Weilheim und Umgebung

Schwein gehabt?

Spaziergänger sollten junge Wildtiere nicht mit nach Hause nehmen

Wildschweine streifen in Rotten durch die Landschaft. Ein solches Leben haben die Schwarzkittel von Karin Schindler nie erlebt. Sie wurden Opfer verantwortungsloser Tierliebhaberei.

Wildschweine sind soziale Tiere. Wachsen sie mit Mensch und Hund auf, betrachten sie diese als ihre Familie. Selbst dann, wenn s
Wildschweine sind soziale Tiere. Wachsen sie mit Mensch und Hund auf, betrachten sie diese als ihre Familie. Selbst dann, wenn sie später unter ihren Artgenossen in einem Wildpark leben.Fotos: Karin Schindler

Zell. In Karin Schindlers Garten in Zell unter Aichelberg tollen Hund und Wildschwein freudig umher. Hin und wieder macht sich Lilli, das 120 Kilo schwere Borstentier, an den leckeren Rosen ihrer Lebensretterin zu schaffen oder nimmt ein Bad im heimischen Teich. Liebevoll schrubbt ihr Karin Schindler beim Fellwechsel mit der Bürste die Borsten von der Haut. Voller Wonne drückt Lilli ihren massigen Körper sanft grunzend gegen die Bürste: Das Wildschwein fühlt sich sichtlich wohl.

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„Ach, wie süß“, mag mancher denken, doch es verbirgt sich eine ernste und unschöne Geschichte dahinter. Zwölf Frischlinge hat Karin Schindler über die Jahre großgezogen. „Keines der Jungtiere hatte seine Mutter bei einem Wildunfall verloren“, berichtet die 58-Jährige. „Alle wurden von Menschen, die sich abseits der Waldwege aufhielten, einfach aus dem Wurf genommen, als die Mutter auf Futtersuche war.“ Richtiges Verhalten im Sinne des Tieres sieht für die Jägerin anders aus.

„Wer auf wild lebende Jungtiere stößt, sollte sie einfach in Ruhe lassen – auch wenn die Sorge besteht, dass die Mutter nicht zurückkommt“, betont Karin Schindler. Werden sie von Menschen angefasst oder kommen in Kontakt mit Hunden, dann nehmen sie deren Geruch an. Das hat zur Folge, dass sie das Muttertier verstößt. Damit sind die Jungen zwangsläufig zum Tode verurteilt. Wer dennoch befürchtet, dass es sich um verwaisten Nachwuchs handelt, sollte das Forstamt oder die Polizei anrufen.

„Die Behörden verständigen den verantwortlichen Jäger, der erst einmal beobachtet, ob das Muttertier auftaucht oder nicht“, so Karin Schindler. Ist Letzteres der Fall, stellt der Jäger sicher, dass die Findelkinder in menschlicher Obhut gut und artgerecht versorgt sind. Schindler erinnert sich noch gut an den Tag, als sie einen Frischling verlor, der gerade einmal vierzehn Tage alt war. „Die Leute, die ihn gefunden hatten, gaben ihm keine artgerechte Nahrung“, erzählt sie. „Die Darmflora des Tieres war völlig zerstört. Da kam jede Rettung zu spät.“

Lebensmittel aus dem Kühlschrank, Kuh- oder Ziegenmilch sind für Frischlingen alles andere als geeignet. Vielmehr benötigen sie Ferkelaufzuchtmilch. „Außerdem müssen die Frischlinge vom Tierarzt sofort Injektionen bekommen, die essenzielle Mineralstoffe und Spurenelemente enthalten. Die sind wichtig für das Immunsystem“, berichtet die 58-Jährige. Ob am Tag oder in der Nacht – alle zwei Stunden musste Karin Schindler die Jungtiere füttern. Hinzu kommt, dass die Schwarzkittel Familientiere sind und nicht alleine bleiben. Lilli kann also nur deshalb bei „ihren“ Menschen bleiben, weil sich deren Firma im Wohnhaus befindet. Viele sind daher schnell mit ihrem exotischen Familienzuwachs überfordert und bemüht, ihn bei Karin Schindler unterzubringen.

Drei Jahre vergehen, bis ein Wildschwein ausgewachsen ist. Lilli hat es mit ihren acht Lenzen auf eine stattliche Schulterhöhe von 1,10 Metern gebracht. „Ein Keiler wird deutlich größer und kann bis zu 200 Kilogramm wiegen“, sagt Schindler. „Die Tiere bleiben nicht klein und niedlich. Wer sie beim Spaziergang einfach mitnimmt, sollte die Konsequenzen seines Handels vollständig durchdenken.“ Einmal in menschliche Obhut gelangt, lassen sich die Schwarzkittel nicht mehr auswildern. So musste die Jägerin in der Vergangenheit unzählige Telefonate quer durchs gesamte Bundesgebiet führen, um einen Park zu finden, der ihre Schützlinge aufnahm.

„Die Trennung ist das Schlimmste, die Tiere trauern. Sie sind an ihre menschliche Rotte gewöhnt“, erklärt Karin Schindler. „Jedes Mal, wenn ich die Tiere besuche, wollen sie wieder in ihren alten Familienverband zurück.“ Das ist auch in freier Wildbahn so. Werden die weiblichen Tiere von ihrer Rotte getrennt, schließen sie sich ihnen selbst nach langer Zeit wieder an. Männliche Wildschweine müssen im zweiten Lebensjahr die Familien verlassen und ziehen in sogenannten Überläuferrotten, einer Gruppe von Jungtieren durch die Lande.

Lilli, die von einem Hund auf Abwegen aus ihrer Familie gezogen und mit blutenden Wunden und Rippenbrüchen nach Zell gebracht wurde, bleibt bei Karin Schindler. Sie ist das letzte Wildschwein, das die Jägerin großgezogen hat. Die beiden werden in ihrem großen Garten noch viel Zeit miteinander verbringen, denn in menschlicher Obhut können die Schwarzkittel zwischen 20 und 25 Jahre alt werden.