Weilheim und Umgebung

In der Fabrikstraße herrscht dicke Luft

Recycling Der Konflikt um die Geruchsbelästigung im Bissinger Gewerbegebiet scheint kein Ende zu nehmen. Die Fronten zwischen den Anwohnern und der Firma ELM sind verhärtet. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Von Melissa Seitz

Mischkunststoffe werden in der Bissinger Firma ELM zu Ersatzbrennstoffen verarbeitet. Zementwerke nutzen sie zum Beispiel als Er
Mischkunststoffe werden in der Bissinger Firma ELM zu Ersatzbrennstoffen verarbeitet. Zementwerke nutzen sie zum Beispiel als Ersatz für Kohle. Foto: Carsten Riedl

Aus Abfällen Ersatzbrennstoffe herzustellen, klingt nach einer guten Sache. So sehen es eigentlich auch die sieben Anwohner der Bissinger Fabrikstraße, die sich bei Tobias Hermann im Esszimmer versammelt haben. „Aber wenn das dann genau vor der eigenen Haustür passiert, riecht es wirklich ekelhaft“, sagt der Bissinger. Der Streit um die Recycling-Firma ELM scheint kein Ende zu nehmen. Seit sieben Jahren versucht Bissingens Bürgermeister zu schlichten, die Firma bemüht sich, die Geruchsbelästigung so gering wie möglich zu halten, und viele Anwohner wollen die Situation nicht so hinnehmen.

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ELM verarbeitet unter anderem Mischkunststoffe zu Ersatzbrennstoffen, die zum Beispiel in Zementwerken anstatt Kohle verwendet werden. „Viele dieser Kunststoffe kommen aus dem Gelben Sack“, erklärt Eberhard Lebküchner, „da ist es klar, dass die Materialien auch riechen.“ Doch das bedeutet laut des ELM-Geschaftsführers keinesfalls, dass es sich dabei um wertlosen Abfall handelt: „Darunter befinden sich zum Beispiel auch Teppiche aus der Automobilindustrie oder die Etiketten von Shampoo-Flaschen.“

Richtlinien werden eingehalten

Am schlimmsten sei die Geruchsbelästigung laut Tobias Hermann im Sommer: „Die Sommermonate sind die Geruchsmonate“, stellt er fest. Doch laut den Geruchsgutachten liegt bei der Firma alles noch in einem angemessenen Rahmen.

Diese Gutachten stimmen Familie Merz, die ebenfalls in der Fabrikstraße wohnt, nicht um: „Eine Minute Gestank ist schon zu viel.“ So sieht es auch Tobias Hermann, der direkt neben der Firma wohnt. Er hat sogar selbst die Initiative ergriffen und zwei Firmen kontaktiert, die sich mit Umwelttechnik befassen. „Nur, weil wir an einem Gewerbegebiet wohnen, heißt das doch nicht gleich, dass es hier stinken darf“, sagt Tobias Hermann. Die Firmen schickten ihm zwei Lösungsvorschläge zu: eine Biofilter-Anlage und einen Abluftwäscher. Alternativen, die das Unternehmen sehr wohl kennt, aber auch deren Schattenseiten. „Ein Biofilter hat zum Beispiel einen starken Eigengeruch, der für die Anwohner sicherlich störend ist“, erklärt Eberhard Lebküchner. Der Abluftwäscher bringt laut des ELM-Geschäftsführers auch nicht den gewünschten Erfolg: „Er würde die Abluft abkühlen, sodass sie durch die Thermik schwerer über die Kamine abgeleitet werden kann.“

Mischkunststoffe werden in der Bissinger Firma ELM zu Ersatzbrennstoffen verarbeitet. Zementwerke nutzen sie zum Beispiel als Er
Foto: Carsten Riedl

Die Fronten sind verhärtet, mitten drin ein Bürgermeister, der versucht zu vermitteln. „Es ist schon einiges in der Firma passiert, seitdem die ersten Beschwerden im Jahr 2010 ins Rathaus geflattert sind“, erzählt Marcel Musolf, „aber der Druck ist noch nicht draußen.“ Nach einem ruhigen Jahr 2016 beschweren sich in diesem Jahr wieder einige Bissinger über die schlechte Luft, die in der Fabrikstraße herrscht. In Geruchsfragebögen halten sie fest, wann, wie und wie lange es unangenehm gerochen hat. Das Problem scheint also noch längst nicht behoben zu sein. „Wir müssen etwas unternehmen“, stellt der Chef der Seegemeinde fest. Und er weiß, dass er auf Kooperation mit der Firma zählen kann: „ELM gibt sich große Mühe, damit sich die Situation bessert.“

Firma lässt nicht locker

Von Kaminen bis zu Abluftanlagen und zusätzlichen Luftkanälen: Die Bissinger Recycling-Firma versucht, der Probleme Herr zu werden. „Wir wissen aber ganz genau, dass wir nicht jeden zufriedenstellen können“, sagt Eberhard Lebküchner. Trotzdem will die Firma nicht tatenlos zusehen, sondern aktiv werden: „Wir werden versuchen, anhand der Geruchsfragebögen die Lage zu erfassen und zu verbessern.“

Die sieben Anwohner haben so langsam die Nase gestrichen voll: „Wenn sich nichts ändert, dann nehmen wir Geld in die Hand und klagen“, sagt Tobias Hermann. „Wir haben zu oft gehört, dass es bald besser wird.“

Vielleicht muss es ja nicht so weit kommen. Bissingens Bürgermeister möchte die beiden Parteien an einen Tisch holen, so wie schon im Jahr 2011. Auch die Firma grübelt, wie sie das Problem wortwörtlich in Luft auflösen kann. „Wir überlegen uns, Luftschleusen in unsere Tore einzubauen“, erklärt Eberhard Lebküchner. „So kann keine geruchsbelastete Luft beim Rein- und Rausfahren der Lkws nach draußen gelangen.“

Was hat sich seither bei ELM getan?

2010 hatte die Firma das erste Mal mit Beschwerden zu kämpfen. Daraufhin investierte sie in eine Abluftanlage. Seither wird die Hallenluft gezielt über das Dach nach draußen befördert. Im selben Jahr wurde eine Geruchsbehandlungsanlage installiert. Dadurch sollte ein Antigeruchsstoff in den Abluftstrom gelangen. „Aus der Nachbarschaft haben wir erfahren, dass der Eigengeruch störend ist“, erzählt Eberhard Lebküchner. Fazit: Eine Maßnahme ohne Erfolg.

2011 überlegte sich ELM, Abluftkamine zu bauen, um die Geruchsbelästigung für die Anwohner zu lindern. Der Vorschlag entwickelte sich im Zuge eines Geruchsgutachtens und einer Ausbreitungsrechnung der Luft.

2012 installierte die Bissinger Recycling-
Firma zwei Schornsteine auf der Produktionshalle. Die Abluft konnte noch im selben Jahr über die zwei sechs Meter hohen Kamine entweichen.

2014 investierte die Firma in zusätzliche Luftkanäle, die für einen guten Frischluft-Zustrom sorgen sollen.

2015 wurden die Tore für An- und Ablieferung der Lkws verbessert. Mit einer Funkfernsteuerung können sie seither schneller geschlossen oder geöffnet werden. Die Luft aus der Halle soll dadurch nicht so schnell nach draußen gelangen. Im selben Jahr wurde ein Teil der Produktion nach Allmendingen verlagert. sei