Weilheim und Umgebung

Flagge zeigen in der Isolation

Reise Wegen Corona hängen der ehemalige Kreisvorsitzende des DGB, Wolfgang Scholz, und seine Frau Anita auf einem Campingplatz in Südspanien fest. Den Tag der Arbeit wollen sie trotzdem feiern. Von Thomas Zapp

Der Strand ist abgesperrt: Foto: pr
Der Strand ist abgesperrt: Foto: pr

Am 1. Mai wird auf dem Campingplatz „El Portús“ in der Nähe von Cartagena in Südostspanien ein einsames DGB-Fähnchen vor einem der Bungalows wehen. Dafür sorgen auf jeden Fall der ehemalige DGB-Kreisvorsitzende Wolfgang Scholz und seine Frau Anita aus Kirchheim. Immerhin ein schwacher Trost in der spanischen Einsamkeit. Die beiden „Wandervögel“ hängen wegen Corona in ihrem Winterdomizil fest. „Das ist ärgerlich“, sagt Wolfgang Scholz. Der Tag der Arbeit ist für den Vollblut-Gewerkschaftler der wichtigste Tag des Jahres, seit 50 Jahren ist er IG-Metall-Mitglied. Aber es geht ihm derzeit wie allen Gewerkschaftlern: Demonstriert wird zu Hause. Wenigstens gibt es das Internet. „Wir sind um 11 Uhr auf einer virtuellen DGB-Kundgebung dabei, via Streaming“, erzählt er am Telefon. Zum Glück hatten sie Mitte März in einem Geschäft für Telekommunikation ihre mobilen Router noch einmal aufladen können. So lässt sich die rigorose Ausgangssperre in Spanien etwas besser ertragen und in Erinnerungen schwelgen. „Letztes Jahr waren wir im französischen Baune auf einer Kundgebung, das war toll.“

Das Ehepaar Wolfgang und Anita Scholz hat im Mai 2017 nach drei Jahrzehnten seine Zelte in Kirchheim abgebrochen und ist seitdem mit seinem Wohnwagen „on the road“. Beide wollten ihre Rente auf Reisen verbringen und die Welt kennenlernen. Über Skandinavien und das Baltikum ging es über Frankreich nach Spanien. Dabei konnten sie ihre Freude an Kundgebungen auch fernab der Heimat ausleben. „Wenn es Demonstrationen in unserem Sinne gab, waren wir mit dabei“, erzählte Anita Scholz vor einigen Jahren im Teckboten, wie den Frauentag am 8. März oder eben den Tag der Arbeit, den sie meistens in Frankreich verbrachten.

In Cartagena in der Provinz Murcia sind sie seither regelmäßig, um dort den milden Winter zu genießen, bei angenehmen Wassertemperaturen und 15 bis 20 Grad warmer Luft. Eigentlich hatten sie geplant, im März auf ihren „Sommer-Platz“ in Baden-Württemberg zu fahren. „Wir hatten bei Regen das Vorzelt ausgeräumt und das Auto gepackt“, erzählt Wolfgang Scholz. Da erreicht ihn eine Email. Der Inhalt: Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat verfügt, dass ab sofort alle öffentlichen und privaten Campingplätze geschlossen bleiben. „Wir können nicht mehr nach Hause. Jetzt sind wir Gefangene“, notiert er in seinem Internet-Reiseblog www.zwei-landstreicher.de.

So schön es auf dem Platz direkt an der Costa Cálida, der warmen Küste, auch ist: derzeit herrscht auch dort vor allem Isolation. In Spanien dürfen Privatpersonen in ihrer Freizeit nur zum nächsten Supermarkt unterwegs sein, um Lebensmittel zu kaufen. Zumindest kann der passionierte Koch einem seiner Lieblingshobbys weiter fröhnen. „Einen Lagerkoller haben wir noch nicht“, sagt er. Auf dem Campingplatz tut man alles Mögliche, um die rund 30 Hängen-Gebliebenen, überwiegend Holländer und Deutsche, bei Laune zu halten. Es handelt sich um Langzeiturlauber, der normale Betrieb ist eingestellt worden.

Das Restaurant verwandelt sich in einen Mini-Supermarkt, das Essen wird zum Mitnehmen zubereitet, auch ein Einkaufsservice zum nächsten Supermarkt im Dorf wird angeboten und abends spielt ab und zu eine Band. Wochenlang hat das Kirchheimer Ehepaar die Anlage nicht verlassen. Den spanischen Slogan „Quédate en casa“ - „Bleib zu Hause“, der auch schon in einem Lied vertont wurde, nehmen sie wörtlich und sind überzeugt von den rigiden Maßnahmen der spanischen Regierung. „Wir fühlen uns hier sicherer als in Deutschland, dort sind die Maßnahmen lockerer“, sagt Wolfgang Scholz, der sowohl deutsche als auch spanische Nachrichten verfolgt.

Was Wolfgang und Anita Scholz und die anderen Camper vielen Leuten „draußen“ voraus haben: Sie können auch in der Quarantäne nach wie vor einer ihrer größten Leidenschaft fröhnen, der FKK, denn El Portús ist ein Nackt-Campingplatz. Nur auf den Sprung ins Meer müssen sie derzeit verzichten, denn der Strand ist gesperrt.

 

Auf ihrem Blog informieren die beiden ständig über den neuesten Stand ihrer Reise: www.zwei-landstreicher.de

Sind seit 2017 auf Reisen: Das Kirchheimer Ehepaar Wolfgang und Anita Scholz. Derzeit ist ihnen an ihrem Domizil in Cartagena de
Sind seit 2017 auf Reisen: Das Kirchheimer Ehepaar Wolfgang und Anita Scholz. Fotos: Carsten Riedl
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