Weilheim und Umgebung

Ensemble mit Eigenart

Chorprojekt Seit fast acht Jahren schon gibt es in Zell den Integrativen Chor. Die Mitglieder haben vor allem eines – Freude. Von Sabine Ackermann

Im Minutentakt füllt sich das evangelische Gemeindehaus in Zell und kaum im Warmen, ertönt von überall her ein fröhliches „Hallo“ oder es wird tüchtig geknuddelt. Selbst nach wenigen Wochen „Gesangs-Abstinenz“ ist die Wiedersehensfreude groß und die Stimmung wie immer bestens. Melanie Eissler strahlt: „Endlich wieder singen“. Auch Mitbegründerin Monika Loser freut sich auf die erste Chorprobe im neuen Jahr und will noch schnell einiges loswerden: „Von allen Seiten habe ich viel Positives über unseren letzten Auftritt gehört“.

2009 gegründet, stehen bei den rund 26 Mitgliedern des „Integrativen Chors“ wöchentliche Singstunden fest im Stundenplan, wenngleich Günther Hofmann schelmisch feststellt: „Manche kommen ja hauptsächlich wegen dem Knuddeln“. Kollektives Gelächter folgt auf dem Fuß und dennoch beschreibt es wunderbar die Menschen, die sich völlig gleich, ob mit oder ohne Behinderung, als eingeschworenes und harmonisches Gesangsteam sehen. „Bevor wir singen, machen wir erst einmal ein paar Lockerungsübungen, klopfen unsere Arme aus, kreisen mit den Schultern“, ergreift schließlich Chorleiterin Hedwig Schlecht das Zepter und beendet schmunzelnd die „Begrüßungsorgie“.

Muskeln und Gemüt gelöst, werden nun die Stimmbänder mit sich wiederholenden Selbstlauten „geschmiert“. Hernach folgt viermal kurz und einmal lang gezogen ein „singe, summe“, „lobe, liebe, lebe“ sowie ein geschmeidiges „babbele“. Die zwar lustigen, allerdings sinnvollen Gesangsübungen, bringt vor allem die Jugend zum Kichern. Während sich Lisa Attinger breit grinsend hinterm Textblatt versteckt, schaut Thomas Koch erst gar nicht drauf. „Singen und lesen ist nicht so seins. Aber unser Thomas ist trotzdem sehr musikalisch, spielt Klavier, Flöte und Ziehharmonika“, weiß Helga Müller zu berichten. Die 76-Jährige kam wie ihr gleichaltriger Kollege Rolf Kill vom Zeller Kirchenchor und fühlt sich hier richtig wohl: „Das Singen macht großen Spaß, ob lustige Lieder oder passend zur Jahreszeit. Und finden wir mal eine Melodie zu schwer, beruhigt uns Hedwig gleich: „Ach, das lernt ihr.“ Gleichfalls zur ersten Stunde gehören Eberhard Binder, Inge Ludwig, Irene Serfass sowie Thek­la Schwegler. „Mich beeindruckt, mit wie viel Herzblut die Menschen mit Unterstützungsbedarf dabei sind. Es kommt nicht darauf an, perfekt zu singen, aber fast alle lernen die Texte auswendig, wissen genau, um was es in den Liedern geht und präsentieren diese mit Schwung und Bewegung“, lobt Rolf Kill.

Selbstredend, dass etwaige Eigenheiten oder gar Spleens akzeptiert werden und wie bei jedem Menschen einfach dazugehören. So achtet beispielsweise Thomas Koch auf sein Erscheinungsbild. Verlässt stets mit Krawatte das „Haus der Mitte“ und optimiert deren Sitz, während der Chor leidenschaftlich „Das wünsch ich Dir“, „Komm, und erzähl uns“ oder „Gerechtigkeit fließe“ schmettert. Ganz selbstbewusst im Trainingsanzug tritt dagegen Moritz Schiebel auf. Lässig die linke Hand in die Hosentasche gesteckt, verstärkt er laut singend die achtköpfige Männerriege. Meistens jedenfalls. Ab und zu kommt von Hedwig Schlecht auch eine Ansage, „ihr beiden Herrschaften, nicht reden, sondern singen“, mahnt sie ihre Pappenheimer. Für die studierte Kirchenmusikerin ist insbesondere die vielfältige Zusammensetzung eine große Bereicherung. „Ich möchte die Menschen mithilfe der Musik untereinander verbinden und ihnen etwas Positives für ihr Leben vermitteln. Die Älteren bekommen die Lebensfreude von den Jungen und die haben dadurch wiederum Kontakte auch außerhalb der Einrichtung, in der sie leben“, berichtet die 55-jährige Bad Bollerin, die sich ihre musikalische Arbeit ohne den integra­tiven Charakter gar nicht mehr vorstellen kann.

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