Weilheim und Umgebung

Eingeschränkt heißt nicht einschränkend

Inklusion Wie gut werden Behinderte in den Arbeitsmarkt integriert? Die Beauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, informiert sich bei Reinert in Bissingen. Von Cornelia Wahl

Holger Barkhausen lässt Verena Bentele eine Maschine ertasten. Foto: Cornelia Wahl
Holger Barkhausen lässt Verena Bentele eine Maschine ertasten. Foto: Cornelia Wahl

Zielstrebig betritt Verena Bentele mit ihrer Begleiterin den Eingangsbereich bei Reinert Kunststofftechnik. In ihrer Funktion macht sie sich bei der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen stark. Wie Inklusion erfolgreich praktiziert wird, erfährt die mehrfache Gold-, Silber- und einmalige Bronzemedaillengewinnerin im Biathlon und Langlauf bei paralympischen Spielen bei ihrem Besuch in Bissingen. Dort ist eine Außengruppe der Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) beschäftigt.

Gleich zu Beginn machte der zweite Geschäftsführer, Holger Barkhausen, keinen Hehl daraus, dass es dem Firmengründer Jürgen Hahn „ein großes Anliegen“ sei, sich für Menschen mit Behinderung zu engagieren. Die Kollegen von den WEK und auch in anderen Bereichen sind ganz normale Kollegen. Sie seien mit ihren positiven Eigenschaften ein großer Gewinn. Verena Bentele lauscht den Worten des Geschäftsführers, und sie hakt nach, möchte mehr über die Firma, die Menschen und was sie dort machen, erfahren.

Die Freude sieht man Verena Bentele an, als ihr der Geschäftsführer ein Kunststoffteil einer Heizungsanlage in die Hand gibt. Während Verena Bentele, von Geburt an blind, mit Fingerspitzengefühl das Teil auf Rundungen, Aussparungen und Kanten hin erkundet, erhält sie die gewünschten Auskünfte.

Derzeit sind zwölf Mitarbeiter mit einer Körperbehinderung im ersten Arbeitsmarkt beschäftigt und ebenso viele in der Außenarbeitsgruppe der WEK. „Die Menschen von WEK“, erzählt Holger Barkhausen, „bekommen von uns Aufträge, die sie völlig selbstständig abarbeiten.“ Die fertig montierten Bauteile würden direkt ins Fertigwarenlager kommen, von wo aus sie am nächsten Tag mit der geforderten Qualität und termingerecht an die Kunden ausgeliefert werden können.

Reinert hat schon früh damit begonnen, Menschen aus der Arbeitsgruppe in den ersten Arbeitsmarkt, den der freien Wirtschaft, zu überführen. Auch können dort schwerbehinderte Menschen arbeiten, die ein Stück weit unselbstständiger sind. Holger Barkhausen fügt hinzu: „Die Zusammenarbeit stellt für uns keinerlei Einschränkung dar.“

Die Mitarbeiter sind in den Gruppenarbeitsplätzen beschäftigt mit dem Ziel der Dauerbeschäftigung. Dafür hat die WEK einen Jobcoach, der sich intensiv der Sache und der Wünsche annimmt. Die Mitarbeiter müssen sich wie in der freien Marktwirtschaft auf die Stellen bewerben. Dann wird geprüft. Am Ende steht dann die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt.

Am Besuchstag von Verena Bentele waren die WEK-Mitarbeiter mit der Montage von Flaschenkörpern für Sprühflaschen beschäftigt. Verena Bentele will genau wissen, wie der Arbeitsschritt vor dem Zusammenschweißen gemacht wird. Sie bekommt die drei dazu benötigten Teile in die Hände und darf es selbst ausprobieren.

Am Ende ihres Besuchs bei Reinert zog Verena Bentele, gekommen auf Einladung der SPD-Politiker Andreas Kenner und Nils Schmid, folgendes Fazit: „Ich finde es klasse, dass eine Firma so offen sagt, dass Menschen mit Behinderung eine Bereicherung für die Firma sind. Das sagt viel über die Unternehmenskultur.“ Der Führung bei Reinert Kunststofftechnik folgte ein Fachgespräch Inklusion bei den Werkstätten Esslingen-Kirchheim.

Anzeige