Weilheim und Umgebung

Schafe auf Dächern

Zum muslimischen Opferfest schlachtet jede Familie, die sich's leisten kann, ein Tier. Oft sind es Schafe, manchmal auch Ziegen, Rinder oder Kamele. Das ist auch in Marokko so. Und wer dann immer noch ein paar Groschen übrig hat, opfert gern ein zweites, drittes oder gar viertes Tier. Schließlich wandert ein Großteil des Fleischs eh an Nachbarn und Bedürftige. Und von dem bisschen, was bleibt, wird tagelang gegessen.

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Nun leben in dem Land zwischen Atlantik und Sahara um die 33 Millionen Menschen. Ungläubig staunt jeder Fremde, der sich Tage vor dem großen Fest in eines der Wohnviertel in und um Marokkos Hauptstadt Rabat verirrt – Schafe an Leinen, Schafe in Schubkarren, Schafe in Autos und nicht zuletzt auch: Schafe auf Dächern. Die Straßen scheinen von den Tieren erobert geworden zu sein.Hastig werden sich durch die Straßen gekarrt. In manchem Geschäft, wo Wochen zuvor noch Garn oder Holzarbeiten zum Verkauf geboten wurden, liegt jetzt ein Heuballen auf dem Boden. Drumherum – wer hätte es gedacht – auch Schafe. Wie die Vierbeiner die extrem schmalen Treppengänge in den vierten oder fünften Stock kommen, bleibt ein Rätsel.

Auf den Dachterrassen der Stadt blöken die Tiere im Chor und warten auf ihr Schicksal, das zwar blutig, aber kaum so grausam ist, wie es für Unbeteiligte erst scheint. Schlachten dürfen nur, wenige, die es „halal“ machen: Das heißt schmerzfrei für das Tier. Zu sehen, was eigentlich jeden Tag passiert, hinterlässt Eindruck. Und auch so bleibt noch Tage nach dem Fest die Erinnerung an den besonderen Tag – jeden Tag auf dem Tisch.MONA BEYER