Weilheim und Umgebung

Im Löwen tobte das Leben

Serie Wo sich heute das Gemeinschaftshaus des Christusbundes in Weilheim befindet, stand früher ein Gasthof mit Metzgerei. Er diente als Festsaal, Treffpunkt und eine Zeit lang auch als Kino. Von Bianca Lütz-Holoch

Wenn es in Weilheim etwas zu feiern oder zu besprechen gab, dann ging man in den Gasthof „Zum Löwen“. Vom 19. Jahrhundert an bis vor 50 Jahren war das Gasthaus, das neben der Schlossscheuer stand, eine beliebte Adresse in der Stadt, wenn es um große Veranstaltungen ging.

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„Im ersten Stock des Löwen gab es einen großen Saal“, erzählt der Weilheimer Stadtführer Wilhelm Braun. Bis zu 300 Personen fasste der Raum, der mit Holzfußboden und einer Stuckdecke ausgestattet war. Hochzeiten und Vereinsfeiern fanden dort ebenso statt wie Faschingspartys und Bälle. Viele Gäste kamen übrigens auch, um die Kegelbahn zu nutzen.

„In den 40er-Jahren und Anfang der 50er-Jahre wurde der Saal sonntags immer in einen Kinosaal umfunktioniert“, erinnert sich Wilhelm Braun zurück. Die Film-Ära im Löwen endete, als 1952 die Schloss-Lichtspiele eröffneten. Dafür florierte in den 60er-Jahren weiterhin das Geschäft mit Veranstaltungen und Feiern. Anfang der 70er-Jahre jedoch bekam der Gasthof auch auf dem Gebiet Konkurrenz: Mit der Limburghalle wurde in Weilheim ein neuer Ort für große Feste und Versammlungen geschaffen. Zugleich zeichnete sich ab, dass die Bausubstanz des Gasthofgebäudes immer schlechter wurde. Die Besitzerfamilie Holl schloss deshalb die Gaststätte. Die gut gehende Metzgerei führte Ernst Holl noch bis 2006 weiter.

Die Geschichte des Gasthofs „Zum Löwen“ reicht jedoch noch viel weiter zurück. „Eingerichtet wurde die Gaststätte im vormaligen Schloss“, heißt es in der Weilheimer Stadtgeschichte von Manfred Waßner. Seit 1794 soll dort eine Schildwirtschaft existiert haben. Einen wichtigen Einschnitt in die Gaststättengeschichte stellte laut Chronik das Jahr 1895 dar: „Damals wurde das alte Gasthaus verkauft und der Teil abgebrochen, der auf der Stadtmauer lag.“ Neuer Besitzer war der Weilheimer Metzgermeister Ludwig Holl. Er lebte zu dieser Zeit - so ist es Archiv-Artikeln des Teckboten zu entnehmen - in Amerika und war auf Heimaturlaub in Weilheim, als er beim Tanz im alten Löwen seine spätere Ehefrau Pauline Mühlhäuser kennenlernte und sich in sie verliebte. Er entschied, in Weilheim zu bleiben und baute einen neuen Gasthof mit Metzgerei, der bis zum Umbruch vor wenigen Jahren in Familienhand blieb.

Heute steht an der Stelle das 2013 neu erbaute Gemeinschaftshaus des Württembergischen Brüderbundes, dessen Name „Neuer Löwensaal“ an die Geschichte des Vorgängergebäudes erinnert. Eigentlich hatte es 2008 Pläne gegeben, eine Seniorenresidenz an der Stelle zu bauen. Doch die Wohnungen verkauften sich nicht, das Projekt scheiterte. Zurück blieb eine Bauruine, die erst verschwand, als der Christusbund seinen Neubau errichtete.

Über die Serie „Alte Gastwirtschaften“

Für eine Stadtführung hat Wilhelm Braun rund ums Thema alte Gaststätten in Weilheim recherchiert. Einige dieser Wirtschaften stellt der Teckbote in einer Serie vor.

Als Quellen dienen Informationen aus Zeitungs- und Stadtarchiven sowie Chroniken. Vieles ist aber auch mündlich überliefert und entstammt Gesprächen mit Nachkommen der ehemaligen Gaststättenbesitzer und Erinnerungen ortskundiger Bürger. Die Artikel sind deshalb nicht mit wissenschaftlichen Arbeiten gleichzusetzen, sondern dienen vielmehr dazu, Erinnerungen festzuhalten.

Wer andere oder zusätzliche Informationen zu alten Gaststätten in Weilheim hat, kann unter 0 70 21/97 50-22 gerne telefonisch Kontakt mit der Redaktion aufnehmen.bil