Weilheim und Umgebung

Rathäuser setzen auf Homeoffice

Beruf Ab Juni bietet die Stadt Weilheim ihren Mitarbeitern an, teilweise von zu Hause aus zu arbeiten. Kirchheim macht damit schon länger gute Erfahrungen. Von Bianca Lütz-Holoch

Die Arbeit von zu Hause aus  kann entlastend sein - zumindest wenn Pausen und Arbeitszeiten eingehalten werden.Foto: Carsten Rie
Die Arbeit von zu Hause aus kann entlastend sein - zumindest wenn Pausen und Arbeitszeiten eingehalten werden.Foto: Carsten Riedl

Das Kind wacht mit Fieber auf, die Oma ist nicht greifbar und die Geschäfts-Mailbox quillt über. Eine Situation, die viele berufstätige Eltern kennen und fürchten. So auch Ulrike Schmid. Sie ist bei der Stadt Weilheim für Schulen und Kindergärten zuständig und hat zwei neun und zwölf Jahre alte Söhne. „Als Teilzeitkraft und Mama muss man verschiedene Dinge unter einen Hut bringen“, sagt sie. Da kann die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, entlastend sein. „Das Thema Telearbeit ist ja aktuell in aller Munde“, so Schmid. Also wagte sie in Weilheim einen Vorstoß - mit Erfolg. Drei Monate lang hat sie die Telearbeit in einem Pilotprojekt getestet. Ab 1. Juni bietet die Stadt allen Mitarbeitern die Möglichkeit an, sich um einen Tag Homeoffice pro Woche zu bewerben. Damit folgt sie einen Trend, der sich nicht nur bei Unternehmen, sondern auch im öffentlichen Dienst etabliert.

„Wir glauben, dass Telearbeit dazu beitragen kann, als Arbeitgeber zukünftig gut aufgestellt zu sein“, sagt die Weilheimer Hauptamtsleiterin Daniela Braun. Zum einen ließen sich so Familie und Beruf besser vereinbaren. „Flexiblere Arbeitszeiten sind aber auch ein gewichtiges Argument für Nachwuchskräfte“, weiß sie. Das sei in Zeiten des Fachkräftemangels nicht zu unterschätzen. „An der Vergütung können wir im öffentlichen Dienst nichts machen“, so Braun. „Wir müssen uns deshalb überlegen, wie wir anderweitig attraktiv für junge Leute sein können.“ Ein halbes Jahr lang testet Weilheim jetzt das Modell, um zu sehen, ob es sich bewährt.

Den Praxistest längst bestanden hat die Telearbeit im Kirchheimer Rathaus. Seit 2008 wird dort Homeoffice angeboten. „Bisher haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht“, sagt Dennis Koep, Pressesprecher der Stadt. Bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit können Mitarbeiter je nach Aufgabe am Heimarbeitsplatz leisten. 2016 nutzten noch 18 Mitarbeiter ­Homeoffice, mittlerweile sind es 38 - Tendenz weiter steigend.

Einer, der Telearbeit seit rund vier Jahren praktiziert, ist Marcus Deger, Sachgebietsleiter Ordnung und Verkehr der Stadt Kirchheim. Auch bei ihm waren familiäre Gründe ausschlaggebend. „Wir haben drei Kinder, eines davon ist krank“, sagt der 46-Jährige. „Wenn ich einen Tag pro Woche zu Hause die Stellung halten kann, ist das eine enorme Erleichterung.“

Probleme mit der Arbeit von zu Hause hat es bisher nicht gegeben. Für seine Kollegen ist Marcus Deger ohnehin erreichbar. Wenn nötig, werden auch externe Telefonate durchgestellt. Voraussetzung ist jedoch immer Flexibilität: „Wenn es wichtige Termine gibt, tausche ich meinen Homeoffice-Tag“, sagt er. Umgekehrt kommt ihm auch sein Arbeitgeber entgegen.

Misstrauen oder Vorbehalte, ob er zu Hause auch wirklich arbeitet, hat Marcus Deger nicht erfahren: „Wir haben einen sehr guten Draht hier und wissen, dass jeder viel zu tun hat“, sagt der Sachgebietsleiter. Zeitlich laufen die Tage daheim allerdings anders ab als im Büro. „Ich arbeite dann nicht starr von 8 bis 16 Uhr.“ Am PC sitzt er, wenn er Zeit hat - vor allem in den ruhigen Abendstunden.

Tatsächlich hat sich der Homeoffice-Tag bei Marcus Deger und Ulrike Schmid sogar als besonders effektiv erwiesen: „Wenn man ohne Ablenkung durcharbeiten kann, schafft man ganz andere Mengen“, sind sie sich einig.

Und noch mehr Argumente sprechen für Telearbeit. Wer nicht zum Arbeitsplatz pendeln muss, spart Zeit und Stress und schont dabei noch das Klima. „Uns ist der Nachhaltigkeitsgedanke dabei sehr wichtig“, sagt Daniela Braun.

Klar ist aber auch: Nicht für jeden kommt Heimarbeit in Frage. Erzieherinnen, Mitarbeiter von Bauhof und Bürgerbüro können ihre Jobs eben meist nicht von zu Hause aus erledigen. „An erster Stelle steht, dass Service und Kundenkontakt nicht darunter leiden“, betont Daniela Braun.

Dass Homeoffice auch Risiken birgt, ist allen Beteiligten bewusst. „Tatsächlich läuft man Gefahr, eher zu viel zu arbeiten als zu wenig“, weiß Marcus Deger aus Erfahrung. Denn die Möglichkeit, am Ende des Urlaubs schon mal vorzuarbeiten, ist verlockend. „Ich achte aber darauf, dass das die Ausnahme bleibt“, betont er. Dass Arbeitszeit und Pausen eingehalten werden müssen, unterzeichnen Mitarbeiter und Arbeitgeber in einer Homeoffice-Vereinbarung.

Das Fazit Marcus Degers: „Die Vorteile von Homeoffice überwiegen ganz klar“, sagt er: „Es sollte noch viel mehr Einzug in die Arbeitswelt halten.“

Nur ein kleiner Teil praktiziert Telearbeit

Rund um die Teck sind Kirchheim und Weilheim noch die einzigen Kommunen, die ihren Mitarbeitern Homeoffice anbieten. Angedacht ist die Einführung von Telearbeit in Lenningen. In Dettingen können die Amtsleiter mobil auf Mails und Kalender zuzugreifen.

Wie viele Erwerbstätige in Deutschland von zu Hause aus arbeiten, ist schwierig zu beziffern. Eine Erhebung des statistischen Bundesamtes von 2018 geht davon aus, dass elf Prozent der Deutschen im Homeoffice arbeiten. Abgefragt wurde jedoch nur ein Zeitraum von vier Wochen, erfasst sind dabei auch Selbstständige. EU-weit belegt Deutschland dieser Erhebung zufolge Platz 15. An der Spitze stehen die Niederlande mit 37,5 Prozent, gefolgt von Luxemburg, Schweden und Dänemark mit je über 30 Prozent. Hinter Deutschland liegen die Tschechische Republik, die Slowakei, Spanien, Italien und als Schlusslicht Rumänien mit 0,6 Prozent.

Vorangetrieben wird das Thema auch von der Regierung. Das Bundesarbeitsministerium hat dieses Jahr angekündigt, einen Rechtsanspruch auf Homeoffice etablieren zu wollen.bil

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