Weilheim und Umgebung

Keine Angst mehr vor dem Essen

Ernährung Bauchweh, Durchfall, Übelkeit – Die BKK Scheufelen und der Männerstammtisch „50plus“ vom Verein „Unser Netz“ haben in Oberlenningen über Lebensmittelunverträglichkeiten aufgeklärt. Von Cornelia Wahl

Unverträglichkeiten gegen Lebensmittel sind weit weniger verbreitet, als die Menschen subjektiv wahrnehmen.Symbolbild: Jean-Luc
Unverträglichkeiten gegen Lebensmittel sind weit weniger verbreitet, als die Menschen subjektiv wahrnehmen. Symbolbild: Jean-Luc Jacques

Immer mehr Menschen ordnen Symptome wie Bauchgrummeln oder Übelkeit Lebensmittelunverträglichkeiten zu. Tatsächlich jedoch leiden weniger Personen an echten Nahrungsmittel-Intoleranzen, als sie denken. Wie aktuell dieses Thema ist, verdeutlichte die Info-Veranstaltung der BKK Scheufelen und des Männerstammtischs „50plus“ .

Referent Professor Dr. Stephan Bischoff, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Hohenheim, erläutert, dass zwischen dem Rückgang von Infektionskrankheiten und der Zunahme immunologischer Erkrankungen ein Zusammenhang bestehe. Der Preis für den Einsatz von Antibiotika und besserer Hygiene sei, dass das Immunsystem sich nun nicht gegen infektionsauslösende Erreger richte, sondern etwa gegen Pollen oder Lebensmittel. Warum die Zahl derer, die an einer Intoleranz leiden, stieg, sei nicht genau bekannt. Ursachen könnten neue Lebensmittelsorten, Veränderungen in den Produktionsschritten sowie die Zunahme neuer Nahrungsmittelzusatzstoffe sein. Auch Wahrnehmung und Einbildung würden eine Rolle spielen.

Der Unterschied zwischen Allergie und Intoleranz liege darin, dass das Immunsystem bei Allergien Antikörper (Immunglobuline E, IgE) gegen Eiweiße bilde. Kleinste Mengen eines Allergens können lebensbedrohlich oder tödlich sein. „Dank der IgE-Diagnostik können Allergien zuverlässig erkannt werden“, erklärt der Arzt. Ein molekularer Allergietest könne deren Heftigkeit klären. Aber auch Haut- oder Provokationstests unter ärztlicher Aufsicht dienen der Diagnose. Notwendig ist bei einer Allergie der Verzicht auf das auslösende Allergen. Mitgeführte Notfallmedikamente können lebensrettend sein. Therapiert werden könne mit Hyposensibilisierung, sublingualer Immuntherapie oder Tabletten für ausgewählte Allergien.

Bei Unverträglichkeiten „wird bei der IgE-Testung nichts rauskommen. Hier können alle möglichen Mechanismen eine Rolle spielen“, erläutert Bischoff. Personen mit einer Laktoseintoleranz fehlt es im Dünndarm an dem laktose-spaltenden Enzym Laktase. Die Folge ist, dass der Milchzucker - Laktose - in den Dickdarm wandert, wo Bakterien ihn abbauen. Dabei kommt es zu Blähungen und Durchfall. Die Therapie hängt jeweils vom Schweregrad ab: Für Betroffene gibt es laktosefreie Milchprodukte zu kaufen oder sie nehmen bei jeder Mahlzeit mit Milcherzeugnissen Laktase ein.

Bei der Fruktoseintoleranz „ist es hingegen eine Frage der Dosis“, sagt Bischoff. Fruktose ist ein Einfachzucker, der anders als Laktase nicht aufgespalten, sondern transportiert wird. Der „Transporter“ hat nur eine begrenzte Ladekapazität. Durch die vermehrte Aufnahme von Fruktose, etwa durch Limonaden oder Süßigkeiten, kann die gesamte zu sich genommene Menge nicht richtig verarbeitet werden. Der Nachweis von Laktose- oder Fruktoseintoleranz erfolgt mit einem H2-Atemtest.

Bei der Zöliakie, eine durch Glutenunverträglichkeit verursachte Erkrankung des Magen-Darm-Trakts, verursacht das Klebereiweiß Gluten eine Entzündung der Darmzotten. Diese bilden sich zurück und nehmen die Nährstoffe nicht mehr richtig auf. Diagnostiziert wird über einen Bluttest oder über eine Biopsie des Dünndarms. Die Betroffenen müssen sich lebenslang streng glutenfrei ernähren.

Auch wenn sich die Symptome in allen Fällen ähneln, für Gewissheit kann nur der Arzt sorgen.

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