Weilheim und Umgebung

Giftiges Kraut wird zum Problemfall

Gesundheit Das Jakobskreuzkraut hat in den Grünstreifen entlang von Straßen ein willkommenes Biotop gefunden. Die Straßenmeistereien sind gefragt. Von Iris Häfner

Karl Ederle rückt dem Jakobskreuzkraut am Straßenrand zu Leibe. Die Pflanze muss jetzt dringend gemäht werden, um das Aussamen u
Karl Ederle rückt dem Jakobskreuzkraut am Straßenrand zu Leibe. Die Pflanze muss jetzt dringend gemäht werden, um das Aussamen und damit die Verbreitung wirksam zu verhindern. Foto: Mirko Lehnen

Es blüht so schön gelb und ist doch die giftigste Blume, die auf Wiesen und Weiden wächst: das Jakobskreuzkraut. Seinen Siegeszug auf landwirtschaftliche Nutzflächen beginnt es vornehmlich an Straßenrändern, weshalb den Straßenmeistereien eine besondere Verantwortung zukommt.

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„Das Jakobskreuzkraut ist eine hochgiftige Pflanze, die giftigste, die wir auf Grünland kennen. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem, da die Pflanze auf landwirtschaftliche Nutzflächen einwandert“, sagt Hansjörg Güthle, Pflanzenschutzberater beim Landwirtschaftsamt Nürtingen. Betroffen sind vor allem extensiv genutzte Flächen, die wenig gedüngt und gemäht werden - und somit dank der Artenvielfalt bei Naturschützern hoch im Kurs stehen. Exakt auf jenen Flächen fühlt sich das Kraut jedoch besonders wohl. Wer drei oder gar vier Mal im Jahr das Gras mäht und dazu noch kräftig düngt, wird die Pflanze auf seiner Fläche nicht finden.

Seit etwa zehn Jahren ist im Kreis Esslingen die Ausbreitung der Pflanze zunehmend ein Thema. Das Jakobskreuzkraut ist wärmeliebend und kommt mit Trockenheit gut klar. Der Klimawandel scheint dabei auch eine Rolle zu spielen. „Die Pflanze fängt ab Juni an zu blühen, früher war das erst ab Mitte Juli der Fall“, ist die Beobachtung von Hansjörg Güthle. Nicht von ungefähr lautet auch sein lateinischer Name Senecio jacobaea. Der 25. Juli ist der Jakobstag, an dem Apostel Jakobus der Ältere gefeiert wird.

Um die Ausbreitung am effektivsten einzudämmen, empfiehlt der Pflanzenschutzberater, das Gewächs samt Wurzel aus der Erde herauszureißen, da es mehrjährig ist und zur Erhaltung der Art auf das Aussamen ausgelegt ist. „Nur einmal Mähen im Jahr reicht zwischenzeitlich definitiv nicht mehr aus, jetzt blüht die Pflanze wieder“, sagt Hansjörg Güthle.

Damit sind vor allem die Straßenmeistereien in der Pflicht. „Seit zwei bis drei Jahren ist das Thema beim Landratsamt bekannt“, erklärt Pressesprecherin Nicole Klöckner. Straßenbauamt, Bauern und Landwirtschaftsamt hätten sich schon vor geraumer Zeit zusammengesetzt. „Das Mittel der Wahl ist das Mähen“, sagt Nicole Klöckner. Wer also die gelben Blüten am Straßenrand entdeckt, kann die Fläche melden. „Die wird dann in das Mähkonzept aufgenommen und die Meldungen Stück für Stück abgearbeitet“, so die Sprecherin. Deshalb kann der Anrufer nicht damit rechnen, dass schon am nächsten Tag dem giftigen Kraut der Garaus gemacht wird. Der Arbeitstrupp könne nicht von heute auf morgen von einem Ende des Landkreises an das andere wegen einer kleinen Fläche fahren, sondern werde die Arbeiten dort abschließen. An erster Stelle stehe die Verkehrssicherheit, anschließend widmen sich die Mitarbeiter den Böschungen und Nebenflächen.

Zurzeit steht das Jakobskreuzkraut an vielen Stellen wieder in voller Blüte. „Die Zeit drängt“, sagt Karl Ederle, Bio-Landwirt aus Bissingen. Er selbst hat auf der einen oder anderen Weide mit der Pflanze zu kämpfen. „Ich verstehe nicht, warum die Straßenränder nicht rechtzeitig gemäht werden. Im Landkreis Reutlingen klappt das hervorragend“, ist seine Beobachtung. Beispielsweise zwischen Schopfloch und Böhringen sei der Grenzverlauf klar zu erkennen. Hansjörg Güthle nimmt die Landratsamt-Kollegen der Straßenmeistereien in Schutz: „Sie stoßen personell an ihre Grenzen. Die Kapazität ist das Hauptproblem, dass nicht zweimal pro Jahr gemäht wird.“

Info Wer das Jakobskreuzkraut am Straßenrand entdeckt, kann es beim Landratsamt melden. Bevorzugt werden Mails an strassenbauamt@lra-es.de. Telefonisch geht es über die Zentrale unter 07 11/39 02-11 50.

Giftige Pflanzen am Wegesrand...Jakobskreuzkraut
Foto: Mirko Lehnen
Foto: Mirko Lehnen

Gefährliches Gift an der Straße

Über Saatgutmischungen - weil es so schön gelb blüht - hat das hochgiftige Jakobskreuzkraut seinen weiträumigen Siegeszug über die Grünstreifen an den Straßen antreten können. Um die Ausbreitung einzudämmen, ist es unabdingbar, dass die Straßenmeistereien zweimal in den Sommermonaten die Flächen mähen - der Klimawandel lässt grüßen. Im Landkreis Esslingen sind etwa 1 100 Kilometer Randstreifen von den Mitarbeitern zu bewältigen.

Frisch auf der Weide verschmähen es die Tiere in der Regel, weil es bitter schmeckt. Getrocknet, also versteckt im Heu, verschwinden die Bitterstoffe, nicht aber das Gift, und die Tiere fressen es. Pferde und Kühe sind besonders betroffen, aber auch Schafe und Ziegen. Zunächst sind nur unspezifische Symptome erkennbar, später kann es zu akutem Leberversagen kommen, das in akuter Form zum Tod führt.

Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) heißen die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe, von denen bislang mehr als 660 verschiedene Verbindungen bekannt sind. Vermutlich dienen die PA den Pflanzen als Fraßgifte. Vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und der Lebensmittelkontrolle wurde festgestellt, dass PA als Kontamination in verschiedenen Lebensmitteln in jüngster Zeit entdeckt wurden. Mit Pyrrolizidin-Alkaloide verunreinigter Honig, Kräutertees einschließlich Rooibostee sowie schwarzer und grüner Tee sind die Hauptquellen, über die Verbraucher PA aufnehmen können. Die in diesen Lebensmitteln enthaltenen PA-Mengen können sowohl für Kinder als auch für Erwachsene bei längerer Aufnahme gesundheitlich bedenklich sein (Quelle Kreuzkräuter und Naturschutz, Tagungsband der internationalen Fachtagung in Göttingen 2017). ih