Weilheim und Umgebung

Eltern trommeln für einen Naturkindi

Initiative In Holzmaden soll ein Kindergarten ohne Dach und Wände entstehen. Zum Infoabend in der Gemeindehalle hat sich der Waldkindergarten-Vorreiter Rudolf Hettich angekündigt. Von Anke Kirsammer

Matschen und in Pfützen springen - Kinder lieben das. Ob es regnet oder schneit: In Wald- und Naturkindergärten spielen die Sprö
Matschen und in Pfützen springen - Kinder lieben das. Ob es regnet oder schneit: In Wald- und Naturkindergärten spielen die Sprösslinge bei jedem Wetter draußen.Fotos: Carsten Riedl

Die Kinder sind sommers wie winters draußen, sie spielen mit Blättern, Stöcken und Steinen, klettern auf Baumstämme, hangeln, toben, balancieren, matschen und buddeln und lassen ihrer Fantasie im Umgang mit Naturmaterialien freien Lauf. Als Rückzugsort dient ihnen bei Schmuddelwetter ein Bauwagen. Landauf, landab etablieren sich Waldkindergärten als Alternativangebote zu herkömmlichen Einrichtungen, und sie sind meist rappelvoll.

In Holzmaden haben nun Eltern eine Initiative gegründet, um auch in der Urweltgemeinde einen Naturkindergarten ins Leben zu rufen. „Ich finde das Konzept toll“, sagt Julia Truppat, Mutter von zwei Kindern, die mit ihrem Mann Markus zu den Initiatoren gehört. Regelmäßig besucht sie mit ihren Töchtern die Waldmäuse des Weilheimer Waldkindergartens - ein wöchentlich stattfindendes Angebot für unter Dreijährige. Unglaublich sei die Ruhe dort, faszinierend, wie konzentriert die Kleinen beim Vorlesen von ganz einfachen Geschichten zuhörten.

Die Idee, in Holzmaden einen Kindergarten ohne Dach und Wände zu gründen, schwelt bereits länger. Erste Gespräche mit Bürgermeisterin Susanne Jakob wurden dazu schon vor einem Jahr geführt. Die eigentliche Initialzündung gab nun die Planungswerkstatt im Rahmen der Gemeindeentwicklung. Diskutiert wurde beim Komplex „Kindergarten“ unter anderem über verlängerte Öffnungszeiten und mangelnde U-3-Betreuung, was ebenfalls einigen Holzmadener Eltern auf den Nägeln brennt - und eben das Thema Naturkindergarten. Sieben Elternteile schlossen sich daraufhin zusammen, trafen sich mehrfach, ließen Plakate drucken und verteilten 500 Flyer, um für den Infoabend am Donnerstag, 28. September, einzuladen. Engagiert ist der „Waldkindergarten-Guru“ Rudolf Hettich. Der Umweltpädagoge, Natur-Spiel-Raum-Planer, Spieltherapeut, Naturfotograf und Autor hält an dem Abend einen Vortrag über Naturpädagogik. Die Ini­tiatoren hoffen, dass möglichst viele - auch Eltern noch kleiner Kinder - den Weg in die Gemeindehalle finden, um sich in die Unterschriftenliste einzutragen. Mit ihrem Ansinnen möchte sich die Gruppierung anschließend an den Gemeinderat wenden.

Nadja Wössner, Erste Vorsitzende des Vereins Waldkindergarten Weilheim, der aufgrund des Zustroms derzeit nur Geschwisterkinder aufnimmt, verspricht sich von dem Abend, dass er Vorurteile abbaut. Eine Mär sei beispielsweise, in einem Waldkindergarten werde nur die Grobmotorik gefördert. Ein großes Plus ist für sie, dass sich Kinder in einem Naturkindergarten sehr viel bewegen. „Ohne Bewegung gibt es keine Entwicklung des Gehirns“, betont Nadja Wössner und stützt sich damit auf Hirnforscher wie Manfed Spitzer. Ursprünglich wollte die vierfache Mutter, die in Holzmaden wohnt, die Initiatoren lediglich beraten. Doch könnte sie sich inzwischen vorstellen, ihre beiden Jüngsten in den Naturkindergarten in der Urweltgemeinde zu bringen, wenn dort einer gegründet würde.

Schon vor dem Infoabend stoßen die Eltern mit ihrem Anliegen auf Interesse im Ort. Wichtig ist ihnen das Miteinander und die Akzeptanz. „Wir wollen, dass auch Rentner den Waldkindergarten toll finden“, sagt Nadja Wössner. Er könnte das Angebot erweitern, als Aushängeschild dienen und die Attraktivität der Gemeinde steigern, so Markus Truppat. „Er soll ein Kindergarten ohne Sonderstellung sein“, betont Julia Truppat, und Tina Schmierer ergänzt: „Es handelt sich einfach um unterschiedliche Lebensstile. So wie sich der eine für Klavier und der andere für Trompete entscheidet.“

Der Infoabend in der Holzmadener Gemeindehalle findet am Donnerstag, 28. September, um 20 Uhr statt. Interessierte können sich auch per E-Mail unter naturkindergarten-holzmaden@gmx.de an die Elterninitiative wenden und sich in die Liste aufnehmen lassen.

Matschen und in Pfützen springen - Kinder lieben das. Ob es regnet oder schneit: In Wald- und Naturkindergärten spielen die Sprö
Matschen und in Pfützen springen - Kinder lieben das. Ob es regnet oder schneit: In Wald- und Naturkindergärten spielen die Sprösslinge bei jedem Wetter draußen.Fotos: Carsten Riedl

Reaktion im Rathaus

Bürgermeisterin Susanne Jakob begrüßt das Elternengagement. Sie könnte sich vorstellen, dem Wald- oder Naturkindergarten ein Wiesengrundstück hinter dem Feuerwehrhaus anzubieten. Da die Urweltgemeinde von Landschaftsschutzgebieten umgürtet ist, sei das das einzig verfügbare Areal. Grundsätzlich fände es die Rathauschefin „cool“, wenn ein Waldkindergarten zustande käme. Eine wirkliche Entlastung für die „auf Anschlag fahrenden Gruppen“ und Luft für Krippenkinder in den vorhandenen Kindergärten brächte er der Bürgermeisterin zufolge aber erst, wenn die Kinder, die dort angemeldet werden, bereits drei Jahre alt sind beziehungsweise schon einen Kindergarten in Holzmaden besuchen.

Bedarf besteht in der Urweltgemeinde vor allem für U-3-Kinder. Käme der Waldkindi zustande, würde sich die Bürgermeisterin dafür aussprechen, ihn in die Bedarfsplanung aufzunehmen. Bei einem Kindergarten, der mit einem Bauwagen auskommt, spart sich die Gemeinde hohe Investitionskosten für ein Gebäude, Susanne Jakob verweist jedoch darauf, dass die Personalkosten 20 bis 30 Prozent höher sind, unter anderem, weil die Gruppengröße auf 20 Kinder beschränkt ist. „Klar besuche ich den Infoabend“, kündigt sie an. Dazu sind im Übrigen auch Gemeinderäte und die Vertreter der Kirche eingeladen.ank

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