Weilheim und Umgebung

Mielchen blüht auf der Bühne auf

Theater Für die zehnjährige Helene Schwarz ist ein Traum wahr geworden. Sie tritt im Stuttgarter Schauspielhaus in Gerhart Hauptmanns Klassiker „Die Weber“ auf. Von Daniela Haußmann

Wenn die Holzmadenerin Helene Schwarz nicht im Schauspielhaus auftritt, verbringt sie Zeit mit ihrer Hündin Smilla.Foto: Daniela
Wenn die Holzmadenerin Helene Schwarz nicht im Schauspielhaus auftritt, verbringt sie Zeit mit ihrer Hündin Smilla. Foto: Daniela Haußmann

Wenn Helene Schwarz auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses steht, ist das Lampenfieber weg. Obwohl: „So richtig aufgeregt bin ich vor der Aufführung nie“, erzählt die Zehnjährige aus Holzmaden. Eigentlich hatte sich die Schülerin für eine Rolle im Musical Anastasia beworben - doch jetzt spielt sie in Gerhart Hauptmanns Sozialdrama „Die Weber“ mit - einem Klassiker der Kapitalismuskritik. Er thematisiert den 1844 mit Militärgewalt blutig niedergeschlagenen Aufstand schlesischer Weber. Die setzten sich gegen die Ausbeutung und unmenschlichen Lebensbedingungen zur Wehr, denen sie im Zuge der Industrialisierung ausgesetzt waren.

Das Stück, mit dem es Hauptmann gewagt hatte, dem grauenvollen Elend der Weberfamilien ein Gesicht zu geben, sorgte für Aufruhr. Gleich nach seinem Erscheinen wurde es im März 1892 verboten, weil die Obrigkeit befürchtete, dass das wuchtige Drama Teile der Bevölkerung aufwiegeln könnte. Erst im September 1894 wurde es im Deutschen Theater Berlin erstmals öffentlich aufgeführt. Wilhelm II. war dermaßen über die Freigabe des Revoluzzer-Werkes entsetzt, dass er sofort seine Kaiserloge in dem Theater kündigte. Eine Geschichte, die auch Helene bewegt, die im Januar zum ersten Mal in der Rolle des Weberkindes Mielchen im Scheinwerferlicht stand.

„Die Not der Menschen muss schon groß gewesen sein“, findet Helene. „Denn im Stück schlachten und essen die Weber einen Hund. Um so was zu tun, muss man ja wirklich verzweifelt sein.“ Berührt hat die Schülerin auch eine Szene, in der eine Mutter um ihr krankes Kind bangt, weil sie sich die Medizin nicht leisten kann. „So geht es ja auch heute noch vielen Menschen in ärmeren Teilen der Welt“, sagt Helene. „Das Stück ist also ziemlich aktuell.“ In ihre Rolle ist die Zehnjährige schnell hineingewachsen. Und das, obwohl sie mit dem Ensemble des Staatstheaters in den Weihnachtsferien nur zehnmal geprobt hat.

Keine Probleme mit der Schule

„Bei ‚Anastasia‘ hatte ich es in die engere Auswahl geschafft“, berichtet die Schülerin. „Daher hatte ich bis zur Endauswahl noch Schauspiel-, Tanz- und Gesangsunterricht.“ Von der Erfahrung, die sie so sammelte, profitiert Helene heute bei ihren Auftritten im Stuttgarter Staatstheater. In Holzmaden tritt Helene nicht nur immer wieder beim Krippenspiel auf, sondern auch mit der Bläserklasse ihrer Schule und dem Musikverein. Die Schülerin spielt nämlich begeistert Klarinette und Klavier. „Deshalb finde ich es auch nicht schlimm, in einem Saal mit rund 450 Zuschauern zu spielen“, versichert Helene, die sich noch gut an ihr allererstes Casting bei „Anastasia“ erinnert.

„Meine Mutter hat aus der Zeitung von dem Casting-Aufruf erfahren. Da wurden Kinderdarsteller gesucht“, erinnert sie sich. „Ich hatte einfach Lust, das auszuprobieren.“ Ihre Mutter Heike Schwarz betont: „Ganz ohne Druck sind wir dorthin gegangen. Letztlich hat Helene die Rolle nicht gekriegt, weil sie zu groß war.“ Im Herbst vergangenen Jahres meldete sich dann völlig überraschend das Staatstheater, das noch Mädchen für die Rolle des Mielchens suchte - hier hatte Helene mehr Glück. „Ich hab mich riesig gefreut“, sagt sie und lächelt. Mit der Schule gibt es wegen der Schauspielerei keine Probleme. „Ich trete im Schnitt ja nur einmal pro Monat auf“, erklärt die Zehnjährige, die sich die Rolle mit einer anderen Darstellerin teilt.

Ihren Text hatte Helene schnell im Kopf. „Ihr Sprechanteil an der Gesamtaufführung beträgt etwa 15 Minuten“, hat Heike Schwarz überschlagen. Damit ihre Tochter auftreten darf, musste sie vom Hausarzt, der Schule und dem Jugendamt eine Genehmigung einholen. Helene jedenfalls gefällt es, dass man beim Schauspielern jemand anderes sein und zeigen kann, was man gelernt hat. Vergessen hat sie ihren Text bislang nicht. Eine kleine Panne gab es nur bei ihrer Premiere. „Am Schluss hab ich mich nicht gleich verbeugt, weil wir das nie geprobt hatten“, so die Jungschauspielerin, die später Chirurgin werden will. Heike Schwarz fiebert bei den Vorstellungen mit. Sie lobt die herzliche Atmosphäre im Theater. Bei der Premiere gab es sogar Geschenke von den Schauspielern, berichtet sie, während Helene ihre Hündin Smilla streichelt.

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