Weilheim und Umgebung

Nicht jeder
Piepmatz ist in Not

Natur Tanja Spindler zieht Jungvögel auf. Die Hepsisauerin weiß, dass nicht alle auf Hilfe angewiesen sind. Trotzdem werden ihr oft neue Findelkinder vorbeigebracht. Von Daniela Haußmann

Piepmatz
Wenn die Kleinen schreien, muss Tanja Spindler springen. Foto: Daniela Haußmann

Wie vielen Vögeln sie schon das Leben gerettet hat, kann Tanja Spindler nicht einmal ansatzweise sagen, aber es müssen etliche gewesen sein. Seit ihrer Kindheit kümmert sich die Hepsisauerin um wild lebende Piepmätze, die in Not geraten sind. Ob verwaist, verletzt oder krank – immer wieder finden Gartenbesitzer, Spaziergänger oder Freizeitsportler junge Vögel. Doch viele Jungtiere sind laut Tanja Spindler gar nicht so eltern- und hilflos, wie manche meinen.
Die possierlichen Piepmätze hüpfen über Äste oder über Rasenflächen, während sie unüberhörbare Laute von sich geben. Doch die Rufe sind oftmals keine Hilfeschreie, sondern Bettellaute, mit denen die Vogelkinder von ihren Eltern Futter fordern, weiß Tanja Spindler. „Vielen Menschen ist das nicht bewusst“, erzählt die Fotografin. „Anstatt aus einiger Entfernung über mehrere Stunden zu beobachten, ob die Eltern den Nachwuchs weiter versorgen, nehmen sie die Jungtiere bei sich auf.“ Den meisten sei einfach nicht bekannt, dass die kleinen Piepmätze von den Eltern gesucht werden, wenn sie verloren gegangen sind.

Menschlicher Geruch schreckt ab
„Wer einen sehr jungen Vogel entdeckt, der kaum oder gar keine Federn hat“, ist der Hepsisauerin zufolge, „auf einen sogenannten Nestling gestoßen. Liegt er unverletzt am Boden, sollte er aufgehoben und zurück ins Nest gesetzt werden.“ Dort hat er unter der Fürsorge seiner Eltern die besten Überlebenschancen, wie Tanja Spindler ausdrücklich betont. Befürchtungen, dass die Alttiere die Kleinen verstoßen, weil sie den menschlichen Geruch angenommen haben, muss niemand hegen. Vögel besitzen nach Auskunft der 30-Jährigen keinen derart hoch entwickelten Geruchssinn.
„Jungvögel, die schon ein vollständiges Federkleid besitzen, sich allein auf Ästen, im Gebüsch oder am Boden aufhalten, werden als Ästlinge bezeichnet“, berichtet die Fotografin. „Um Fliegen zu lernen, verlassen sie zwangsläufig das Nest, bevor sie sich selbst versorgen oder überhaupt in der Luft halten können.“ Wer auf ein solches Tier stößt, sollte es – solange es keine Anzeichen für Verletzungen gibt – in Ruhe lassen. Ästlinge halten sich in der Nähe des Nestes auf, wo sie die Eltern mit Futter versorgen, wenn sie rufen. Sie zurück ins Nest zu setzen, bringt laut Tanja Spindler wenig, denn in diesem Entwicklungsstadium starten die Kleinen bald wieder einen Flugversuch.

Tanja Spindler
Bei der Fütterung muss ein Zeitplan eingehalten werden. Foto: Daniela Haußmann

Falsch verstandene Tierliebe
Wer ein Jungtier mitnimmt, ohne sich zu vergewissern, ob die Altvögel tatsächlich nicht mehr auftauchen, handelt nach Ansicht der 30-Jährigen aus falsch verstandener Tierliebe. „Junge Vögel sind sehr empfindlich. Eine Fütterung, die nur eine halbe Stunde zu spät erfolgt, kann unter Umständen schon tödlich sein. Das gilt auch bei einer Überfütterung. „Ob die Tiere genügend Nahrung aufgenommen haben, lässt sich an deren Kropf feststellen. Dazu ist Erfahrung nötig“, sagt Tanja Spindler.

Fixer Essensplan muss sein
Damit der gefiederte Untermieter seine Mahlzeiten ganz sicher aufnimmt, imitiert sie in Abhängigkeit von der Vogelrasse die Art der elterlichen Fütterung. „Ganz junge Vögel bekommen generell erst einmal Aufzuchtbrei. Sobald die Insektenfresser anfangen zu picken, muss der Speiseplan auf Grillen, Fliegen und Co. umgestellt werden“, weiß die Hepsisauerin.
Die Piepmätze wachsen schnell. Vom Schlüpfen bis zu den ersten Flugversuchen verstreichen nach Erfahrung der 30-Jährigen gerade einmal zwei Wochen. Immer öfter schlagen die gefiederten Untermieter mit den Flügeln, um ihre Muskulatur zu stärken. Tanja Spindlers Garten wird zum Flugplatz, auf dem so mancher Schützling ins Leben durchgestartet ist.
Mit viel Geduld und Hingabe hat die Fotografin schon 21 Vögel gleichzeitig aufgezogen. Dass sie ein Herz für Vögel hat, ist nicht nur in ihrer Nachbarschaft bekannt. Tübingen, Reutlingen, Stuttgart, München – Findelkinder aus allen Himmelsrichtungen haben schon den Weg ins Wohnzimmer von Tanja Spindler gefunden. „Allerdings nehme ich keine Eier zum Ausbrüten an. Das ist aufwendig, und die Eier sind äußerst empfindlich“, so die 30-Jährige.
Info Wer in der Gegend um den Weilheimer Teilort Jungvögel findet, kann unter der Spindler_Tanja@web.de mit der Tierliebhaberin Kontakt aufnehmen. „Ich mache mir vor Ort gerne ein Bild von der Situation und bringe in Erfahrung, ob die Tiere verwaist, verletzt oder krank sind“, so die Hepsisauerin.

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