Weilheim und Umgebung

Freiheit und Hoffnung dank Glauben

Religion Die Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer setzte sich mit der Kritik an den Kirchen auseinander und sprach darüber, wie ihr der Glaube Halt schenkt. Von Iris Häfner

In der Weilheimer Peterskirche sprach die beliebte Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer über Kirche, Glaube und Religion. Das Duo „Voc
In der Weilheimer Peterskirche sprach die beliebte Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer über Kirche, Glaube und Religion. Das Duo „Vocal Affair“ bezauberte das Publikum mit seiner Musik. Fotos: Carsten Riedl

Lange vor Veranstaltungsbeginn strömten die Menschen in Richtung Peterskirche. Dr. Luzie Panzer, die bekannte und beliebte Stuttgarter Rundfunkpfarrerin war der Einladung der Stiftung Peterskirche gefolgt und sprach im Weilheimer Schmuckstück über „Kirche, Glaube Religion - wozu braucht‘s das heute noch?“.

„Wir sind allesamt zum Tod gefordert, und keiner wird für den andern sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen“, mit diesem Paukenschlag - wie sie selbst formulierte - begann Lucie Panzer ihren Vortrag. Diese Worte stammen von Martin Luther, die er in Bezug auf Ostern 1521 schrieb. „Am Vorabend des Reformationstags darf das sein“, sagte sie. Jeder für sich müsse auf den Tod selbst vorbereitet sein, niemand anderes könne dies übernehmen. „Jeder ist selbstverantwortlich für das, was er denkt und tut.“ Diese Sicht war zu Zeiten Luthers ebenfalls ein Paukenschlag. Bis dahin galt: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, nur im Schoß dieser Institution war man sicher. Der Ablasshandel war eine feine Sache, von seinen Sünden konnte man sich freikaufen. „Dann kam Luther und erklärte: Da machen wir es uns zu einfach. Jeder muss wissen, was er glaubt und kann nicht nur auf den Priester bauen. Die Autonomie des Menschen fing damit an“, erklärte die Pfarrerin.

Rund 150 Jahre später folgte die Aufklärung. „Damit wurde die Vernunft auf den Schild gehoben, Gott ist jenseits aller Vernunft. Die Aufklärung ist Fortschritt und der Glaube reine Privatsache. Allenfalls alte Frauen und Kinder glauben. Für viele ist es absolut peinlich, über den Glauben zu sprechen - und somit geriet er immer mehr in Vergessenheit“, sagte sie. Nazi-Herrschaft und DDR-Diktatur haben dafür gesorgt, dass bereits in der dritten Generation der Glaube fremd ist. „In der Lutherstadt Wittenberg gibt es noch sieben Prozent Christen.“ Diese Aussage hatte ein Raunen in der Peterskirche zur Folge.

Der Glaube als Quelle des Lebens

„Die Welt hat sich verändert und tut das immer schneller“, sagte Lucie Panzer und nannte drei Bereiche: Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung. Die Welt habe keine Grenzen mehr, die Zusammenhänge sind kompliziert. Alles sei inzwischen möglich, es gebe unendlich viele Lebensweisen. Wer kein Fundament habe, fürchte den Glauben anderer umso mehr. „Die einen werden zu Fundamentalisten, die anderen basteln sich ihren Glauben selbst zusammen“, so die Pfarrerin. Der christliche Glaube sei irgendwie beliebig geworden, man kann auch ohne ihn leben.

Für Lucie Panzer ist er jedoch die Quelle des Lebens. Sie hat dadurch Halt gefunden in dieser Zeit des Wandels. Er ist für sie eine Rückbindung: „Gott hat mir Nähe versprochen und hilft, dass ich auch Schwieriges tragen kann.“ Glaube gibt ihr auch Orientierung. Als Folge der Reformation sei das Gewissen als oberste Instanz wiederentdeckt worden, dann habe aber mehr und mehr die Vernunft das Handeln übernommen. „Aber nicht alles ist menschlich, was vernünftig ist. Wollen wir das?“, fragte sie im Hinblick auf das Abtreiben von behinderten Kindern. Für sein Gewissen müsse jeder die Verantwortung übernehmen. „Leben kann nicht gelingen, wenn es auf Kosten anderer aufgebaut ist.“ Der Glaube ermöglicht ihr Freiheit, sie braucht keinen anderen Machthaber als Gott. „Das macht mich gelassen im Umgang mit anderen Religionen, ich kann frei leben. Wer an Jesus glaubt, hat Gott an seiner Seite.“ Hoffnung sei ebenfalls wichtig, sonst habe man kein Ziel, für das sich Anstrengung lohnt. „Wenn der Starke sich für den Schwachen engagiert, können es alle gut haben.“ Beten zeugt ihrer Ansicht nach davon, dass man die Hoffnung nicht aufgibt und auf Gott vertraut. „Öffentliche Gebete sind wichtig, etwa das Friedensgebet. Beten zeigt: Gott lässt unsere Welt nicht im Stich“, setzt Lucie Panzer auf diese Kraft.

Den Abend mit passenden, stimmungsvollen Liedern eröffnete und schloss das Duo „Vocal Affair“. Sandra Schöne erfüllte mit ihrem Gesang den Kirchenraum, Patrick Schwefel begleitete sie am Klavier, mit Akustikgitarre und Stimme. Pfarrer Matthias Hennig übernahm in seiner Kirche - ortsbildprägendes Kulturdenkmal und Wahrzeichen der Stadt - die Moderatorenrolle.

Drei Fragen an Lucie Panzer

1. Wie sind Sie zum Glauben gekommen?

An Jesus Christus zu glauben, war für mich vom Elternhaus und von der Kinderkirche an selbstverständlich. Dieses Vertrauen ist nie wirklich ins Wanken gekommen - es hat sich bloß verändert. Ist „erwachsen“ geworden. Dass ich Pfarrerin werden möchte, hat sich erst im Lauf des Theologiestudiums entwickelt.

2. Welche Bedeutung hat der Glaube für Sie?

Mir gibt der Glaube Halt, Orientierung, Freiheit und Hoffnung. Ohne Vertrauen auf Gott hätte ich nicht den Mut, mich für das Leben zu engagieren. Darüber habe ich in meinem Vortrag Auskunft gegeben.

3. Sehen Sie sich als Missionarin?

Missionarin sein heißt „geschickt sein“. Ich begreife es in der Tat als meine Aufgabe, anderen weiterzugeben, was mir Mut und Hoffnung macht. Ich möchte Orientierung geben für das Leben heute. Dazu hat Gott mir Begabungen gegeben. Ich hoffe, ich kann sie sinnvoll einsetzen. ih

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