Weilheim und Umgebung

Freiheit leben im rollenden Zuhause

Weltreise Ralf Hokenmaier und Maren Huber starteten los, um auf unbestimmte Zeit zu arbeiten und zu leben, wo es ihnen gefällt – dafür haben sie in Bad Boll alles aufgegeben. Von Sabine Ackermann

Eng, aber mit einem Hauch von Komfort: Im Inneren von „Opa Theo“ ist sogar Platz für ein Bücherregal.Foto: Sabine Ackermann
Eng, aber mit einem Hauch von Komfort: Im Inneren von „Opa Theo“ ist sogar Platz für ein Bücherregal.Foto: Sabine Ackermann

Jährlich wandern über 100 000 deutsche Staatsbürger aus und kehren ihrer Heimat den Rücken, falls sie nicht unfreiwillig zu Rückkehrern werden. Dass Ralf Hokenmaier und Maren Huber wieder nach Hause kommen, ist schon vor der „Reise ins Ungewisse“ beabsichtigt.

Im Grunde hatte ihr Prozess, „alles noch mal auf null zu setzen“ begonnen, als sie für private Hilfsaktionen nach Griechenland reisten. Im Dezember 2015 hatten sie in einer Hau-Ruck-Aktion 23 000 Euro Spenden gesammelt, damit einen gebrauchten Krankenwagen ausstatten lassen und ihn selbst auf die Insel Lesbos gefahren. Im April und Oktober 2016 waren es Kleider- und Sachspenden, die den Flüchtlingen auf der Insel und in Athen weiterhalfen. Tiefgreifende Erlebnisse, die vieles infrage stellten.

Das Ehepaar lebte und arbeitete seit zwanzig Jahren in einem Zweifamilienhaus mit Garten und war dort mit ihrer eigenen Werbeagentur sehr erfolgreich. Finanziell ging es der Patchwork-Familie mit drei erwachsenen Kindern gut, „und trotzdem waren wir nicht glücklich“, beschreibt Ralf Hokenmaier die damalige Situation. Gerade mal elf Tage Urlaub im Jahr, nie Zeit füreinander, geschweige denn für die Familie. „Stress, Hetze, Termine, so hatten wir uns das alles nicht vorgestellt“, zieht der 50-Jährige Bilanz.

Eng, aber mit einem Hauch von Komfort: Im Inneren von „Opa Theo“ ist sogar Platz für ein Bücherregal.Foto: Sabine Ackermann
Eng, aber mit einem Hauch von Komfort: Im Inneren von „Opa Theo“ ist sogar Platz für ein Bücherregal.Foto: Sabine Ackermann

Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, wo beide den Tatsachen ins Auge blickten: „Weitermachen wie bisher und im Burn-out enden oder gemeinsam das Leben ändern“, zählt der Bad Boller die Alternativen auf. Letztendlich war klar: „Wir ziehen unter unser altes Leben einen Schlussstrich.“ Gemeinsam wurden mögliche Ideen ausgelotet - vom Zirkuswagen im Nirgendwo bis zum Trend Tiny House im Garten der Schwiegereltern, erinnert sich Ralf Hokenmaier. Dann die Entscheidung: Im Frühjahr 2018 verkaufte das Ehepaar Haus und Firma und lös­te größtenteils seinen Hausstand auf. Ein komfortables Wohnmobil wurde angeschafft, und mit diesem ging es auf große Reise.

Die ersten Ziele der zwölfmonatigen Auszeit: die griechischen Inseln, Israel, Jordanien, Kambodscha und Vietnam. Im Juli letzten Jahres kamen sie nach Bad Boll zurück - die einjährige Bewährungsprobe auf wenigen Quadratmetern war bestanden. „Man braucht Res­pekt und darf den anderen nicht verändern wollen“, nennt Ralf Hokenmaier das Geheimnis des reibungslosen Zusammenseins.

Jetzt geht es also nochmals los. Am Anfang stehen Marokko, Iran und das Baltikum auf dem Programm. Maren Huber ergänzt: „Wohin wir fahren und wie lange wir an einem Ort bleiben, lassen wir offen.“ Auf unbestimmte Zeit auf Achse - vor dem Ehepaar liegen Tage und Nächte auf elf Quadratmetern. Einziger Fluchtweg im rollenden Wohnzimmer ist die Fahrerkabine. Und die gehört zu einem 52 Jahre alten schilfgrünen Mercedes-Benz 911, liebevoll „Opa Theo“ getauft, Baujahr 1966, 50 000 Kilometer auf dem Buckel, 130 PS und 7,5 Tonnen schwer. Ein Diesel ohne Elektronik oder sons­tigen Schnickschnack, dafür mit 2,20 Metern Innenhöhe. Schon auf Lesbos begab sich der 50-jährige Bad Boller im Internet auf die Suche nach einem solchen Modell. „Der Kurzhauber ist nahezu weltweit verbreitet und kommt so der Ersatzteilbeschaffung und des Selberschraubens sehr entgegen“, nennt er die Vorteile. Und das Ehepaar wurde fündig. „Gesehen und für 26 000 Euro gekauft“, so Ralf Hokenmaier. Der TÜV ist längst durch, und die letzten Monate baute sich das Ehepaar sein rollendes Zuhause nach Maß: Parkettboden aus Birkenholz, ein bequemes Bett, 1,40 auf zwei Meter, eine Sitzgruppe zum Aufklappen mit Tisch, eine Küchenzeile mit überschaubarem Komfort wie Kompressor-Kühlschrank, Gasherd, Spüle, Dusche und WC. Wichtigster Luxus: ein Bücherregal mit 100 Büchern, ein 300 Liter fassender Wassertank, ein ergiebiger Lithium-Ionen-Akku, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. „Meine Frau braucht Strom für ihr Laptop, sie ist die digitale Nomadin“, scherzt Ralf Hokenmaier, und Maren Huber ergänzt: „Ein bisschen arbeite ich noch, mache die Werbung für ein paar Kunden.“

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