Weilheim und Umgebung

Mittelalter-Flair in Weilheim

Am Samstag lädt der erste Zähringermarkt zum Genießen und Erleben ein

Stände mit Leckereien, mittelalterliche Szenen und Infos: Der erste Zähringermarkt in Weilheim verbindet Genuss und Unterhaltung mit Geschichte.

Der Herzog und seine Frau, Ritter, Mägde und andere mittelalterliche Figuren werden am Samstag auf dem Markt auftauchen. Gespiel
Der Herzog und seine Frau, Ritter, Mägde und andere mittelalterliche Figuren werden am Samstag auf dem Markt auftauchen. Gespielt werden sie von Mitgliedern der Mittelalter- und Bogenschützengruppe Pfeilgesindel.Foto: Carsten Riedl

Weilheim. Geschichte kann ganz schön trocken sein. Muss aber nicht. Man kann sie auch so bunt und unterhaltsam verpacken, dass sie Spaß macht. Diesen Weg möchte die Stadt Weilheim mit ihrem Zähringermarkt beschreiten: Am kommenden Samstag warten auf dem Marktplatz in Weilheim nicht nur Stände mit regionalen Produkten und Gerichten auf die Besucher. „Die ganze Innenstadt wird sich in Zähringer Gewandung zeigen“, verrät Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive: Wimpel und Fahnen in weinrot und gold – den Zähringerfarben – flattern in den Straßen. Thelonius Dilldapp aus Mainz musiziert auf historischen Instrumenten, und die Mittelalter- und Bogenschützengruppe Pfeilgesindel aus dem Raum Kirchheim-Nürtingen spielt Epsioden aus dem frühen Mittelalter nach: „Es sind kleine, feine Alltagsszenen, die immer wiederkehren“, so Sandra Schöne. Da werden Weinfässer übers Weilheimer Pflaster gerollt, Waschweiber kommen durch die Stadt, ein Dieb treibt sein Unwesen und der Herzog flaniert mit seiner Frau über den Platz. Nicht zuletzt soll auch der Schultheiß zugegen sein . . .

Informationen zu den Zähringer Partnerstädten vermitteln eine Ausstellung im Rathaus sowie zwei Stadtführungen.

„Entstanden ist die Idee zum Zähringermarkt im Rahmen der Innenstadtoffensive“, sagt Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle. Ziel ist es, die Zähringer-Vergangenheit der Stadt wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen und das Potenzial zu nutzen, das dieses Alleinstellungsmerkmal birgt. Denn Weilheim gehört nicht nur zum Kreis der zwölf Zähringerstädte. „Es gilt sogar als Wiege der Zähringer“, betont Züfle. „Mit dem Zähringermarkt wollen wir praktisches Einkaufen verbinden mit dem Bewusstsein für regionale Produkte und die Geschichte der Stadt. So etwas gibt es in der Umgebung noch nicht.“

Zur Premiere kommen 24 Marktbeschicker. Außerdem öffnen die Landfrauen ein Café im Bürgerhaus, und die Innenstadt-Gastronomen tragen mit Roter Wurst, Zähringertorte und Wildschweingemetzel zum bunten Treiben bei.

„Den Zähringermarkt soll es künftig einmal pro Jahr geben“, kündigt Sandra Schöne an. Und von Jahr zu Jahr soll er wachsen. „Auch ein regerer Austausch mit den Partnerstädten ist angedacht“, so Schöne. Eine Kopie anderer Mittelalterspektakel dagegen soll er nicht werden: „Wir wollen das Mittelalterliche nicht übertreiben und nicht etwa den Esslinger Weihnachtsmarkt nachmachen“, betont Sandra Schöne. Vielmehr soll der Markt Atmosphäre, aber auch ein gepflegtes Ambiente bieten. „Wir wollen einen eher schickeren Markt schaffen und keinen, bei dem man Hühnerschlegel mit der Hand abnagt“, so Schöne. Nichtsdestotrotz ist Mitmachen erwünscht: „Es wäre toll, wenn sich auch ein paar der Besucher mittelalterlich kleiden.“

Finanziert wird der Zähringermarkt aus dem Etat der Innenstadtoffensive, Sandra Schöne kümmert sich um die Organisation. Nicht zuletzt tragen auch ehrenamtliche Helfer zum Gelingen bei, wie etwa die Zähringer Nähstube (siehe unten).

