Weilheim und Umgebung

Für eine Nacht weit weg vom Alltag

Freizeit Naturliebhaber können ab sofort im Schäferwagen auf der Hiltenburg bei Bad Ditzenbach übernachten. Wie fühlt sich das an, zwischen Bäumen und Burgruinen zu schlafen? Ein Selbstversuch von Kathrin Bulling

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Blick von oben auf die Hiltenburg: Der Schäferwagen ist vorne unter den Bäumen zu erkennen. Foto: Alexander Jennewein

Am Horizont liegt noch ein schmales Band Orange, darüber türmen sich tintenblaue Wolken. Aus den Tälern steigen still und leise Nebelschwaden empor. Es ist 21 Uhr. Während in den Häusern Bad Ditzenbachs die Lichter angehen, versinkt die Hiltenburg im blauen Dämmerlicht, das der Nacht vorangeht. Unter den Bäumen zwischen den Bruchstücken der ehemaligen Hiltenburg liegt mein Zuhause für diese Nacht: der Albtrauf-Schäferwagen der Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf (ESA).

Bislang machte das kleine Gefährt bei Messen und Veranstaltungen Werbung für die Erlebnisregion, ESA-Geschäftsführerin Isabell Noether hatte aber schon lange vor, den Wagen für Übernachtungen anzubieten. „Innovative Übernachtungskonzepte sind im Kommen“, sagt sie. „Wir wollen damit Naturliebhaber und Wanderer ansprechen, die Lust auf ein Abenteuer haben.“

Kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung: Tatsächlich fühle ich mich - nur 20 Minuten Fußmarsch von Bad Ditzenbach entfernt - ganz schnell ganz weit weg vom Alltag. Was ich für die Übernachtung brauche, habe ich im Rucksack hochgetragen: Essen sowie Wasser fürs Zähneputzen und Händewaschen ebenso wie warme Skiunterwäsche für die angekündigte kalte Nacht mit Temperaturen knapp über null Grad.

Dass der Schäferwagen auf dem Schlossberg oberhalb von Bad Ditzenbach stehen darf, ist eine hart erkämpfte Ausnahme, wie Noether erklärt. Die Hiltenburg liegt im Naturschutzgebiet und ist archäologische Ausgrabungsstätte. Zudem brauche es für mobile Gefährte wie den Schäferwagen normalerweise eine Baugenehmigung.

Etliche Gespräche im Landrats­amt, mit Naturschutz und Forstamt seien nötig gewesen, bis die Duldung vorlag, berichtet Noether; Bad Ditzenbachs Bürgermeister Herbert Juhn habe sich sehr dafür eingesetzt. Bis Ende September läuft der Testbetrieb, dann geht es für den Schäferwagen zurück ins Winterquartier. Anschließend könnte er jedes Jahr einen anderen Standort in einer der ESA-Gemeinden bekommen - so wünscht es sich jedenfalls Isabell Noether.

Plüschlöwe und Schokolade

Mit viel Liebe fürs Detail haben sie und ihre Praktikantin Christina Mayer den Schäferwagen eingerichtet: Die grün karierten Vorhänge passen zur Bettdecke, vor den Fenstern hängen Blumenkästen, und auf dem Kopfkissen sitzt ein kleiner Plüschlöwe stellvertretend für die Löwenpfade neben einem Schokoladen-Betthupferl. Jeden Gast erwartet ein Albtrauf-Säckle mit Spezialitäten der Region. Sogar eine Uhr, einen Spiegel und LED-Lampen gibt es.

Dass eine Tourismusorganisation eine solche Übernachtungsmöglichkeit anbietet, sei untypisch, meint Noether. „Wir müssten das nicht machen, aber wir haben Spaß an unserem Job und wollen den Tourismus in unserer Region weiter voranbringen - vielleicht können wir andere motivieren, auch so etwas anzubieten.“ Sie und ihre Mitarbeiterin strampeln künftig mit dem E-Mountainbike hinauf, wechseln Bettwäsche und bereiten den Wagen für neue Gäste vor.

So richtig abenteuerlich wird es, als die Nacht hereinbricht. Die Zähne putze ich mir unter dunklen Bäumen stehend; die Stille nur gelegentlich unterbrochen vom „Ploink“ herabfallender Regentropfen, die auf dem Blechdach meiner Schlafstätte landen, und dem Schrappen eines über dem Täle kreisenden Hubschraubers. Die Kälte treibt mich hinein und unter die warmen Decken. Jetzt noch mal zur mobilen Toilette? Ach, das kann auch bis morgen warten, denke ich, bevor mir die Augen zufallen.

Der nächste Morgen ist Sonnenschein, Vogelgezwitscher und pure Freude. Die Hiltenburg gehört mir ganz allein, und ich genieße den Weitblick und die Einsamkeit, bis die ersten Wanderer auftauchen. Bis Ende September steht der Schäferwagen dort oben. Ich glaube, ich statte ihm noch mal einen Besuch ab.

 

Buchen lässt sich der Schäferwagen über die Online-Plattform www.airbnb.de - Stichwort Burgruine Hiltenburg, Bad Ditzenbach. Maximal zwei Personen können in dem zehn Quadratmeter großen Wagen übernachten, Kosten: 70 Euro.

Check-in am Wochenende ist nur bedingt möglich; Zugang über eine Schlüsselbox mit Code. Der Wagen ist unbeheizt, es gibt weder Strom noch Wasser, dafür eine mobile Toilette. Mülleimer, Sitzplätze und eine Grillstelle sind vorhanden.

Die Hiltenburg erreicht man zu Fuß von Bad Ditzenbach aus in etwa 20 Minuten. Eine Anfahrt mit dem Auto ist allerdings nicht erlaubt. An Sonn- und Feiertagen gibt es noch die Möglichkeit, die Ausstellung „Geschichte im Turm“ zu besuchen. kb

Bad Ditzenbach - ESA Schäferwagen wird auf der Hiltenburg aufgestellt.
Im Inneren herrschen Gemütlichkeit, Bettwäsche und passende Vorhänge. Foto: Alexander Jennewein
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