Weilheim und Umgebung

Luchs Friedl ist jetzt in Weilheim

Wenn die Raubkatze ihre Richtung beibehält, erreicht sie bald die Filder und Stuttgart

Friedl ist auf Brautschau. Am Mittwoch ist der Luchs, der seit Monaten durch den Südwesten streift, in der Nähe von Weilheim angekommen. Von dort hat sein Sender Signale geschickt. Er ist aus der Schweiz zugewandert, lebte dann einige Monate im Schwarzwald und wanderte dann über die Alb.

Ein Luchs ist so groß wie ein Schäferhund und reißt um die 50 Rehe im Jahr. Foto: privat
Ein Luchs ist so groß wie ein Schäferhund und reißt um die 50 Rehe im Jahr. Foto: privat

Weilheim. „Der Neubürger ist nicht bei allen willkommen“, sagt Biologe Klaus Lachenmaier, Referent für Arten- und Naturschutz beim Landesjagdverband in Stuttgart. Im Frühjahr hat Friedl im Schwarzwald zwei Lämmer gerissen. „So ist man dem Luchs überhaupt erst auf die Schliche gekommen“, so Lachenmaier. Nach ein paar Versuchen sei es den Wissenschaftlern von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg gelungen, ihn einzufangen und mit einem Sender zu versehen. Jetzt können sie bequem am Computer verfolgen, wohin es das Pinselohr auf seiner Wanderung durch den Südwesten verschlägt. Er ist vom Schwarzwald durchs Gäu gewandert, hat die A 81 unter der Neckartalbrücke gequert, ist Richtung Alb gezogen und stand schließlich am 3. September vor den Toren Ulms. Da ist er laut Micha Herdtfelder von der FVA umgekehrt und in nordwestlicher Richtung entlang der A 8 weitergewandert.

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„Wenn er in dieser Richtung weitergeht, kommt er irgendwann auf den Fildern beziehungsweise in Stuttgart raus, im Schönbuch vielleicht“, sagt Lachenmeier. Er hat es bisher offensichtlich nicht über die Autobahn geschafft. Das erinnert ihn an einen Luchs, der 2005 auf der A 8 bei Laichingen überfahren wurde. „Hoffentlich findet er die Grünbrücke bei Aichelberg.“

Aber warum hat Friedl überhaupt seine Schweizer Heimat verlassen? „Die Männchen werden irgendwann aus dem elterlichen Revier vertrieben und müssen sich ein eigenes suchen“, sagt Lachenmaier. In welche Richtung der Luchs dann wandere, sei purer Zufall. Den Schwarzwald, der sich als Lebensraum gut eignen würde, habe er vermutlich schlicht deshalb verlassen, weil er keine Artgenossen fand. Heißt: Friedl sucht ein Weibchen. Hätte er sich von der Alb weiter in Richtung Osten gehalten, wäre ihm das Liebesglück eher hold gewesen als im Schönbuch. Im Bayerischen Wald und im Harz leben heute wieder knapp 40 Tiere, nachdem der Luchs vor 150 Jahren in Deutschland fast ausgerottet war.

Rehe stehen auf seinem Speiseplan ganz oben. So ein Luchs reißt um die 50 Tiere im Jahr, sagt Lachenmaier – jede Woche eins. „Dann kehrt er jeden Tag zu seinem Riss zurück und frisst dran rum.“ Im Schwarzwald habe Friedl aber auch zwei Gämsen gefressen – und mindestens eben jene zwei Lämmer. „Der würde aber auch mit einem ausgewachsenen Schaf fertig werden.“ Private Verbände entschädigen die Tierhalter zwar, doch die Freude über den Luchs ist unter Schäfern und Landwirten verhalten. In Bayern und auch im Schwarzwald gebe es viele Landwirte, denen der Wald selbst gehöre, sagt Lachenmaier. „Die wissen: Wenn sich hier ein Luchs ansiedelt, dann läuft die Naturschutzmaschinerie an und dann werden sie irgendwie eingeschränkt.“ In Bayern tobe deshalb ein regelrechter Luchskrieg. Dort wurden schon Tiere vergiftet und Luchspfoten vor die Tür der Befürworter gelegt.

Für die Reh-Population bedeute ein Luchs keine Gefahr. Dennoch seien auch nicht alle Jäger hell begeistert. „Wir haben da eine ganz klare Position“, sagt Kreisjägermeister Thomas Dietz: „Wenn die Luchse natürlich einwandern, von der Schweiz oder den Vogesen, dann sagen wir: Ja, herzlich willkommen.“ Aber dass Tiere gezielt vom Menschen ausgewildert werden, davon halten er und auch der Jagdverband nichts.

Dietz hält den Luchs für weit weniger problematisch als den Wolf. „Der Wolf ist ein Hetzjäger, der reißt, so viel er kriegen kann. Da sind auf einer Weide dann auch mal acht, neun Tiere tot, obwohl er nur eins frisst.“ Der Luchs dagegen sei ein Ansitzjäger und warte, bis was vorbeikomme. „Der arbeitet ökonomisch wie ein Schwabe. Er reißt bloß ein Tier und das frisst er dann auch ganz auf.“

Eine Gefahr für den Menschen ist der Luchs nicht. „Er kann dem Menschen ziemlich nahe kommen, ohne dass der ihn entdeckt“, erklärt der Biologe. Im Kinzigtal wurde im Sommer ein zweiter männlicher Luchs beobachtet. Zuvor waren laut Ministerium im vergangenen Winter drei Luchse im Schwarzwald nachgewiesen worden. Eine stabile Luchs-Population gibt es aber in Baden-Württemberg noch nicht. „Es muss sich eben erst ein Pärchen finden“, sagt Lachenmaier. Aber dann könne es recht schnell gehen. Auch bei den Wölfen hat es in Deutschland im Jahr 2000 mit einem Paar angefangen. Jetzt sind es 400.

Hinweise auf Luchse nimmt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg, Telefon 07 61/4 01 82 74, entgegen.