Weilheim und Umgebung

Kniebundhose ade: Wandern kann jeder

Vereinsleben Die Zeit rennt, doch die Mitglieder bleiben: Der Albverein Bissingen-Nabern feiert seinen 125. Geburtstag. Wandern ist nicht mehr das, was es früher einmal war. Es ist individueller, abwechslungsreicher, und für jeden ist etwas dabei. Von Melissa Seitz

Früher ging es noch mit Kniebundhose, roten Socken und Dirndl auf Wanderung - alles selbst gemacht oder zumindest aus regionaler Produktion. Heutzutage begleiten maschinell hergestellte Schuhe und Regen abweisende Jacken die Wanderfreunde des Schwäbischen Albvereins Bissingen-Nabern. Ja, es hat sich viel getan seit der Gründung der Ortsgruppe. Doch Veränderung muss nicht negativ sein. Ganz im Gegenteil: Bei seinem 125. Geburtstag zählt der Albverein 344 Mitglieder, es gibt individuelle Angebote für jeden Wanderfreund, und nicht nur Wanderungen stehen auf dem Programm, sondern auch Besichtigungen oder Ausflüge.

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1892 riefen die sechs Gründungsmitglieder in Bissingen die Ortsgruppe ins Leben. Das war der Startschuss für gemeinsame Erkundungstouren durch die Natur. Damals - wie auch heute - war die Devise: Geselligkeit steht im Vordergrund. Doch Geselligkeit hatte nach dem Ersten Weltkrieg noch eine sehr spezielle Definition: Es handelte sich damals um die Geselligkeit unter Männern. Frauen, Kinder und Jugendliche suchte man hier vergeblich. Doch die Männerdomäne wurde bald gestürmt, weiß Renate Steegmaier. „Es kamen immer mehr Frauen hinzu“, sagt die Vorsitzende des Albvereins Bissingen-Nabern und ergänzt ein wenig stolz: „ Und heute wird der Verein fast nur von Frauen geleitet.“

Während des Zweiten Weltkrieges blieben die Wanderstiefel im Schrank. Es gab kein Jahresprogramm, und die Mitgliederversammlungen fanden auch nur noch sporadisch statt. 1946 wurde der Verein wieder zugelassen. Dieses Ereignis feierten die damals 52 Mitglieder mit einer Wanderung über das Zipfelbachtal nach Ochsenwang. Im selben Jahr übernahm die Ortsgruppe die Verantwortung für das Wegenetz im Wandergebiet rund um Bissingen. Das ist laut Renate Steegmaier „das Thema“ des Albvereins.

Doch die Ortsgruppe bestritt nicht nur die Wanderwege rund um die Seegemeinde, sondern plante auch Wanderungen und Ausfahrten mit dem Bus. Auch ein Besuch bei einer der umliegenden Ortsgruppen gehörte als fester Veranstaltungspunkt in jedes Jahresprogramm.

So waren gemeinsame Wanderungen mehrerer Ortsgruppen keine Seltenheit, und schon 1960 schlossen sich die Bissinger Wanderfreunde mit denen aus Nabern zusammen. Der Albverein Bis­sin­gen-Nabern war geboren.

Mit dem Zusammenschluss folgten dann auch größere und mehrtägige Ausfahrten. „Damals war der Verein für die Freizeitgestaltung entscheidend“, sagt Renate Steegmaier. Jung und Alt machte sich gemeinsam zu Wanderungen auf. Besonders erinnert sie sich an einen Auflug nach Tübingen, den sie als Kind mit ihren Eltern und dem Albverein unternahm. Hier sah sie zum ersten Mal, wie die grüne Welle funktioniert. „Man war nicht so oft weiter weg. Die Ausflüge waren immer etwas Besonderes.“ - Weltentdeckung mit dem Albverein.

Auch, was die Naturschutzmaßnahmen und die Erhaltung der Wanderwege betrifft, waren die Albvereinsmitglieder immer tatkräftig. 1987 fand die erste Rodungsaktion am Bissinger Hörnle statt. Mit Schere und Gartengeräten bewaffnet, beseitigen die Mitglieder des Albvereins bis heute die Böschung am Nordhang. Doch das ist schwere Arbeit: „Natürlich muss man das jedes Jahr wieder machen. Die Böschung wächst schließlich nach, und wir wollen ja den Wanderern einen schönen Ausblick bieten.“ Doch hier bewährt sich jedes Mal aufs Neue ein Albvereins-Motto: viele Hände - schnelles Ende.

