalerie.

Bürgermeister Bührle ist Starthelfer. Ohne die Gemeinde hätte der Arbeitskreis keinen Antrag einreichen können. Der war mit heißer Nadel gestrickt. Im Juni, wenige Tage vor Ende der Frist, ging der Arbeitskreis zum Schultes. Der Antrag passe zum Leitbild und der Weltoffenheit von Bad Boll, stellt Bührle fest. Mit derzeit 70 Flüchtlingen, viele schon anerkannt, habe Bad Boll weit mehr aufgenommen als andere. Dies sei zwar nicht ohne Kritik, aber verträglich abgelaufen. Bührle kann sich vorstellen, das Rathaus auf Arabisch zu bezeichnen – allerdings nicht aufgemalt, sondern auf einem Schild davor.

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