Weilheim und Umgebung

Ritter und Mörike zeigen sich hieb- und stichfest

Ziegelhütte Das Randecker Maar stand ein Wochenende lang im Zeichen des Mittelalters. Doch auch das Biedermeier kam nicht zu kurz – durch den Ochenwanger „Dichterfürsten“. Von Andreas Volz

An der Ziegelhütte gab es Schaukämpfe, den Harfenbarden und alte Schmiedekunst zu bewundern. Eine kleinere Gästeschar folgte abe
An der Ziegelhütte gab es Schaukämpfe, den Harfenbarden und alte Schmiedekunst zu bewundern. Eine kleinere Gästeschar folgte aber auch Gisa König auf den Spuren Mörikes nach Ochsenwang. Fotos: Markus Brändli

Ein Hauen und Stechen haben die edlen Recken der „Ritterschaft zu Gmünd“ veranstaltet, um den Gästen des Kunst- und Aktionspfads die Welt des Mittelalters vor Augen zu führen. Im Fechtkampf vergossen sie aber kein Blut. Allenfalls der Schweiß floss in Strömen - steckten die Ritter doch in dicken Sicherheits-Wänsten. Außerdem führten sie nur Schaukämpfe vor und umarmten sich am Ende freundschaftlich. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder, die den Kampf mit dürren Zweigen nachahmten, diese Geste ebenso beobachtet haben.

Auch ansonsten ging es beim mittelalterlichen Lagerleben friedlich zu - trotz Helmen und Hellebarden. Nicht Schwert traf da auf Schwert, eher der Hammer des Schmieds auf den Amboss. Für Klänge der lieblichen Art sorgte Gotthardt der Barde an der Harfe.

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Die friedlichen, die idyllisch- lyrischen Töne waren auch diejenigen Eduard Mörikes - sollte man meinen. Gisa König vom Mörikehaus Ochsenwang stellte den Dichter allerdings in vielen unterschiedlichen Facetten vor. Bei einer Wanderung von der Ziegelhütte zu Mörikes „Kirchlein“ im „Reihernest“ am Breitenstein las sie Briefe und Gedichte und ließ dabei die reine Naturschilderung alsbald hinter sich.

Weitaus blutiger als bei der Nachstellung des mittelalterlichen Schwertkampfs geht es nämlich in Mörikes Gedicht „Waldplage“ zu. Nach dem „Natureingang“, der erst einmal die Vorzüge des Waldes preist, kommt der dichtende Pfarrer schnell auf das Übel zu sprechen, das die Menschheit bis heute plagt - nicht nur im Wald:

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„Sogleich beschreib ich dieses Scheusal, daß ihrs kennt; / Noch kennt ihrs kaum, und merkt es nicht, bis unversehns / Die Hand euch und, noch schrecklicher, die Wange schmerzt. / Geflügelt kommt es, säuselnd, fast unhörbarlich [...]. / Und wie es anfliegt, augenblicklich lässet es / Den langen Rüssel senkrecht in die zarte Haut [...]. / Und alsobald, entzündet von dem raschen Gift, / Schwillt euch die Hand zum ungestalten Kissen auf / Und juckt und spannt und brennet zum Verzweifeln euch / Viel Stunden, ja zuweilen noch den dritten Tag.“

Besser und eindrücklicher lässt sich die Plage nicht beschreiben. Mörike zeigt aber auch, dass der Mensch den Kampf mit der Bestie aufzunehmen und sogar „öfter glücklichen Erfolgs“ zu bestehen vermag. Selbst „Klopstocks Oden“ sind dann mehr als „ein schönes Buch“: Die Seiten des Lyrikbands dienen als patente Fliegenklappe - und als Beweis, dass der Geist wieder einmal den Sieg über die Materie davongetragen hat.

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Wie das Beispiel zeigt, brachte Gisa König ihren Gästen den Dichter unter anderem als Humoristen näher, dem auch die Selbstironie nicht fremd ist. Als „Petrefactensammler“ jagt er Versteinerungen nach - was durchaus autobiographisch zu verstehen ist - und verklärt auch diese Tätigkeit noch lyrisch: „Doch, den Zweck nicht zu verlieren, / Will ich jetzt auf allen Vieren / Nach besagten Terebrateln / Noch ein Stückchen weiter kratteln; / Das ist auch wohl Poesie.“

Behagliches Dichten im Paradies

Von einem „wilden Paradies“, wie er Ochsenwang im Februar 1832 nennt, schwärmt Mörike nicht nur in Briefen, sondern auch in einem Sonett. Vom Waldsaum schreibt er: „Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage, / Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen, / Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen, / Wo ich auf eigne Weise mich behage.“

Sein Behagen liegt darin, „wie schön Poeten sich die Zeit vertreiben“. Da ist es dann nicht weit zum Motto Wilhelm Buschs: „Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ Daran zeigt sich klar: Ochsenwang hat Mörikes Wohlsein befördert - weil es ihn zum Dichten angeregt hat.

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