Weilheim und Umgebung

Leben fast wie in Bullerbü

Inga Rubens betreut in ihrer privaten Jugendhilfeeinrichtung in Neidlingen acht Heranwachsende

Inga Rubens betreibt seit zehn Jahre im Alten Forsthaus in Neidlingen eine private Jugendhilfeeinrichtung.  Fotos: Carsten Riedl
Inga Rubens betreibt seit zehn Jahre im Alten Forsthaus in Neidlingen eine private Jugendhilfeeinrichtung. Fotos: Carsten Riedl

Weilheim. Es ist ein sonniger Tag. Die Hühner laufen gackernd im Stall herum und putzen ihr buntes Gefieder. Als die Pädagogin Inga Rubens

den Garten mit dem kleinen Hühnerstall betritt, springt der Hund des Hauses auch schon bellend auf sie zu. Sie streicht dem stürmischen Vierbeiner liebevoll übers Fell. „Wir haben auch noch ein Pony, Ziegen und eine Katze, die ist lieb, wenn sich in ihrem Leben nichts ändert“, schmunzelt Inga Rubens. Sie betreibt seit zehn Jahren in Neidlingen im Alten Forsthaus eine Jugendhilfeeinrichtung.

Momentan wohnen hier Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 15 Jahren. Sie finden ein Zuhause auf Zeit, wenn es bei ihnen daheim Probleme gibt. Dann tut es ihnen gut, Tiere um sich herum zu haben. „Hier ist es ein bisschen wie in Bullerbü,“ strahlt die 42-Jährige, die die gute Seele im Haus ist. Wie viele Kinder der Hund schon bei Heimweh getröstet hat, das kann sie nicht mehr zählen. Daneben brauchen die Tiere aber natürlich auch Pflege, bei der die Jugendlichen kräftig mithelfen und Verantwortung übernehmen müssen.

Hinter der Idylle steckt jedoch jede Menge Arbeit. Denn die Kinder und Jugendlichen treffen oft mit einer Abwehrhaltung ein. „Wir sind kein SOS-Kinderdorf. Die Kinder leben nicht auf ewig hier, weil ihr Zuhause zerrüttet ist“, erklärt Rubens, „sondern es gibt daheim vorübergehende Prob­leme. Unser klarer Auftrag ist, die Kinder so bald wie möglich wieder nach Hause zu lassen.“ Die Gründe, warum die Bewohner eingezogen sind, sind sehr unterschiedlich. Unter den Mädchen spielt die Schulverweigerung eine große Rolle. „Bei Mädchen richten sich Probleme eher nach innen, bei Jungen nach außen“, erklärt Inga Rubens.

Wenn Bedarf besteht, besuchen interessierte junge Leute mit ihren Eltern das Alte Forsthaus. Selbst wenn sich alle gemeinsam zum Umzug entschlossen haben, ist es für die Heranwachsenden trotzdem sehr schwer, verpflanzt zu werden. Die meisten Kinder bleiben etwa zwei Jahre bei Inga Rubens.

In der Zwischenzeit sehen sie ihre Eltern etwa jedes zweite Wochenende. „Die Kinder brauchen erst einmal Abstand von ihrem gewohnten Alltag“, sagt Rubens. „Sie haben oft schon sehr viele Therapien hinter sich.“ Zu erleben, wie die Kinder mit der Zeit aus sich herauskommen, ist für die Neidlingerin besonders schön. „Sie können hier einfach alles ansprechen. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund“, erzählt sie. Denn im Alten Forsthaus ist es kein Makel, wenn jemand zu Hause Probleme hat, schließlich hat jeder mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Ein wichtiges Anliegen ist es Inga Rubens, zu zeigen, dass jeder anders ist und es kein Gut oder Schlecht gibt. „Manche Sachen, wie die Schule, muss man einfach hinkriegen, aber dazwischen gibt es tausend verschiedene Möglichkeiten, zu leben“, sagt sie mit Nachdruck.

Während sie die Stellung im Haus hält, herrscht um sie herum ein ständiges Kommen und Gehen. Die Kleineren möchten raus, die Großen müssen zur Nachmittagsschule. „Ich glaube, es gibt keinen Beruf, der so abwechslungsreich ist“, schwärmt Inga Rubens. „Ich bin einfach mittendrin in allem.“ Weil noch Platz im Forsthaus ist, hat sie die Platzzahl von vier auf acht erhöht. Die Plätze sind bereits belegt. „Neue wirbeln das Haus natürlich durcheinander“, erzählt sie. Ihre Erfahrung ist aber, dass die alten Hasen die Neulinge gut aufnehmen und schnell neue Freundschaften entstehen. „Es ist spannend, wenn mehr dazukommen, aber es ist auch seltsam, wenn wir auf einmal so viele sind“, stimmt Bewohnerin Lena zu. Trotzdem freut sie sich über den Zuwachs, der im April eingetroffen ist.

Auch Rubens findet es toll, dass es nach zehn Jahren eine Veränderung gibt, und dass sie Hilfe von neuen Mitarbeitern bekommt, die neue Sichtweisen und Ideen einbringen. Ebenso begeistert ist die gebürtige Pfälzerin von Neidlingen. Sie freut sich, wie engagiert die Menschen hier sind und ihre Einrichtung unterstützen. Darunter sind viele Ehrenamtliche und Dr. Markus Löble, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. „Wir haben keinen Sonderstatus und sind voll drin. Wir wollen ja auch keine Insel sein. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen – ich kann diesen Spruch nur bestätigen“, meint Inga Rubens. Mit acht Kindern und Jugendlichen sind die Kapazitäten aber auch erschöpft: „Die Individualität ist unser Schwerpunkt. Mehr Kinder würden den Charakter verändern.“

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