1977 fand die erste Kelterhocketse statt. Hier versammeln sich alle Bis­sin­ger Vereine, und das ist auch heutzutage immer noch ein Muss für jedes Albvereinsmitglied.

Auch der Jugend sollte das Wandern schmackhaft gemacht werden: 1999 entstand die Jugendgruppe „Albfüchse“, wurde jedoch bald wieder aufgelöst. Die Vorsitzende des Albvereins weiß: „Es ist immer schwierig, Kinder in den Verein zu holen. Viele haben einfach genug zu tun mit Mittagsschule, AGs und Hobbys.“ Auch das Kinderferienprogramm „Jugend aktiv“ wurde nicht so gut angenommen wie erhofft. Doch das brachte den Verein auf eine neue Idee: „Wir haben den Schwerpunkt dann auf Familienangebote gesetzt.“ So kann die Jugend gemeinsam mit der Familie organisierte Ausflüge und Wanderungen unternehmen.

Mit der damaligen Vorsitzenden Hannelore Stiefelmeyer lag der Schwerpunkt nun auf der Familienarbeit, und so fanden auch einige Freizeiten speziell für Familien statt. Es ging an den Thuner See, auf die Insel Rügen oder ins Kleinwalsertal.

Renate Steegmaier war damals in der Jugendgruppe des Albvereins aktiv. Durch Hannelore Stiefelmeyer wurde sie immer mehr im Verein tätig. „1995 kam sie auf mich zu und bat mich, einen Ausflug für Familien zu organisieren.“ Was sich einfach anhörte, erwies sich als schwierige Aufgabe. „Ich fuhr mit den Familien in einen Schieferbruch nach Ohmden. Doch mir war nicht bewusst, dass es an diesem Tag so heiß sein würde, dass Ferien sind und der Wart des Schieferbruchs extra für uns aufmachen musste.“ Ihr Fazit: „Das mache ich nie wieder.“ Doch der Albverein Bis­sin­gen-Nabern ließ sie nicht los, und so wurde Renate Steegmaier 2004 zur Vorsitzenden gewählt.

Allgemein sind die Angebote des Albvereins über die Zeit hinweg individueller geworden. Für jeden ist etwas dabei. Senioren können zum Beispiel bei den „Mittwochswanderern“ einen kleinen Spaziergang unternehmen oder mit dem „Stürmischen Herbst“ die Wanderwege unsicher machen. Größere Strecken legen die Outdoor-Fans beim „Wandertraining“ zurück, und Familien sind bei der neuen „Familiengruppe 2.0“ der Ortsgruppe genau richtig.

Auch wenn alle Wanderfreunde während des Jahres eher in ihren eigenen individuellen Gruppen auf Entdeckungstour gehen, an der Jahresfeier kommen sie zusammen. „Beim Hobby sind die Wanderer getrennt,“ sagt die Vorsitzende, „aber das ist auch verständlich. Eine Kinderwagen-Gruppe möchte ja nicht mit den Senioren auf Wandertour gehen.“

Apropos Jahresfeier - wer denkt, der Verein hat nur mit Wandern etwas am Hut, der täuscht sich. Seit 2000 gibt es eine Theatergruppe. „Der Bürgermeister hat gefragt, ob wir etwas für die Einweihung des Rathauses vorbereiten können“, sagt die Vorsitzende des Albvereins. „Da war für uns klar: Eine Theatergruppe muss her.“ Zehn Wander- und Schauspielfans meldeten sich.

Im Hinblick auf die Zukunft sagt Renate Steegmaier: „Wenn alles im Verein so bleibt, wie es ist, ist alles gut.“

Fotos: Albverein

Info Wer Interesse am Wanderangebot des Albvereins hat oder sich über die verschiedenen Gruppen informieren möchte, kann auf www.bissingen-nabern.albverein.eu stöbern.