Weilheim und Umgebung

Nicht die Gewalt triumphiert, sondern deren Überwindung

Packende Aufführung des Oratoriums „Die letzten Dinge“ in der Weilheimer Peterskirche

Weilheim. Das letzte Buch der Bibel, die „Offenbarung des Johannes“ (Apokalypse), ist voll von Bildern der

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Gewalt, der Bedrohungen, des Schreckens und der Katastrophen. Nicht so das Werk, das sich mit diesem Buch befasst: Das Oratorium „Die letzten Dinge“ (1825) von Louis Spohr (1784 – 1859) nach Worten der Heiligen Schrift für Soli, Chor und Orchester, aufgeführt vom Chor an der Weilheimer Peterskirche unter der Leitung von Gabriele Bender, entließ die Zuhörer voller Zuversicht, ja geradezu getröstet: „Gott wird trocknen alle Tränen.“

Nicht die Gewalt wird triumphieren, sondern deren Überwindung – das ist die Mut machende Botschaft dieses Werkes. Und an der Wahrheit dieser Botschaft ließ die zupackende Interpretation vom ersten bis zum letzten Ton keinen Zweifel aufkommen – eine weitere Sternstunde der Weilheimer Kirchenmusik.

Gleich die ersten Ausrufe des Chors „Preis und Ehre Ihm!“ wurden geradezu mit dem Meißel herausgearbeitet, mit größter sprachlicher und rhythmischer Deutlichkeit, und konnten so zu Grundpfeilern eines Bauwerks werden, das allen widerstehenden Mächten standhält und vom „Lamm“ Christus und seinen Anhängern gebaut wird, die jetzt schon von der „neuen Welt Gottes“ her leben.

Sie können deshalb ein „neues Lied“ anstimmen, das die Anhänger des widerstreitenden „Drachen“ gar nicht lernen können, weil es an die Stelle von Macht und Gewalt die Liebe setzt. Gabriele Bender und ihrem Chor gelang das Meisterstück, durch die Wahl zügiger Tempi und einer überzeugenden dramaturgischen Konzeption, die die Sätze nahtlos miteinander verband, das Gefühl für einen „Puls“ entstehen zu lassen, der wie ein unaufhaltsamer Strom aus der neuen Welt Gottes quillt und Leben statt Zerstörung bringt. Der ausgezeichnete Chor an der Peterskirche, für den Intonationsreinheit, Präzision und Klangschönheit mit kleinen Abstrichen schon fast selbstverständlich sind – an mancher Vokalfärbung oder Klangstütze ließe sich gewiss noch arbeiten – ließ den Zuhörer teilhaben an diesem pulsierenden Strom, so als sei es ganz selbstverständlich, in dieses „neue Lied“ mit einzustimmen, ja „einzutauchen“, weil der Gesang schon von der himmlischen Harmonie getragen wird.

Dieses Getragen-Werden manifestierte sich sich ganz spürbar in der heiklen Nummer 16 „Selig sind die Toten“, der A-cappella-Chor verlor kaum an Tonhöhe, sodass das Solistenquartett und das instrumentale Nachspiel ziemlich „stimmig“ anschließen konnten – eine bewundernswerte Leistung. Lediglich in der Gerichts-Szene Nr. 15 hatte man beim Fugato den Eindruck, als wolle sich der Chor der schnelleren Tempovorstellung der Dirigentin nicht recht fügen. Aber dem dramatischen Gesamteindruck tat dies wenig Abbruch, zumal die harmonischen Anforderungen hervorragend bewältigt wurden.

Louis Spohr orientiert sich in diesem Werk an der fast zeitgleich erschienenen Programmschrift „Über Reinheit der Tonkunst“, die für die Kirchenmusik die Abwendung von allem Opernhaften fordert. Das führt zur stilistischen Einheit von chorischen und solistischen Partien, die Koloraturen völlig vermeidet und melodische Erfindung von schlichter Schönheit fordert – keine leichte Aufgabe für Solisten, die außer der jungen Kirchheimer Sopranistin Anna-Maria Wilke schon alle vom Opernfach geprägt sind und dort schon große Erfahrung und Erfolge gesammelt haben: Cornelia Lanz (Alt), Christian Wilms (Tenor), Kresimir Strazanac (Bass). Weniger die große Stimme als die Einordnung in den Wechselgesang mit dem Chor und in das Solistenquartett sind gefragt – aber alle wurden dieser Aufgabe überzeugend gerecht, am ehesten hatte dabei noch der Tenor mit seiner Opern-Herkunft zu kämpfen. Aber das verhinderte nicht, dass das Duett mit Sopran (Nr. 12) und die Quartette ausnahmslos zu ergreifenden Höhepunkten gerieten.

Dem Orchester „Sinfonietta Stuttgart“ mit Konzertmeisterin Georgia Höpfner fiel in dem Oratorium der zentrale Part zu, Stütze aller Sänger und zugleich selbstständiger, motivisch verknüpfender und so inhaltlich deutender Partner und Impulsgeber zu sein. Entsprechend steht oder fällt eine Aufführung mit dem Orchester, aber bei diesem hohen professionellen Niveau war hier gar nichts zu befürchten. Die bewundernswerte Intonationssicherheit und klangliche wie dynamische Flexibilität dieses Orchesters trug wesentlich dazu bei, dass die Aufführung zu einer weiteren Sternstunde der Weilheimer Kirchenmusik werden konnte.