Weilheim und Umgebung
Lärm und Angst vor Unfällen:Anwohner kämpfenfür Tempo 30

Verkehr Seit Jahren fordern Bewohner der Weilheimer Egelsbergstraße eine Geschwindigkeitsbegreunzung – bislang ohne Erfolg. Jetzt ist eine Frau aus der Nachbarschaft angefahren worden. Von Bianca Lütz-Holoch

Der Schock bei den Anwohnern der Weilheimer Egelsbergstraße sitzt tief. „Ich bin ganz fertig“, sagt Maicen Neu. Am Montag ist eine Nachbarin beim Überqueren der Straße von einem Auto angefahren worden. Noch immer liegt die 71-Jährige im Krankenhaus. Wie es ihr geht, können die Anwohner nicht sagen. Eines aber wissen sie: Es ist genau das eingetroffen, was sie schon lange fürchten. Ein Mensch ist zu Schaden gekommen.

 

Ich kann meinen Sohn nicht alleine zur Bushaltestelle laufen lassen.
Joana Schick
Die Anwohnerin hält die Querung der Egelsbergstraße für äußerst gefährlich.

Genau aus diesem Grund hatten die Anwohner nicht mal eine Woche zuvor zum Pressetermin in die Egelsbergstraße geladen. „Die Autos hier fahren viel zu schnell“, stellen Maicen Neu und Joana Schick an dem Spätnachmittag klar. Sie stören sich an Lärm und Gestank – und sie haben Angst um ihre Kinder und sich selbst. Seit Jahren kämpfen die Frauen deshalb gemeinsam mit weiteren Nachbarn für Tempo 30 in der Egelsbergstraße. Bislang ohne Erfolg. Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet, rund 200 Unterschriften gesammelt und sich immer wieder an die Stadtverwaltung gewandt. „Aber unser Wunsch wird einfach ignoriert“, ärgert sich Maicen Neu. Joana Schick ergänzt: „Wir werden gar nicht gehört.“

Die Botschaft aus dem Weilheimer Rathaus zu Tempo 30 in der Egelsbergstraße ist eindeutig: „Die Straßenverkehrsordnung lässt das so nicht zu“, erklärt Ordnungsamtsleiter Helmut Burkhardt. „Das wurde bereits bei der Sanierung der Egelsbergstraße geprüft.“ 2019 war die Straße umgestaltet worden. Die Anwohner hatten gehofft, dass sich die Situation danach entspannt. „Aber es ist jetzt schlimmer als vorher“, sind sich Maicen Neu und Joana Schick einig.

Stadt verweist auf Verkehrskonzept

Forderungen nach Entschleunigung gibt es auch aus dem Gemeinderat. Im Januar stellte die Freie Wählervereinigung (FWV) – erneut – einen Antrag auf Tempo 30, und zwar für die Egelsbergstraße, die Brunnenstraße und die Kirchheimer Straße. Die Stellungnahme der Verwaltung war ähnlich wie jetzt: Tempo 30 lasse sich nur dann umsetzen, wenn weitere 30er-Zonen in Weilheim eingeführt werden. „Deshalb erarbeitet die Stadt ein Verkehrskonzept und wird alles ganzheitlich betrachten“, so Burkhardt.

Zuständig für eine Anordnung von Tempo 30 ist das Landratsamt in Esslingen. Gründe wären zum Beispiel geschwindigkeitsbedingte Unfallhäufungen, ein gefährlicher Streckenverlauf oder Lärmschutz, sagt Pressesprecherin Andrea Wangner. Ein Antrag der Stadt Weilheim liegt der Behörde nicht vor.

Fragt man die Anwohner, so nehmen sie durchaus Gefährdungen und Lärm wahr. „Ich kann meinen Sohn morgens nicht alleine zur Bushaltestelle laufen lassen“, erzählt Joana Schick. Auf dem kurzen Weg dorthin muss der Sechsjährige zwei Mal die Straße queren. „Auf unserer Straßenseite gibt es ja keinen Gehweg.“ Die Querung hält die Mutter für äußerst gefährlich. „Bei der Haltestelle kommen die Autos zum Teil mit 70 Stundenkilometern den Berg hoch“, sagt sie. Und selbst auf dem Gehweg fühlen sich die Anwohner nicht sicher. „Viele Fahrer weichen wegen des abgesenkten Bordsteins dorthin aus“, weiß Maicen Neu. Erst kürzlich ist ein Wagen in ihre Grundstücksbegrenzung gefahren.

Schwieriger Weg von der Garage ins Haus

Ein Problem ist die Situation auch für die älteren Bewohner. Irene und Ulrich Reiter wohnen seit 37 Jahren in der Egelsbergstraße. „Als wir hergezogen sind, war das hier ein besserer Feldweg“, erzählt Irene Reiter. Jetzt fahren dort so viele Autos, dass sie mangels Gehweg Schwierigkeiten hat, von der Garage bis zu ihrer Wohnungstür zu kommen. „Manchmal brauche ich drei Anläufe, wenn ich meine Einkaufskörbe ins Haus bringen möchte“, sagt sie.

Joana Schick muss auf dem Weg zum Haus noch eine Verkehrsinsel umrunden – auf der Straße, mit Kind. „Wenn die Autos dann so schnell und dicht vorbeifahren, bekommt man richtig Angst“, sagt sie.

 

Wir wollen doch nur ein bisschen mehr Lebensqualität und Sicherheit.
Maicen Neu
leidet unter dem Lärm

Maicen Neu leidet vor allem unter dem Lärm. „Schon um halb sechs morgens fahren die ersten Lastwagen vorbei“, sagt sie. Dazu kommen Autos, Zweitakter und Busse. Viele geben kräftig Gas, manche hupen. „Ich habe ständig Kopfschmerzen und kann mich im Homeoffice schlecht konzentrieren“, sagt sie. Auch von lärmbedingten Schlafstörungen berichten Nachbarn.

Dass es ausschließlich Anwohner des Egelsbergs sind, die die Straße nutzen, glauben die Mitglieder der Initiative nicht. Auch an diesem Abend fahren zahlreiche Autos mit Reutlinger, Tübinger und Ulmer Kennzeichen vorbei. „Wenn jetzt noch das neue Gewerbegebiet Rosenloh kommt, wird das noch schlimmer“, fürchtet Maicen Neu und betont: „Wir wollen doch nur ein bisschen mehr Lebensqualität und Sicherheit“, sagt sie. Gelingt das nicht, will sie nicht bleiben: „Ich halte das auf Dauer nicht aus“, sagt sie. „Dann ziehe ich weg.“