Weilheim und Umgebung

Neue Mobilität sorgt für Kulturwandel

Tagung Bei der individuellen Fortbewegung zeichnet sich ein Wandel ab. Es wird immer mehr geteilt.

Bad Boll. Stau, Feinstaub und Klimawandel: Die traditionellen Mobilitätsformen haben einen zusehends schweren Stand. Ein Wandel zeichnet sich ab, nicht nur bei der Technologie sondern auch in der Art und Weise, wie individuelle Mobilität organisiert wird.

Wissenschaftler aus zehn Ländern debattierten drei Tage lang in der Evangelischen Akademie in Bad Boll darüber, wie eine neue Kultur des Teilens zu nachhaltigen Mobilitätsformen führen kann. Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) hatte zu dieser Tagung geladen.

In Einzelsymposien und Plenarveranstaltungen ging es da­rum, wie sich die Entwicklung zu einer Kultur des Teilens auch gesellschaftlich bemerkbar macht. Durch alle Beiträge zog sich das eine: Die Welt steht vor einem historischen Wandel. Ein Wandel, der durch neue Technologien mit ausgelöst wird. Zum einen läutet der Klimawandel das Ende der Verbrennungstechnologien ein. Zum anderen verändert die nächste Stufe der digitalen Revolution das Verhalten vieler Menschen.

Bridgette Wessels aus Newcastle zitierte eine Studie, nach der fast der Hälfte der befragten Fahrer aus der Altersgruppe der „Millenials“ ein ständiger schneller Internetzugang wichtiger ist als ein eigenes Auto. Und bei der Frage nach den 30 bevorzugten Marken taucht in derselben Altersgruppe unter den ersten zehn kein Autohersteller mehr auf.

Es verschiebt sich also etwas, und offensichtlich schneller, als der Trend zu Elektrofahrzeugen an Fahrt aufnimmt.

Teilen liegt im Trend, die Experten sprechen von einer Kultur des Teilens, die nun zunehmend von einer Wirtschaft des Teilens flankiert wird. Plattformen, über die sich die Nutzer vernetzen, sind für den Erfolg entscheidend. „Wir arbeiten daran, alle Formen der Mobilität digital zu vernetzen, das ist die Zukunft. Wir wollen Menschen verbinden, nicht nur Autos verkaufen“, so Johannes Reifenrath von der Daimler AG. Weert Canzler ging noch einen Schritt weiter. „Wir brauchen eine ganz neue Vorstellung von Mobilität. Dabei reicht es nicht aus, nur das Auto in anderer Form zu denken“, ist der Wissenschaftler vom Wissenschaftszentrum in Berlin (WZB) überzeugt.

Einig waren sich die Experten, dass soziale Netzwerke für die Kultur des Teilens eine tragende Rolle spielen. Für die wirtschaftliche Seite stehen mit Diensten wie Uber und anderen Transportplattformen bereits die digitalen Geschäftsmodelle zur Verfügung.

Die Ökonomen und Sozialwissenschaftler des DFG-Forschungsnetzwerkes Cosmobilities befassen sich vor allem mit den Auswirkungen der tief greifenden Veränderungen in der Mobilitätskultur auf die Wirtschaft und die Gesellschaft. „Teilen ist gesellschaftlich gesehen ein uraltes Phänomen. Heute sind die Innovationen und neuen Technologien die treibenden Kräfte, die das Teilen befeuern“, so die Einschätzung des Philosophen Sören Riis von der dänischen Roskilde Universität. So entstehen vernetzte Gesellschaften und mit ihren Netzwerken neue Ideen, Branchen und Jobs.

In Beispielen wurde auf der Konferenz präsentiert, wie sich „Sharing mobilities“ auf die Lebenswelten der Menschen auswirkt. So zeigt der Vergleich der Car-Sharing-Angebote in Karlsruhe, Kopenhagen und Budapest zwar große Unterschiede in der Organisation und Abwicklung, gemeinsam ist allen Städten jedoch, dass das neue Teilen als Alternative zu individueller Mobilität akzeptiert wird.

Dabei geht es den Cosmobilities-Mitgliedern um mehr: Der Ansatz „Sharing Mobilities“ soll, so die Hoffnung, auch auf andere soziale Bereiche übergehen, damit daraus eine umfassende Mentalität des Teilens wird. Oder, so wurde es im Schlusswort zur Konferenz deutlich: „Sharing Mobilities“ stellt auch die Frage, wie wir uns auf der Welt die Energie- und die Naturressourcen teilen.pm

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