Weilheim und Umgebung

Im Sattel über die Schwäbische Alb

Freizeit Klein, einfach, aber mit ganz viel Liebe hergerichtet: In der „Villa Richter“ in Bissingen finden Wanderreiter auf ihrer Reise Unterschlupf. Auch die Pferde sind bei Tatjana Richter bestens aufgehoben. Von Melissa Seitz

Reitend über die Schwäbische Alb: In sogenannten Wanderreitstationen finden Reisende nachts eine passende Unterkunft für sich un
Reitend über die Schwäbische Alb: In sogenannten Wanderreitstationen finden Reisende nachts eine passende Unterkunft für sich und ihre Pferde.

Es riecht nach frischem Heu, die Pferde wiehern, und ein kühles, aber angenehmes Lüftchen zieht durch die Ritzen des alten Schuppens - für Pferdefreude der Himmel auf Erde. Dieser Himmel befindet sich mitten in Bissingen, genauer gesagt hinter dem Bauernhaus von Tatjana Richter. „Ich habe mir mit diesem Haus einen Mädchentraum erfüllt. Meine Pferde stehen sozusagen auf meiner Terrasse“, erklärt sie. Im Hinterhof können sich ihre Schützlinge frei bewegen. Sie stehen nicht etwa den ganzen Tag in Boxen, sondern haben ein riesiges, offenes Gehege für sich.

Anzeige

Im Sommer geht es für ihre Kaltblüter auf eine Weide in der Nähe der „Villa Richter“, wie der Hof von der Familie genannt wird. Für Tatjana Richter ist klar: „Wenn ein Pferd nicht mehr auf die Koppel kann, dann ist das kein richtiges Pferdeleben.“ Deswegen heißt es ab Mai für ihre Schützlinge: Sonne - aber auch Wiese - satt. Die Folge: ein leerer Hof und Stall. „Meine Freundin brachte mich auf eine Idee“, sagt Tatjana Richter, „sie erzählte mir von dem Verein ‚Mittlere Alb zu Pferde‘ und schlug mir vor, in dem Schuppen über meiner Sattelkammer eine Wanderreit- station einzurichten.“ Die Pferde der Wanderreiter könnten dann im leeren Gehege die Nacht verbringen.

Die Bissingerin ist früher selbst mit ihrem Pferd von Ort zu Ort geritten. Die Wanderreiterei war für sie also nichts Neues. „Damals bin ich noch mit einer Karte geritten und hatte keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen werde“, erklärt Tatjana Richter. Wanderreitstationen zu finden, sei damals nicht so einfach gewesen. Not machte dann erfinderisch: „Einmal musste ich meine Pferde in einer Garage unterbringen“, erzählt sie.

Hühnerstall wird zur Wanderreitstation

Inzwischen gibt es festgelegte Wanderreitstationen, 14 davon sind im Verein „Mittlere Alb zu Pferde“. Dazu gehört seit 20 Jahren auch die „Villa Richter“ in Bissingen. Im Hinterhof, direkt neben dem offenen Stall, führt eine kleine hölzerne Treppe auf den Dachboden der Sattelkammer. „Das war früher ein Hühnerstall“, sagt Tatjana Richter. „Bevor wir alles umgebaut haben, sah es hier schlimm aus.“ Die Hühnerstangen und Legestellen sind gewichen, von einer früheren Brutstelle keine Spur mehr. Dafür hat man das Gefühl, in ein uriges Bauernhaus einzutreten. Alles ist rustikal eingerichtet, die Möbel sind aus Holz, an den Wänden hängen Hufeisen und am Eingang steht ein altes Wagenrad. Das Einzige, was in diesem Raum nicht aus Holz ist, ist die kleine Küchennische. Tatjana Richter erzählt: „Viele Wanderreiter sind richtig ausgestattet für ihre Reise. Sie haben eigene Pfännchen dabei und kochen für sich abends.“

Fast alles in diesem Raum ist ganz treu nach dem Motto „Do it yourself“ entstanden. Darauf legt Tatjana Richter wert: „Ich möchte, dass die Wanderreitstation einfach gestaltet ist, meine Gäste sich aber trotzdem wohlfühlen.“ Das Bett und der Esstisch zum Beispiel hat die Bissingerin aus Paletten zusammengebaut. Auch das Dach besteht aus Paletten, genauer gesagt aus 70 Stück. „Die sind einfach genial“, sagt die Tatjana Richter und klopft auf den selbst gebauten Tisch.

Das hölzerne Fenster, durch das man einen guten Ausblick auf die Pferde hat, hat sie per Zufall in ihrem Schuppen gefunden. Der passende Fenstergriff dazu ist nicht etwa aus Plastik, sondern ist ein Stück Ast. „Auf diese Idee hat mich mein Nachbar gebracht, er ist Künstler“, erzählt sie. Er war es auch, der ihr einen guten Tipp für das Verkleiden der Wand gegeben hat. „Anfangs habe ich die Wand direkt neben der Eingangstür mit eigenem Lehm und Heu bedeckt“, erklärt die Bis­singerin. „Mein Nachbar riet mir dann, die Haare meiner Pferde mit einzuarbeiten. Das Verstreichen ging einfacher und die Masse hielt besser.“ In der „Villa Richter“ wird nichts weggeschmissen, mit ein bisschen Kreativität findet hier alles Verwendung.

Apropos Kreativität: Hinter der Küchenzeile entsteht ein neues Do-it-yourself-Projekt: eine Mosaik-Wand. „Ich habe einige bunte Badfliesen geschenkt bekommen. Aus denen möchte ich nun ein Bild legen“, erklärt die Bissingerin. Doch das benötigt Zeit. Für einen Quadratmeter Mosaik braucht sie circa drei Stunden.

Besonderes Flair in der „Villa Richter“

Reiter sollen ihrem Pferd auf dem Hof von Tatjana Richter ganz nah sein. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um sich zu vergewissern, dass es dem Tier gut geht. Ein paar Schritte die Treppe herunter, und man steht direkt neben dem offenen Stall. „Natürlich kann das Pferd auch auf der Koppel übernachten“, erklärt die Bissingerin, „aber meine Gäste finden es meistens schöner, nachts direkt bei ihrem Pferd zu schlafen.“ Die Wanderreiterei ist für Tatjana Reichert eine besondere Sparte des Reitens: „Dadurch entwickelt sich eine besondere Beziehung zwischen dem Pferd und dem Reiter.“

Wanderreitstation Tatjana Richter, Wanderreiten, Reiten, Pferd, Pferde
Wanderreitstation Tatjana Richter, Wanderreiten, Reiten, Pferd, Pferde
Tatjana Richter (Foto links) gehört eine der 14 Wanderreitstationen im Verein „Mittlere Alb zu Pferde“. Auf ihrem Hof können sic
Tatjana Richter (Foto links) gehört eine der 14 Wanderreitstationen im Verein „Mittlere Alb zu Pferde“. Auf ihrem Hof können sich die Gäste mit einem Blick durchs Fenster versichern, dass es ihren Tieren gut geht. Fotos: Markus Brändli