Weilheim und Umgebung

Kirche wird zur Theaterbühne

Kultur An vier Wochenenden im Sommer führt die Theaterspinnerei ihr multimediales Stück „Der Glöckner von Weilheim“ in der Peterskirche auf. Von Bianca Lütz-Holoch

Wald oder Steinbruch, Güterhalle oder Altstadt - die Macher der Theaterspinnerei Frickenhausen haben Erfahrung mit außergewöhnlichen Spielorten. Was diesen Sommer ansteht, ist aber auch für sie etwas ganz Besonderes: An vier Wochenenden im Juli und August gastieren sie mit ihrem multimedialen Stück „Der Glöckner von Weilheim“ in der Peterskirche. „Theater in einer Kirche hat es hier weit und breit noch nicht gegeben“, sagt Jens Nüßle, der die Theaterspinnerei zusammen mit Stephan Hänlein führt: „Das ist sensationell.“

Ihr Stück haben die Theatermacher extra auf Weilheim zugeschnitten. Es ist Teil des Programms, mit dem die Stadt ihr 1 250-jähriges Bestehen feiert. Eine Kostprobe hat es schon beim Festakt im Februar gegeben. Die Geschichte dreht sich um Glöckner Benzo. Er wurde vor rund 1 250 Jahren geboren, ist mit einem Unsterblichkeits-Fluch belegt und erlebt Weilheims Geschichte über die Jahrhunderte hinweg mit. Aufgelockert wird das Ganze durch das Weilheimer Schlüsselchen, das als Projektion an Wänden und Säulen auftaucht und die Geschehnisse auf Schwäbisch kommentiert. Nachempfunden ist es dem Schlüssel in Weilheims Stadtwappen.

Um den verfluchten Glöckner Benzo (Jens Nüßle) dreht sich das Theaterstück. Eine Kostprobe gab es beim Festakt im Februar. Auch
Um den verfluchten Glöckner Benzo (Jens Nüßle) dreht sich das Theaterstück. Eine Kostprobe gab es beim Festakt im Februar. Foto: Markus Brändli

Dass eine Gemeinde ihre Kirche als Bühne zur Verfügung stellt, ist - so gewichtig der Anlass auch sein mag - keineswegs selbstverständlich. Der Weilheimer evangelische Pfarrer Matthias Hennig jedoch steht voll hinter dem Projekt. „Stadtgeschichte ist immer auch Kirchen- und Glaubensgeschichte“, begründet er. „Die wollen wir einem breiten Publikum nahebringen.“ Eine evangelische Kirche sei als Gebäude per se nicht heilig, deshalb sei eine profane Nutzung auf Zeit nicht ausgeschlossen. „Vielmehr bietet sich dadurch die Chance, dass die Menschen Kirche einmal auf andere Art wahrnehmen.“

Ganz ohne Diskussionen ist die Entscheidung aber nicht abgegangen. „Es war ein Ringen“, räumt Matthias Hennig ein. Insbesondere zwei Themen standen im Vordergrund. „Bedingung war zum einen, dass trotzdem Gottesdienste stattfinden.“ Weil das in der Peterskirche nicht geht, macht die Kirchengemeinde aus der Not nun eine Tugend und bietet Andachten unter freiem Himmel oder im Festzelt an. Abgeklärt werden musste zudem, ob das Projekt nicht dem Denkmalschutz entgegensteht. „Wir haben einen Architekten, eine Statikerin und einen Restaurator zurate gezogen“, berichtet Matthias Hennig. Alle haben grünes Licht gegeben. Notwendig ist lediglich ein spezielles Lüftungskonzept, damit die Luftfeuchtigkeit nicht zu hoch wird und den Fresken schadet. Fest steht zudem, dass nirgendwo in der Kirche etwas angenagelt oder festgeschraubt werden darf. Der sieben Meter hohe Glockenturm, den die Theaterspinnerei als Kulisse und Projektionsfläche aufstellen möchte, wird deshalb auch auf Gerüstteile montiert und steht selbstständig.

