Weilheim und Umgebung

Geschichten über Leben und Vergänglichkeit

Sabine Fleischmann fordert in ihren Bildern zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Alltag auf

Holzmaden. Kunst kann schön und dekorativ sein, zur Farbe einer Wand oder einfach zur Zimmerausstattung passen. Sie kann aber auch darüber

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hinausgehen, Impulse setzen, Fragen aufwerfen und zur Auseinandersetzung auffordern, indem sie Geschichten erzählt, die ohne Worte auskommen. So wie die Werke von Sabine Fleischmann.

Mit Pinsel und Ölfarben greift die Holzmadener Künstlerin ins volle Menschenleben. Einerseits erfassen ihre Arbeiten Objekte der Natur und des täglichen Lebens in ihrer Schönheit, andererseits vermitteln sie einfühlsam verschlüsselte Botschaften und gedankliche Inhalte, die von Betrachter zu Betrachter variieren. Fleischmann übersetzt aktuelle Themen und solche, die sie ganz persönlich beschäftigen in Bildsprache. „Die Inhalte müssen nicht immer sozial-kritisch sein“, erzählt sie, während ihr Blick auf ein Bild fällt, das einen Postboten zeigt, der die Straße entlangeilt.

„Ich habe ihm zugesehen, wie er bei strömendem Regen und in der Kälte Briefe ausgetragen hat“, erinnert sich Sabine Fleischmann. „Ich fragte mich, ob zu Hause eine Frau auf ihn wartet und ob sie noch da ist, wenn er sich verspätet, weil er viel zu viele Briefe austragen musste.“ Wie der Betrachter die Momentaufnahme letztlich deutet, bleibt seinem eigenen Erfahrungs- und Erkenntnishorizont überlassen, wie Fleischmann erklärt. Wichtig ist für sie der visuelle Impuls, der die Geschichte im Kopf des Betrachters zum Laufen bringt.

Ein Anspruch, der sich auch in ihren aktuellen Arbeiten rund um das Thema Ernährung widerspiegelt. Die Frage, die die Basis für die Malereien in diesem Bereich bildet, ist jene nach der Verantwortung, die die Menschheit im Umgang mit Natur und Umwelt trägt. Äpfel, die zerfließen oder ohne am Baum zu reifen aus sich selbst heraus wachsen, erscheinen laut Sabine Fleischmann auf den ersten Blick unwirklich. „Doch wenn man bedenkt, dass Obst und Gemüse zwischenzeitlich auf Nährwolle oder Nährflüssigkeit gezüchtet werden oder Nahrungsmittel wie Weizen genmanipuliert sind, dann erscheint die Frage, was wir täglich zu uns nehmen und welche Folgen sich daraus ableiten, gar nicht mehr so unwirklich.“

Die Werke dieses Themengebietes erinnern an das Stillleben niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts. Die Künstlerin arbeitet mit Pigmenten, die sie mit Lein- oder Walnussöl anrührt. Pigmente aus Erdbestandteilen oder Eisenoxid berichten von Leben und Vergänglichkeit. „Ich liebe Farben, für die die deutsche Sprache keine Namen mehr hat“, erzählt Sabine Fleischmann. „Farben wie das aus Schiefer gewonnene Schiefergrün oder das aus einer natürlichen Erde gewonnene Pigment der Farben Umbra oder Ocker sind Beispiele für die Vielzahl der Schätze, die auf unserem Planeten vorkommen.“ Das haucht den Werken der Holzmadener Künstlerin Leben ein und verleiht ihnen eine ganz eigene kraftvolle Dynamik.

Jede Farbe muss die Künstlerin erst anrühren und mischen. So entsteht ein völlig individuelles Ergebnis. Mit den vorwiegend aus Erden gewonnenen Farben, die Fleischmann bevorzugt einsetzt, erzielt sie auch Zwischentöne, die sich dem Betrachter erst allmählich erschließen, weil sie je nach Lichteinfall und Standort variieren. „Was schwarz erscheint, ist eigentlich schwarzviolett“, erklärt die Holzmadenerin, deren Werke mittels sanfter Zwischentöne Themen über mehrere Ebenen transportieren und so auch Inhalte im Wandel der Zeit präsentieren.

Sabine Fleischmann hat Grafik-Design studiert und in der Werbebranche gearbeitet. „Das heißt, ich hatte ein Produkt und habe es so beworben, dass die Zielgruppe den Geldbeutel aufmachte“, sagt die 49-Jährige. „Das war für mich nicht das Richtige. Mit dieser Vereinheitlichung und Schematisierung konnte ich mich nicht identifizieren und entschied mich, Bildende Kunst in Nürtingen zu studieren.“ Seit ihrem vierten Lebensjahr malt Fleischmann und hat damit nie aufgehört. „Die Malerei ist ein Prozess, ein ständiges Lernen, ein Sammeln von Erfahrungen und etwas, für das auch Frustrationstoleranz nötig ist“, berichtet die Künstlerin. „Aber ein anderer Beruf wäre für mich nie infrage gekommen.“ Inspiration und Erholung findet Sabine Fleischmann mit dem Zeichenbuch in der Hand bei ihren Streifzügen durch die Natur oder bei ihren beiden Alpakas – eine Tierart, für die sie sich seit 1989 immer wieder von Neuem begeistert.

Weitere Informationen und Bilder finden Interessierte im Internet unter www.terramata.de.

In ihrem Atelier in Holzmaden beschäftigt sich Sabine Fleischmann derzeit mit brisanten Fragestellungen rund um das Thema Ernähr
In ihrem Atelier in Holzmaden beschäftigt sich Sabine Fleischmann derzeit mit brisanten Fragestellungen rund um das Thema Ernährung und der Verantwortung für Natur und Umwelt. Fotos: Daniela Haußmann