Weilheim und Umgebung

Rätselhafter Siegelring

Landesamt für Denkmalpflege sichert Funde einer Alamannensiedlung in Bissingen

Seit Ende April legen Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege an der Hinteren Straße in Bissingen alamannische Siedlungsspuren aus dem 6. bis 12. Jahrhundert nach Christus frei. Technischer Grabungsleiter Markus Schulze-Sitzmann rechnet mit bis zu 1 400 Befunden auf der rund 2 000 Quadratmeter großen Grabungsfläche.

RICHARD UMSTADT

Bissingen. Ist es ein X, ein A und ein E? Die in den kleinen Bronzering eingravierten Buchstaben lassen sich bislang nicht eindeutig zuordnen. Klar ist aber, dass er wie die römische Münze aus der Zeit 347/348 nach Christus sowie die bronzene Riemenzunge und die Kreuzscheibenfibel zu den „Highlights“ an Fundstücken gehört, die die acht Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege aus dem Schotterboden im Grabungsgebiet an der Hinteren Straße in Bissingen holten. Diese werden nun, wie alle Fundstücke aus Metall, in die Restaurierungswerkstatt des Landesamts für Denkmalpflege Regierungspräsidiums Stuttgart verbracht, erklärt Dr. Dorothee Brenner vom Referat für regionale Archäologie im Landesamt für Denkmalpflege, Schwerpunkte Inventarisation.

Der Bronzering, der wahrscheinlich aus dem frühen Mittelalter stammt, kommt aus einem sogenannten Grubenhaus, das sich, wie auch Pfostenlöcher und Gruben sowie die Pfostenreihen eines Langhauses, als deutliche schwarze Flecken im hellen Schotterboden abzeichnet. Damit dieser helle „gewachsene Boden“ dort, wo früher Gartenland war, überhaupt zum Vorschein kam, musste eine rund 50 Zentimeter starke Humusschicht mit dem Bagger abgetragen werden. Nun zieren ihn rote Schnüre, die die Schnittstellen markieren, und kleine Kärtchen mit den laufenden Nummern der Befunde.

Grubenhäuser tauchen in der Vorgeschichte auf und reichen bis ins Hochmittelalter, berichtet Dr. Dorothee Brenner. Sie wurden oft zur Tuchherstellung am Gewichtswebstuhl benutzt, da die erhöhte Luftfeuchtigkeit besonders für die Leinenverarbeitung wichtig ist. Solche Grubenhäuser sind in fast jedem alamanischen Gehöft zu finden.

Doch nicht nur den kleinen Siegelring fanden die Ausgräber in den mit dunkler Erde gefüllten Pfostengruben und den Grubenhäusern. Sie förderten auch Keramikscherben, Tierknochen, Metallschlacken, Eisennägel und anderes zu Tage. Die Keramikscherben werden laut Markus Schulze-Sitzmann gleich auf dem Grabungsgelände gewaschen. Alle Funde fließen sauber dokumentiert in eine Datenbank ein. Was vormals mit Grafit und Farbstift festgehalten wurde, übernehmen heute digitale Kameras. Am heutigen Mittwoch etwa fotografiert eine mit einer solchen Kamera bestückte Drohne aus einer Höhe von etwa 20 bis 25 Meter die zweite Grabungsfläche. „Das spart sehr viel Zeit, muss aber im Büro nachbearbeitet werden“, sagt Dr. Brenner.

Apropos Zeit: Am 26. August wird der letzte Tag der Rettungsgrabung sein. Danach übernimmt die Gemeinde wieder das innerörtliche Neubaugebiet. Dann werden dort, wo in einer langen Besiedlungszeit der frühen Geschichte bis ins Hochmittelalter alamannische Bauern ihre Gehöfte errichteten und Felder bewirtschafteten, Bissinger Häuslebauer archäologisch unbelasteten Grund für ihre neuen Domizile erwerben.

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