Weilheim und Umgebung

Es läuft schon lange Zeiten gut

Die Stadtbücherei Weilheim hatte die Liedermacherin Claudia Pohel zu Gast

Claudia Pohel begeisterte ihre Zuhörer in „hoimeliger Schlafanzug-Atmosphäre“. Foto: Sabine Ackermann
Claudia Pohel begeisterte ihre Zuhörer in „hoimeliger Schlafanzug-Atmosphäre“. Foto: Sabine Ackermann

Weilheim. Was für ein entspannter Abend in der Kapuzinerbühne der Stadtbücherei Weilheim. Claudia Pohel singt und plaudert mit Herz und Hirn in ihrer Muttersprache. So poetisch, humorig und auch tiefgründig

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kann Schwäbisch sein. „Weil das Leben gerade so ungemütlich ist, stimmt auch die Harfe nemme“, stellt Claudia Pohel fest, bevor sie sich mit einem Lied von George Moustaki den unruhigen Zeiten anschließen will. Mit geübten Griffen kurz an den Schrauben gedreht und schon erklingt „Temps de vivre“, was übersetzt „Zeit, zu leben“ heißt. Gewohnt einfühlsam und ungewohnt auf Französisch singt sie von einem Leben ohne Pläne und Gewohnheiten, einem Leben, in dem sich alles eines Tages ändern kann.

Ein schöner Beginn, auch weil der vermeintlich französische Sänger gebürtiger Ägypter ist. So besonders die Stimmung, so besonders das Ambiente der Kapuzinerbühne in der Stadtbücherei Weilheim. Ein kleines Podest, davor eine rosa blühende Azalee, ein Tannenzweig, etwas roter Stoff und erwartungsvolle Zuschauer, dahinter altes Fachwerk sowie zwei kleine Fenster. Nicht von ungefähr darf Bibliotheks-Mitarbeiterin Kathrin Theilig ihren Gast mittlerweile zum siebten Mal willkommen heißen. Schade, dass Flötistin Sabine Bartl aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnte, um die laut Pohels „hoimelige Schlafanzug-Atmosphäre“ mitzuerleben.

Liedermacherin? Singer-Songwriterin? Chansonsängerin? Egal, Claudia Pohel kann, was Talente anbelangt, aus dem Vollen schöpfen. Spielt mehrere Instrumente, malt, schreibt, dichtet und dringt wie keine andere auf lyrisch-musikalische Weise tief in die schwäbische Seele und deren Befindlichkeiten ein. Abwechselnd mit Harfe und Gitarre, mal singend, mal philosophierend, greift sie in ihre gut gefüllte Schatzkiste schwäbischen Lied- und Kulturguts aus eigener Feder. Erzählt vom Urvertrauen sowie von „Riabagoischtern“ auf dr Alb, der Region, wo der liebe Gott einst die Nacht erfunden hat. Verrät unter Gelächter Elvines schockgefrostete Erkenntnis über „eiskalte Fiass“ ihres aktuellen Bettgesellen oder outet sich als eingefleischter „Gräbelesschlofer“ und weckt damit bei so manchem Zuschauer kuschlige Kindheitserinnerungen.

Doch Claudia Pohel kann auch ernst. Hinterfragt in „Meineid“ den Ehrenkodex der Strafverteidiger, greift mit „Goldmedaillen für Testmäuse“ Dopingskandale auf, wo der Sieger-Läufer prahlt und die Maus „Aber-Kadaver . . . pieps“ im Sondermüll landet und stellt anhand alkoholisierter Jugendlicher lakonisch fest: „Heit han i mei Rente em Park laufa seh“. Nur konsequent, dass die bodenständige Künstlerin anschließend ihr Publikum zum gemeinsamen „Romjaumara“ (rumjammern) animiert. Immer am Puls der Zeit (er)kennt die Liedermacherin den Duktus eines „Maulwurfs (whistle blower)“ beim FC Bayern oder im Vatikan gemäß dem Grundsatz: „Ein Wörtchen in Ehren, kann niemand verwehren“. Nicht schlüpfrig, sondern vielmehr lustig geht es dagegen beim „Kriminal-Tanga“ zu, selbst dann, wenn eine Ehefrau dabei zur Giftmörderin wird.

Charmant, natürlich und mit einnehmender Stimme fesselt Claudia Pohel wie eine gute Freundin ihr Pub­likum, ganz besonders in den leisen nachdenklichen Tönen. Ihre neue Ballade „Thron aus Gold“ muss sich, was Text und Melodie angeht, keinesfalls hinter den Großen aus der deutschen Liedermacherszene verstecken. „Es lief schon lange Zeiten gut, zu gut – ich bin schon auf der Hut. Das Gutgefühl kann so tief fallen und nach dem Hype ist bei uns allen . . . nicht selten Tiefe abzuseh‘n. Es thront sich gut im goldenen Flimmer, der Thron aus Gold ist nicht für immer“, beschreibt sie das Hier und Jetzt, eine Zeit, die so viel Leid und Veränderungen mit sich bringt. Ergreifende Worte, die Gänsehaut verursachen.