Weilheim und Umgebung

Mit Gottes Segen durch die Saison

Oldtimer-Veteranen-Gemeinschaft und evangelische Kirche initiieren Bikergottesdienst

Jedes Jahr treffen sich Motorradfahrer in Bissingen, um für die Saison um Gottes Schutz zu bitten. Auch der Sicherheitsaspekt steht im Mittelpunkt.

Mit Gottes Segen starteten die Motorradfahrer in die Zweiradsaison. Pfarrer Ulrich Müller (links) und OVG-Vorsitzender Herbert H
Mit Gottes Segen starteten die Motorradfahrer in die Zweiradsaison. Pfarrer Ulrich Müller (links) und OVG-Vorsitzender Herbert Hummel brachten vor 14 Jahren den Bikergottesdienst auf den Weg.

Bissingen. Alljährlich weist Ulrich Müller in seinem Bikerpsalm darauf hin, dass Gottvertrauen allein im Straßenverkehr nicht ausreicht. Vorsicht, Vernunft und gegenseitige Rücksichtnahme sind die Voraussetzungen dafür, dass nicht nur motorisierte Zweiradfahrer, sondern auch Pkw-Lenker und andere Verkehrsteilnehmer sicher und gesund ans Ziel kommen, wie der Pfarrer der evangelischen Martinskirche beim 14. Bissinger Bikergottesdienst in seiner Predigt betonte.

„Das Besondere am Motorradfahren ist, dass man der Schöpfung sehr nahe ist, aber deshalb auch keine Knautschzone um sich herum hat“, sagte Müller, der früher selbst begeistert auf zwei motorisierten Rädern unterwegs war, ehe er sein Hobby aufgab. „Die Maschine verstaubte mehr, als dass ich sie bewegte“, erzählte der Kirchenmann. „Vor 14 Jahren habe ich sie dann schließlich an den Vorsitzenden der Oldtimer-Veteranen-Gemeinschaft, Herbert Hummel, verkauft.“ Hummel war es auch, der zusammen mit einigen Mitstreitern den Bikergottesdienst ins Leben rief. Der Mann, der seit Jahrzehnten Motorrad fährt und noch keinen schweren Unfall hatte, findet es wichtig, um Gottes Segen und einen Schutzengel als Sozius zu bitten. Natürlich müsse jeder Kradfahrer auf sich und andere im Straßenverkehr achten. „Aber es kann nicht schaden, um den Schutz Gottes zu bitten“, sagte er.

Heidi Hummel betonte, dass die erfahrenen und älteren Fahrer, aus denen sich die Oldtimer-Veteranen-Gemeinschaft Bissingen zusammensetzt, in ihrem Leben viele Erfahrungen gesammelt haben – und das nicht nur im Straßenverkehr. „Sie wissen, dass vieles im Leben völlig unverhofft passiert, auch Unfälle“, erzählte sie. „Ich denke, dass der Bikergottesdienst vor diesem Hintergrund für die meisten eine ganz besondere Bedeutung hat.“ Rebecca Öttle hatte im vergangenen Jahr einen Motorradunfall. Nach so einem einschneidenden Ereignis denkt sie über Themen wie Sicherheit, Leben und Tod viel intensiver nach. Für die 22-jährige Bissingerin setzt der jährliche Bikergottesdienst deshalb wichtige Impulse, die zum Nachdenken anregen und zur Reflexion des eigenen Fahrstils.

Ernst Schmid aus Ochsenwang fährt seit 50 000 Kilometern unfallfrei durch jede Saison. „Ich bin bald 70  und sitze nicht mehr so unbedarft auf der Maschine wie in jüngeren Jahren“, berichtete er. „Auf der Straße habe ich schon den ein oder anderen Motorradunfall gesehen. Das führt einem eben vor Augen, dass Sicherheit und Rücksicht wichtig sind.“ Laut Ulrich Müller ist für die Gottesdienstteilnehmer, die überwiegend zur Altersgruppe 55 plus gehören, der Weg das Ziel. Ihm zufolge wollen sie das Fahrerlebnis genießen und die Freude und das Vergnügen, das sie dabei erfahren.

Müller ist sich sicher, dass ein Bikergottesdienst die Beziehung und das Vertrauen zum Pfarrer stärkt, gerade wenn dieser selbst einen Führerschein Klasse eins besitzt. Wer nach einem Unfall oder einem anderen einschneidenden Erlebnis Gedanken und Sorgen mit jemandem teilen möchte, der eine größere Distanz mitbringt, als Angehörige oder Freunde, kann bei der kirchlichen Seelsorge Hilfe und Unterstützung finden. Dieser Schritt fällt dem ein oder anderen unter Umständen leichter, wenn er durch den Bikergottesdienst schon ein Vertrauensverhältnis zum Pfarrer aufgebaut habe. Darüber hinaus kann ein Gottesdienst aber auch Ressourcen vermitteln, die die Resilienz stärken. Also die seelische Widerstandsfähigkeit, mit der sich Krisen bewältigen lassen.

„Ein Motorradfahrer erzählte mir, dass er das Blatt mit den Psalmen und Liedern bei jeder Fahrt bei sich trägt“, erinnerte sich Ulrich Müller, der deshalb überzeugt ist, dass der Gottesdienst Werte und Inhalte vermittelt, die Besucher selbst in schwierigen Situationen Hoffnung schöpfen und nicht verzagen lassen.

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