Weilheim und Umgebung

Neidlingens neuer Bürgermeister: „Dass es so geballt kommt, hätte ich nicht gedacht“

100-Tage-Bilanz Am 8. Juni ist Jürgen Ebler am 100. Tag der Bürgermeister von Neidlingen. Was ist seitdem passiert?

Am 8. Juni ist Jürgen Ebler am 100. Tag Bürgermeister von Neidlingen. Hier sitzt er an seinem Arbeitsplatz im Rathaus, mit neuer Möblierung und ganz vielen Akten.

Neidlingen. Am 1. März hat Jürgen Ebler, Polizeihauptkommissar aus Hülben und bisher Leiter des Polizeipostens Bad Urach, sein neues Amt als Neidlinger Bürgermeister angetreten. „Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, sogar noch etwas mehr“, sagt er knapp 100 Tage später. Dass seine Arbeitszeit länger werde, habe er gewusst. Er habe aber nicht mit werktäglich 12 bis 14 Stunden und auch noch dem Wochenende gerechnet. „Dass es so geballt kommt, hätte ich nicht gedacht.“

Ein Drittel seiner Arbeitszeit, sagt er, habe derzeit mit den 38 Flüchtlingen aus der Ukraine zu tun, die in Neidlingen untergebracht sind. Pro Einwohner gerechnet, nehme Neidlingen damit im Landkreis Esslingen einen Spitzenplatz ein. Das Rathausteam kümmert sich um Formulare, muss den Wechsel der Zuständigkeit von der Ausländerbehörde zum Jobcenter organisieren, versucht trotz aller bürokratischen Hürden einen Sprachunterricht auf die Beine zu stellen, der zu einem anerkannten Zertifikat führt. „Ich kenne mehrere Arbeitgeber, die liebend gerne Ukrainer einstellen, sobald sie die nötigen Sprachkenntnisse nachweisen können.“ Das Rathausteam muss auch kleine Konflikte schlichten. „Mancher Vermieter wartet noch immer auf die Miete.“

Die ersten vier Tage hatte der neue Bürgermeister gleich Urlaub – es waren die lange geplanten Faschingsferien mit der Familie. Doch schon am ersten Märzwochenende wurde er in seinem Heimatort Hülben ins kalte Wasser geworfen. Dort waren die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen, und Bürgermeister Siegmund Ganser war gerade zur Kur. „Der ist doch jetzt auch Bürgermeister“, dachten einige Hülbener und riefen bei Jürgen Ebler an. „Ich kannte zum Glück die entsprechenden Stellen, auch die Privatnummern fürs Wochenende.“

Wenige Tage später saß Jürgen Ebler in Neidlingen mit den Pfarrerinnen Inga Kaltschnee und Ute Stolz zusammen und besprach, wie sich Neidlingen vorbereiten kann. „Das war sehr gut, eine Woche später kamen die ersten Flüchtlinge an.“

Der Bedarf nach einem zusätzlichen Naturkindergarten war in Neidlingen schon vorher da, durch ukrainische Kinder hat er sich nun verschärft. Einen schönen Platz gibt es bereits, und die evangelische Kirchengemeinde, die wie beim Kindergarten Wasserschloss die Trägerschaft übernimmt, hat Personal in Aussicht. Aber auch ein Bauwagen braucht einen Bebauungsplan, es braucht einen Bauantrag, und die Sicherheit der Bäume muss geprüft werden. Trotzdem soll der Naturkindergarten noch in diesem Jahr öffnen.

Beim Baugebiet Schießhütte kommen die vielen Anfragen bis aus Esslingen. Der Gemeinderat hat über eine Nahwärmeversorgung diskutiert, doch der Energiebedarf von Neubauten ist nicht mehr sehr hoch. Ganz anders bei älteren Gebäuden im Ort, deshalb treibt Jürgen Ebler nun eine Nahwärmeversorgung auch jenseits des Baugebiets voran, denkt an die Gründung einer Genossenschaft. „Das würde allen helfen, die in Zukunft ihre Ölheizung ersetzen müssen.“ Am 25. Juni gibt es dazu einen Infotermin. Am selben Tag ist auch eine zweite Informationsveranstaltung zum Gesamtentwicklungskonzept der Gemeinde geplant.

Der dritte Informationstermin zum Starkregenmanagement komme dann erst im Herbst: „Wir kommen vorher einfach nicht dazu.“ Das Gutachten zu den nötigen Maßnahmen hatte Jürgen Eblers Vorgänger Klaus Däschler beauftragt, nun liegen die Ergebnisse vor.

„Ich setzte eigene Schwerpunkte“, sagt Jürgen Ebler. Zugleich will er bisherige Vorgänge gut verstehen und studiert deshalb aufmerksam alte Akten aus der Zeit seiner beiden Vorgänger Klaus Däschler und Rolf Kammerlander. Er weiß, dass er in vielem auf deren Wirken aufbaut. Ein Thema, dass er bisher vernachlässigt sieht, ist die Teilnahme am Biosphärengebiet, etwa mit regionaler Vermarktung mit Hilfe eines Automaten.

„Es gibt viel zu tun, und es macht Spaß“, sagt Jürgen Ebler, „man kann etwas bewegen.“ Wenn er etwas nicht gut mache, sei er in der Kommunalpolitik allerdings direkt dem Volkszorn ausgesetzt. Bisher sieht er alles im grünen Bereich. „Die Leute grüßen mich noch“, sagt er schmunzelnd. Peter Dietrich

 

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