Nähen für den Herzog

Zuschneiden, abstecken, nähen - sechs Frauen um Adelheid Metzger (an der Nähmaschine) haben in der Zähringer Nähstube Kostüme, W
Zuschneiden, abstecken, nähen - sechs Frauen um Adelheid Metzger (an der Nähmaschine) haben in der Zähringer Nähstube Kostüme, Wimpel und Flaggen hergestellt.Foto: Carsten Riedl

Weilheim. Adelheid Metzger lüftet das Nähmaschinenfüßchen, zieht den braunen, glänzenden Stoff hervor und hält ihn in die Höhe: „Das wird die Borte für Bertolds Kostüm“, sagt sie. Zusammen mit fünf anderen Frauen hat Adelheid Metzger in den vergangenen Monaten genäht, was das Zeug hält – und zwar ehrenamtlich: „Über 200 Stunden haben wir bislang investiert“, sagt Metzger, die im Vorstand des Kino-, Kunst- und Kulturvereins sitzt. Sie selbst hat nicht nur genäht, sondern die Zähringer Nähstube auch zusammen mit Sandra Schöne von der Innenstadtoffensive organisiert. Denn hinter dem Projekt steckt weit mehr als nur ein paar Nähte zu setzen.

„Wir wollten nichts dem Zufall überlassen und die Kleidung möglichst originalgetreu gestalten“, sagt Sandra Schöne. Zum Beispiel das Gewand von Herzog Bertold, der zusammen mit seiner Gattin Richwara über den Markt wandeln soll. Das Problem: „Anfangs haben wir immer nur kleine Bilder gefunden, auf denen die Borte am Saum aussah wie ein Leopardenfell“, erzählt Adelheid Metzger. So entschloss sie sich kurzerhand, in die Kunsthalle nach Karlsruhe zu fahren. Dort hängt im Treppenhaus ein Gemälde, das Bertold I. bei der Einweihung des Freiburger Münsters zeigt. Es offenbarte ihr, dass die Borte aus braunem Stoff besteht und kunstvoll mit hellen Bändern und bunten Edelsteinen verziert ist. Beim Kostüm von Bertolds Frau Richwara dagegen war vor allem die Farbgebung schwierig. „Wir wollten die Zähringerfarben weinrot und gold aufgreifen“, berichtet Sandra Schöne. Allzu rot durfte der Stoff aber nicht sein: „Das wäre zu königlich gewesen.“ Und allzu gelb auch nicht: „Denn gelb trugen im Mittelalter nur die Huren.“

Das Ergebnis in gedecktem Rot und Beige probiert Gabriele Schneider von der Mittelalter-Gruppe Pfeilgesindel an diesem Tag zum ersten Mal an. Sie verkörpert beim Markt die Richwara, ihr Mann Klaus den Herzog. Regina Braisch zupft am Kleid und steckt ein Stück überschüssigen Stoff ab. Die pensionierte Damenschneiderin hat die Kostüme für Bertold und Richwara entworfen und genäht. „Ich bin schon richtig infiziert von den Zähringern“, sagt sie lachend. Mit von der Partie in der Zähringer Nähstube sind übrigens auch Lilo Drexler und Barbara Fenske von den Weilheimer Landfrauen: „Wir haben 32 mittelalterliche Häubchen genäht“, sagt Lilo Drexler. Die werden beim Zähringermarkt nicht nur die Landfrauen in ihrem Café im Bürgerhaus tragen, sondern auch die Marktbeschickerinnen.

Auch zwei stattliche Ritter schlüpfen an diesem Tag erstmals in die Zähringer-Kluft. Kettenhemden und Gambeson zum Drunterziehen steuern die Mitglieder der Mittelaltergruppe selbst bei. Darüber kommen Wappenröcke, die Adelheid Metzger gefertigt hat. Gemeinsam haben die Frauen aus der Nähstube auch noch Gugeln, also mittelalterliche Überwürfe, Flaggen und Wimpel genäht, die die Innenstadt schmücken sollen. „Insgesamt sind es 600 Wimpel auf 300 Meter Schnur“, sagt Adelheid Metzger. Dem Zufall bleibt auch hier nichts überlassen: „Wir haben zusammen mit dem Bauhof per Laserpointer die Entfernung zwischen Bäumen und Hauswänden vermessen, damit nachher alles passt“, verrät Sandra Schöne.

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