Weilheim und Umgebung

Fast jedes Teil findet neue Besitzer

Ehrenamtspreis Seit fünf Jahren ist die Kleiderkammer eine feste Institution in Weilheim. Immer mehr Menschen kommen dorthin, weil sie ressourcenschonend einkaufen wollen. Von Bianca Lütz-Holoch

Kindersachen stehen in der Kleiderkammer hoch im Kurs. Birgit Wilcke, Michaela Klamt-Stiehler und Tina Schmid (von links) sortie
Kindersachen stehen in der Kleiderkammer hoch im Kurs. Birgit Wilcke, Michaela Klamt-Stiehler und Tina Schmid (von links) sortieren Schulranzen, Puzzles, Stofftiere und Kleidung ein. Foto: Jean-Luc Jacques
Nach drei Stunden auspacken, sortieren und einräumen können die sechs Frauen vom ehrenamtlichen Weilheimer Kleiderkammer-Team erst einmal durchschnaufen. Immer dienstagnachmittags treffen sie sich und sichten all die Dinge, die spendierfreudige Menschen aus Weilheim und Umgebung abgegeben haben: Kleidung für Damen, Herren und Kinder, Gläser, Teller, Puzzles, Spielsachen, Taschen und Bettwäsche. Alles, was intakt ist und zur Jahreszeit passt, wird ordentlich in Regale gestellt und gestapelt oder auf Ständer gehängt und für den kommenden Samstag vorbereitet. Denn dann öffnet die Kleiderkammer in der Hofstraße wieder ihre Pforten für Besucher.

Was vor fünf Jahren unter dem Dach des AK Asyl als Hilfsprojekt für Geflüchtete begann, hat sich zu einem beliebten Treffpunkt für Menschen jeden Alters und jeglicher Herkunft gemausert. An einem regulären Samstag bilden sich vor der Tür schon mal Schlangen von bis zu 50 Personen.

„Mittlerweile sind 50 Prozent unserer Kunden Deutsche“, sagt Birgit Wilcke vom Kleiderkammer-Team. Alleinerziehende oder ältere Menschen mit kleiner Rente nutzen die Gelegenheit, günstig oder kostenlos an gebrauchte Kleidung, Spielsachen oder Haushaltsartikel zu kommen. „Viele kommen aber auch einfach aus Gründen der Nachhaltigkeit“, weiß An­drea Lube. Nicht selten gibt jemand einen Karton mit ausgedienten Kleidern ab und schaut dann schnell, ob er etwas findet, das den eigenen Kleider- oder Küchenschrank bereichern könnte. Auch junge Mütter nutzen gerne das Angebot an Kindersachen, aus denen der Nachwuchs schnell rauswächst – und bringen die Teile ein paar Monate später wieder zurück. „Wir haben aber auch junge Mädels, die ganz scharf auf Originalsachen aus den Achtzigerjahren sind“, sagt Andrea Lube. „Das ist im Moment total angesagt.“

Die Erfahrung der Frauen: Die meisten Sachen finden innerhalb kurzer Zeit neue Besitzer. „Manchmal haben die Leute Zweifel, wenn sie etwas Altmodisches abgeben“, erzählt Tina Schmid, die samstags die Waren annimmt. Das sei in der Regel aber gar nicht nötig. So habe neulich ein Satz Vorhänge mit typischem Siebzigerjahre-Muster postwendend eine neue Bestimmung in einem Kinderzimmer gefunden. Ladenhüter und anderes, das die Team-Mitglieder für untauglich befinden, landen aber auch nicht im Müll. Ausrangierte Kleider spenden sie an die evangelische Mission „Licht im Osten“. „Allerdings geht das im Moment nicht, weil aufgrund von Corona keine Transporte stattfinden“, so Tina Schmid.

Immer wieder sind spannende Schmankerl dabei: „Manchmal weiß man erst gar nicht, wofür die Dinge gedacht sind, die abgegeben werden“, erzählt Birgit Wilcke. So wie etwa die grünen Silikonformen. „Ich habe gegoogelt und herausgefunden, dass man damit Gläser aus Eis herstellen kann.“

Dass sie selbst auch Kunden der Kleiderkammer sind, ist für die Frauen selbstverständlich. „Ich habe seit fünf Jahren keine Oberbekleidung mehr im Laden gekauft“, sagt Birgit Wilcke. Alles, was sie sich an Hosen, T-Shirts oder Pullovern zulegt, stammt aus dem Fundus der Kleiderkammer.

Nachhaltig ist die Institution übrigens noch in anderer Hinsicht: „Die Kleiderkammer trägt sich selbst“, sagt Birgit Wilcke. „Aus den Einnahmen können wir die Miete bezahlen.“

Für viele Besucher ist die Kleiderkammer aber viel mehr als nur ein Ort, an dem man sich mit Gegenständen eindeckt. Über die Jahre sind enge Kontakte entstanden. So mancher nutzte den Samstagvormittag für einen Schwatz mit dem Team oder anderen Kunden. Mit Corona ist das allerdings anders geworden. Von Ende März bis Ende Mai war die Kleiderkammer ganz zu. Seither darf nur eine begrenzte Anzahl an Personen ins Haus und die einzelnen Räume. „Wir haben deshalb auch die Öffnungszeiten ausgedehnt“, so Andrea Lube.

Aber selbst während der kompletten Schließung hat das Team Bedürftige nicht auf dem Trockenen sitzen lassen. „Ich habe Koffer mit Spielsachen und Büchern für die Kinder vor die Tür gestellt“, erzählt Birgit Wilcke. Außerdem hat sie für Flüchtlingsfamilien, die besonders dringend auf Hilfe angewiesen waren, Sonderöffnungen organisiert.

Das Engagement des Teams wissen die meisten Besucher durchaus zu schätzen: „Mal bringen sie Tee mit, mal Gerichte aus ihrer Heimat“, erzählen die Frauen und versichern: „Man bekommt etwas zurück.“

Einst im Kellerraum, heute in der Hofstraße

Gegründet wurde die Weilheimer Kleiderkammer vom AK Asyl vor beinahe genau fünf Jahren - im August 2015. Damals zogen 99 Flüchtlinge in die Unterkunft beim Weilheimer Sportgelände und mussten mit Kleidung versorgt werden.

Zunächst befand sich die Kleiderkammer in einem kleinen Kellerraum des Bildungszentrums Wühle.

Im Oktober 2015 zog sie dann in die Forststraße. Der CVJM stellte die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung. Weil immer mehr Familien dazukamen, wurden Haushaltswaren, Bettwäsche, Handtücher, Spielsachen und Kleidung ins Sortiment aufgenommen.

Seit August 2019 befindet sich die Kleiderkammer im Obergeschoss der Hofstraße 2 in Weilheim.

Geöffnet ist aktuell samstags von 8 bis 12 Uhr. Während dieser Zeit werden auch Waren angenommen. Jedes Kleidungsstück für Erwachsene wird für einen Euro abgegeben, Kinderkleidung für 50 Cent pro Stück. Haushaltswaren kosten nichts.bil

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