„Wir wollen ein Stadtjubiläum, das viele Menschen anspricht“, betont Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle. Sein Wunsch war es von Anfang an gewesen, dass auch die Kirche eine Rolle darin spielt. Tatsächlich ist sie zu einer Schlüsselpartnerin der Stadt geworden. „Die evangelische Kirchengemeinde trägt im Festjahr sehr viel mit“, betont der Bürgermeister - ob sie nun Gastgeber für die Vortragsreihe sei, den Festumzug mitgestalte oder eben die Theaterbühne stelle.

Wichtig ist es Stadt, Kirchengemeinde und Theaterspinnerei, die Weilheimer aktiv einzubinden. So sorgen Orgel und Posaunenchor für musikalische Umrahmung. In einzelnen Szenen dürfen auch Komparsen auftreten. Eigens dafür gibt es zwei Castings, zu denen sich Interessierte anmelden konnten. „Wir suchen keine Supertalente“, stellt Stückeschreiber Stephan Hänlein klar. „Uns sind Jung und Alt, Menschen aus dem Ort oder mit Migrationshintergrund willkommen.“ Welche Rolle sie bekommen, ob sie tanzen, singen oder sprechen, hänge davon ab, was sie anzubieten haben. „Danach richten wir uns.“

Von der Zeitspanne her soll „Der Glöckner von Weilheim“ die ganzen 1250 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung Weilheims abdecken. „Wir greifen die Gründungszeit und den Kirchenbau auf, den Stadtbrand und den 30-jährigen Krieg“, so Hänlein. Aufrollen möchten die Theatermacher die Geschichte Weilheims vor allem aus Sicht des Volks. „Wir wollen zeigen, was die Ereignisse damals für die Menschen bedeutet haben“, betont Stephan Hänlein.

Geschichtliche Impulse, Jahreszahlen und Anhaltspunkte für globale und lokale historische Ereignisse geliefert hat Hans Klöhn, Archivar und Kirchenführer. So soll gewährleistet werden, dass historisch alles Hand und Fuß hat.

Pfarrer Matthias Hennig, Stephan Hänlein und Jens Nüßle von der Theaterspinnerei sowie Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle (v
Pfarrer Matthias Hennig, Stephan Hänlein und Jens Nüßle von der Theaterspinnerei sowie Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle (von links) freuen sich auf die Aufführung. Foto: Carsten Riedl

Zwölf Aufführungen für je 150 Zuschauer

Zwölf Mal, immer Freitag, Samstag und Sonntag, wird „Der Glöckner von Weilheim“ von 12. Juli bis 4. August in der Weilheimer Peterskirche aufgeführt. Rund 150 Zuschauer finden jeweils Platz.

Für die Bewirtung in den Pausen sorgen Ehrenamtliche der Kirchengemeinde. Der Erlös daraus kommt der Jugendarbeit und der Stiftung Peterskirche zugute.

Die Idee, im Festjahr ein Theaterstück in der Kirche aufzuführen, entstand 2016. Auf Anfrage der Stadt hin machten die Kirchengemeinde und der „Förderkreis für Kirchenmusik an der Peterskirche“ den Vorschlag.

Weilheim ist für die Theaterspinnerei kein neues Pflaster. 2011 führte sie in der Schlossscheuer ihr Stück „Professor Leid und die Somnambüle“ auf, ebenfalls eigens für die Stadt geschrieben.

Karten für das Theaterstück in der Peterskirche gibt es im Vorverkauf bei „Das Buch“ in Weilheim und im Bürgerbüro auf dem Weilheimer Rathaus. Bei der Theaterspinnerei Frickenhausen können Tickets auch auch vorbestellt werden unter der Telefonnummer 0 70 22/2 43 56 00 oder online unter www.theaterspinnerei.de.bil

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