Weilheim und Umgebung

Locker aus der Hüfte

Garten. Was früher jedes Dorfkind beherrschte, lernen heute viele im Kurs: den Sensenschnitt. Dabei hält das traditionelle Werkzeug sehr fit. Von Daniela Haußmann

Wolf Rühle (rechts) kürzt seit seiner Jugend das Gras mit der Sense. Sein Wissen gibt er in Kursen weiter. Fotos: Daniela Haußma
Wolf Rühle (rechts) kürzt seit seiner Jugend das Gras mit der Sense. Sein Wissen gibt er in Kursen weiter. Fotos: Daniela Haußmann

Hoch in den Bäumen zwitschern die Vögel, während am Boden die Grillen zirpen und eine Eidechse eilig durchs Gras huscht - mit der Sense zu mähen, ist ein Erlebnis für alle Sinne. Das gleichmäßig sanfte Rauschen, mit dem die scharfe Schneide die Halme durchtrennt, ist für Wolf Rühle aktive Erholung für Körper, Geist und Seele. Seit seiner Jugendzeit stutzt der Kulturlandschaftsführer Streuobstwiesen das Gras nach alter Väter Sitte. Morgens vor der Arbeit, wenn die Halme noch feucht und am besten zum Schneiden sind, greift der Nürtinger zur Sense und startet beschwingt in den Tag.

Damit bestätigt Wolf Rühle, was Tübinger Forscher in einer 2011 erschienenen Studie schwarz auf weiß belegt haben: Obstwiesenpflege ist Sport. Beim Handmähen verbrennt der Körper 500 Kilokalorien pro Stunde mehr als beim Ruheverbrauch, während sich mit dem Balkenmäher in dieser Hinsicht kaum ein Effekt erzielen lässt, wie die Wissenschaftler herausfanden. Anders als in der Muckibude trägt das kostenfreie Fitnessprogramm auf dem eigenen Gütle also gleich in mehrfacher Weise Früchte.

Kleine Ecken: kein Problem

Ganz ohne Abgase steigt einem der Geruch von frisch gemähtem Gras in die Nase. Kein Motorengeräusch übertönt das Gezwitscher von Amsel und Co. So lässt sich auch unnötiger Zwist mit den Nachbarn vermeiden. „Anders als motorisierte Geräte kostet eine Sense wenig. Sie verbraucht keinen Sprit, stößt kein Kohlenstoffdioxid aus, und auch kleine Ecken im Garten stellen in der Regel kein Problem dar“, weiß Wolf Rühle, der zudem findet, dass es sich mit der Sense am Hang deutlich leichter arbeiten lässt als mit Rasen- oder Balkenmäher.

Und weg war er: Beim Sensen haben Tiere genügend Fluchtzeit.
Und weg war er: Beim Sensen haben Tiere genügend Fluchtzeit. Foto: Daniela Haußmann

Gerade Frauen finden die Sense wegen ihres geringen Gewichts besonders handlich - zumindest wenn es nach der Erfahrung des Experten geht. Hinzu kommt, dass das seit der Eisenzeit in Mitteleuropa eingesetzte Gerät nicht nur einen Beitrag zum Klima- und Lärmschutz leistet. Ob Blindschleiche, Erdkröte, Spinnen oder Bienen - Tiere und Insekten haben eine Chance, rechtzeitig zu entkommen, wie Wolf Rühle bemerkt.

Normalerweise keine Schmerzen

Der Mann, der im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb immer wieder Einführungskurse in das Thema gibt, holt für seine Drehbewegung weit aus. Der Schwung dafür kommt aus der Hüfte. 180 Grad beträgt Wolf Rühles Mähradius, wobei er das Blatt bogenförmig über den Boden führt. „Das Schöne an der Sache ist, dass der Nutzer mit dem Werkzeug arbeitet und nicht umgekehrt. Jeder kennt es, wenn der Mäher zieht und zerrt - das bleibt einem mit dem traditionellen Gerät erspart“, bilanziert der Nürtinger. Er schwärmt geradezu. „Eine gute Sense ergänzt die Kräfte des Körpers auf spürbar angenehme Art.“ Mit der richtigen Technik und einem passenden Arbeitsgerät würden weder Schmerzen auftreten, noch kommt es zu Überbelastungen.

Mit der Sense zu mähen, ist also kein Hexenwerk. Wichtig ist, dass die Größe des Werkzeuges zum Nutzer passt. Wolf Rühle rät dazu, die Sense beim Kauf senkrecht neben den Körper zu stellen. Liegt der obere Griff in Höhe des Kinns und der untere an der Hüfte, ist das richtige Gerät gefunden. „Ideal ist es, wenn sich die Griffe über Bohrungen am Sensenbaum flexibel auf die eigene Körpergröße und verschiedene Situationen anpassen lassen“, sagt er. Grundsätzlich gilt beim traditionellen Mähen: Weniger ist mehr. Wer die Technik richtig üben will, ist aus Sicht des Experten besser beraten, pro Drehung keine zu große Menge an Halmen abzuschneiden.

Gute Sense kostet 130 Euro

Eine gute Sense kostet seiner Erfahrung nach rund 130 Euro und ist leicht im Internet zu bekommen. Vom Kauf im Baumarkt rät er ab, weil die Qualität des Materials oft zu wünschen übrig lasse.

Nach rund vier Stunden Übungszeit bilden Mäher und Werkzeug eine Einheit. Tabea Mistele hat den richtigen Rhythmus gefunden. Der Vater der Böhringerin betreibt eine Landwirtschaft. Dort packt die Pädagogin mit an. Damit sie souverän für die Tiere das Futter mähen kann, hat sie sich entschlossen, einen Kurs zu besuchen. Schnell hat Mistele den Dreh raus. Kein einziges Mal landet sie Sense im Boden. Nach vier Stunden Übungszeit legt sie ein ordentliches Tempo vor. „Die Teilnahme hat sich auf jeden Fall gelohnt“, resümiert sie. Sie hat genügend Informationen gesammelt, um ihren Sensenschnitt allein zu perfektionieren.

Beim Dengeln wird die Schneide gehärtet und geschärft.
Beim Dengeln wird die Schneide gehärtet und geschärft.
<!401_BU_ARTIKEL!>*
Foto: Daniela Haußmann

Dengeln will gelernt sein

Mit einem scharfen Sensenblatt wird das Mähen zum Kinderspiel. Deshalb muss die Schneide einer Sense oder Sichel regelmäßig gedengelt, also geschärft werden. Beim Dengeln wird mit dem Dengelhammer gezielt auf einen schmalen Streifen entlang der Blattkante geschlagen, um die Schneide zu verdünnen, zu härten und zu schärfen, wie Gottfried Zettl vom Sensenverein Baden-Württemberg erklärt. Aus seiner Sicht muss eine Sense etwa alle zehn Arbeitsstunden gedengelt werden. Früher benutzten die Bauern dazu einen Dengelhammer und ein Dengeleisen. Doch bis jemand dieses Handwerk beherrscht, ziehen laut Zettl rund zwei Jahre ins Land. Werkzeuge wie Schlagdengler oder Dengelleier, die der Fachhandel anbietet, erleichtern den Einstieg. Das Dengeln dient dem Erhalt, der Verbesserung und dem Neuaufbau der Schneide und ist damit unerlässlich. dh

Anzeige