Weilheim und Umgebung

Schwäbisches Nationalgetränk Most

Staatssekretär Andre Baumann und Andreas Schwarz besichtigen die Streuobstwiesen in Neidlingen

Das Biosphärenreservat rund um Neidlingen erhielt Besuch: Die Politprominenz wanderte entlang der Streuobstwiesen und stellte sich den Fragen der Landschaftspfleger.

Botschafterin Maria Stollmeier zeigt Staatssekretär Andre Baumann die weitläufige Alb. Foto: Thomas Krytzner
Botschafterin Maria Stollmeier zeigt Staatssekretär Andre Baumann die weitläufige Alb. Foto: Thomas Krytzner

Neidlingen. Zahlreiche Vertreter von Naturschutzverbänden, Streuobstinitiativen, Vermarkter und Bürger folgten der Einladung von Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Baden-Württemberg, zum Spaziergang durch die Natur. Maria Stollmeier von der Schwäbischen Landpartie und Biosphärenbotschafterin führte die rund 50 Teilnehmer vom Wanderparkplatz in Neidlingen zu den verschiedenen Streuobstwiesen.

Landschaftspfleger Karl Burkhardt erklärte an den verschiedenen Stationen den Zustand der Apfel- und Kirschbäume. Er beklagte, dass die Kirschernte in diesem Jahr schlecht war: „Fruchtfliegen befielen die Früchte und es gab keine Chance, die lästigen Insekten durch Spritzen loszuwerden. Dadurch sahen die Kirschen bei der Ernte aus, als wäre es schon Oktober.“ Burkhardt informierte die Wandergruppe auch über die Schafbeweidung. Karl Burkhardt machte deutlich, dass bei den aktuell gezahlten Preisen für Streuobst, rund vier Euro pro Doppelzentner, kein Gewinn möglich ist und so die Pflege der Streuobstwiesen deutlich leidet.

Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg, bestätigte, dass mit dem knappen Erlös die Motivation fehlt. Allerdings forderte er: „Wenn in den Gemeinden Feste oder andere Veranstaltungen stattfinden, sollen dort vor allem Produkte aus der Region – zum Beispiel Apfelsaft oder Most – verkauft werden. Der Moschd muss wieder zum schwäbischen Nationalgetränk werden!“ Baumann, der am Wandertag durch das Biosphärengebiet seinen 99. Tag in der Landesregierung absolvierte, verwies auf den „Äppelwoi“ in Hessen.

Ein Höhepunkt der Wanderung war der Besuch der Bienenhaus-Sammlung. Da gab es verschiedene Arten von Unterschlupf für die Nützlinge zu bestaunen. Auf dem Landschaftspflegehof von Karl Burkhardt bot sich den Gästen bei einer längeren Rast die Gelegenheit, die verschiedenen Erzeugnisse vor Ort zu probieren. Da mundete die Apfelschorle genauso wie die gebrannten Wässer aus Himbeeren, Birnen oder Sauerkirschen.

Bei der Diskussionsrunde stellten sich Andre Baumann und Andreas Schwarz den Fragen der Streuobstwiesenbetreiber und Schäfer. Dem Vorwurf, dass Gelder vom Land für das vergangene Jahr noch nicht an die Landwirte ausbezahlt wurden, nahm sich Andreas Schwarz an und versprach eine schnelle Regelung. Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen, sprach die Streuobstpreise erneut an und monierte, dass hier ein Erlös von 15 Euro pro 100 Kilogramm enorm helfen würde. Karl Burkhardt bestätigte dies: „Wenn die Preise stimmen, kann ich auch wieder Helfer zur Ernte mitnehmen und die Streuobstwiesen pflegen.“

Im Anschluss besuchte der Wandertross die bekannte Neidlinger Kugelmühle und informierte sich über die verschiedenen Gesteinsarten. Während der Abschlussrunde in der „Alten Kass“ mahnte Andre Baumann: „Die Alb ist das Mekka der Streuobstwiesen in Deutschland. Zum Glück gibt es viele Ältere, die sich noch tagtäglich den Buckel krümmen. Die Nachfolge muss gesichert werden. Wenn die Pflege wegfällt, weiß ich nicht, wie die Gesellschaft das noch auffangen soll.“

Ranger Martin Gienger zeigte in seiner Vorstellung auf, dass bereits die Jüngsten in Sachen Nachhaltigkeit animiert werden. Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren können durch ihren Besuch an verschiedenen Veranstaltungen zu Junior-Ranger-Kids werden, und Teenies zwischen zwölf und 16 Jahren kriegen den Titel Junior-Ranger. Außerdem gibt es Medaillen. Gienger freut sich, dass die Angebote rege wahrgenommen werden.

Interessierte zum Biospährengebiet und dem Junior-Ranger-Programm finden weitere Informationen im Internet unter www.biosphaerenzentrum-alb.de und auf der Webseite www.juniorranger-alb.de.

Wertschätzung muss auch monetär steigen

Andre Baumann, Staatssekretär des Umweltministeriums
Andre Baumann, Staatssekretär des Umweltministeriums

Liegen Ihnen die Streuobstwiesen persönlich am Herzen?

ANDRE BAUMANN: Ja, sehr. Baden-Württemberg hat hier eine Verantwortung zu tragen. Die Wiesen haben eine riesige Bedeutung für das Land.

Können Sie den Landschaftspflegern Hoffnung machen?

BAUMANN: Die Politik hat begriffen, dass die Wertschätzung gegenüber dem Streuobst und deren Anbauern erhöht werden muss. Auf dem Spaziergang rund um Neidlingen konnte ich deutlich sehen, dass viele Bäume in schlechter Verfassung sind. Die Ökosysteme können und müssen erhalten bleiben, schließlich sind sie Herberge für knapp 4 000 Arten.

Wie erklären Sie sich den derzeit schlechten Zustand?

BAUMANN: Vermutlich ist es der Lauf der Zeit. Vor rund 250 Jahren war es selbstverständlich, dass Streuobst angebaut wurde. In dieser Zeit sorgte man mit Äpfeln und andern Früchten für den Winter vor. Da der Most ja durch den Gärungsprozess Alkohol enthielt, diente er als keimfreies Getränk. Zudem spielt der Preisverfall eine große Rolle. Wurde früher noch gutes Geld verdient, begann nach dem letzten Krieg der Abwärtstrend in der Bezahlung.

Gibt es eine Patentlösung, um Streuobstwiesenpflege attraktiver zu gestalten?

BAUMANN: Wichtig ist, dass die Bevölkerung erkennt, wie gut die Produkte aus der Region sind. Es gilt, die Kunden zu überzeugen, lieber vom Direktvermarkter zu kaufen, als zum Beispiel Apfelschorle aus China. Ein leichter Anfang ist an den Dorffesten und Märkten möglich. Dort sollten vor allem Säfte, Obst und Fleisch aus der Region verkauft werden. Eine Patentlösung gibt es derzeit noch nicht.

Was raten Sie den Landwirten kurzfristig?

BAUMANN: Zuerst gebührt den Pflegern der Streuobstwiesen ein großes Lob für ihre bisherige Arbeit. Ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die sich den Rücken krumm machen. Mit dem Versprechen, dass die Regierung versucht, zeitnah zu unterstützen, empfehle ich den Landschaftspflegern, unbedingt weiterzumachen. Nur so können die Streuobstwiesen am Leben erhalten werden.

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