Weilheim und Umgebung

Schwimmen mit dem gewissen Kitzel

Freizeit In Bissingen und in Kirchheim sind die Seen wieder frei zugänglich. Baden in der Natur ist aber nicht für jedermann etwas. Zumal in der Seegemeinde auch noch öffentliche Toiletten fehlen. Von Thomas Zapp

Kurz bevor sie ihre Runden im Bissinger See beendet, entfährt der Frau ein spitzer Schrei: Irgend etwas hat sie im trüben Wasser berührt. Der Schrecken vergeht gleich wieder, denn sie weiß, was dafür verantwortlich ist. „Das sind die ,Kengala‘“, sagt sie auf gut Schwäbisch. Der botanisch korrekte Begriff wäre „Potamogeton crispus“, das „Krause Laichkraut“. Der fleißige Sauerstoffproduzent ist wichtig für das Wasser, damit der See bei den jetzt einsetzenden hohen Temperaturen nicht umkippt. Denn wird es vermehrt ausgerissen, bilden sich verstärkt Algen, die dem See Sauerstoff entziehen. Das führte im heißen Sommer 2018 dazu, dass der Bissinger „Sai“ „umkippte“.

Seit dem 22. Juni ist das Baden im See wieder erlaubt, seit vergangenem Freitag darf die Liegewiese wieder benutzt werden, auch wenn das Schild am Zugang zum See noch anderes besagt. Gleiches gilt für die Kirchheimer Bürgerseen. Dort heißt es ebenfalls: Schwimmen und Grillen erlaubt, ohne Absperrungen.

Die Bissinger Gemeindeverwaltung ist bislang noch zurückhaltend mit dem „Go“ geblieben. Es galt zunächst mit dem Gesundheitsamt zu klären, ob für die Seebesuchern auch eine öffentliche Toilette zur Verfügung stehen muss. Die Antwort der Behörde: Es wäre begrüßenswert, aber nicht zwingend erforderlich. Das hörte man im Bissinger Rathaus gern und erteilte die Freigabe.

Platz zum Schwimmen haben die Frauen, und die „Kengala“ sehen eigentlich ganz harmlos aus.Fotos: Carsten Riedl
Platz zum Schwimmen haben die Frauen. Foto: Carsten Riedl

Das Problem ist nämlich, dass die infrage kommende Toilette am nahe gelegenen „Seestüble“ auch nach dem 1. Juli nicht öffnet. Der Betreiber der Gastwirtschaft sagte gegenüber dem Teckboten, dass es sich für ihn wegen der Corona-Auflagen nicht lohnen würde, Gasthaus und die dazugehörige Toilette zu öffnen. Die wäre auch öffentlich nutzbar, durch eine Tür, die direkt auf den Parkplatz führt. Für die Einhaltung der Corona-Hygiene müsste jedoch eine von ihm bezahlte Servicekraft sorgen. Das lohne sich wirtschaftlich nicht.

Dennoch ist der gerade mal einen halben Hektar große See wieder zugänglich, und das nutzen drei Damen mit großem Vergnügen, auch wenn es manchmal an Füßen oder Bauch kitzelt. Die gemächlich im Wasser liegenden Flussbarsche und Graskarpfen oder ein paar Blässhühner am bewachsenen Ufer stören ebenfalls nicht weiter. Letztere sind übrigens dafür „zuständig“, die „Kengala“ etwas zu rupfen. Den Schnitt der Wasserpflanzen übernimmt bei Bedarf auch das Mähboot, das in diesem Jahr noch nicht zum Einsatz gekommen ist.

Keine Kontrolleure am Ufer

Wer sich also das Wasser nicht mit Unterwasserpflanzen oder anderen Bewohnern wie Rotaugen, Rotfedern, Flußbarschen, Schleien oder sogar ausgesetzten Koikarpfen teilen möchte, ist im Bissinger See falsch aufgehoben. Die insgesamt drei Damen genießen am Nachmittag dagegen die Ruhe und auch die angenehme Kühle des Wassers. „Das ist Stressabbau pur innerhalb von 15 Minuten“, sagt eine von ihnen. Sie fühle sich nun komplett relaxed.

Die Kontaktbeschränkungen wegen Corona sind unter diesen Bedingungen natürlich leicht einzuhalten. Im See und auf der Liegewiese gilt der Mindestabstand von 1,50 Meter zu anderen Personen. Übrigens gibt es kein Personal, das die Einhaltung der Regeln beaufsichtigt. „Wir appellieren an die Vernunft und bitten um gegenseitige Rücksichtnahme und Einhaltung der Vorgaben“, sagt die Bissinger Hauptamtsleiterin Sarah Neckernuß. Nur wenn alle mitmachen, könne der See inklusive Liegewiese dauerhaft geöffnet bleiben. Was Badegäste in diesem Jahr auch in Kauf nehmen müssen, ist der nicht gereinigte Nichtschwimmerbereich. Dazu müsste ein Teil des Wassers abgelassen werden, was man im Sommer nicht mehr machen möchte.

Trotz der landschaftlich reizvollen Umgebung gehört der See zu den Geheimtipps und das soll auch so bleiben, wie eine der Frauen meint. „Eigentlich wollen wir hier nicht zu viele Schwimmer haben“, sagt sie. Denn wenn zu viele Badende den Schlamm aufwirbeln, erhöht sich die Wassertrübung und erschwert den Unterwasserpflanzen die Photosynthese. Einen Hotspot mit zugeparkten Flächen und das ohne Toilette: Darauf können die Bissinger auch nach Corona gut verzichten.

Die „Kengala“ sehen eigentlich ganz harmlos aus. Foto: Carsten Riedl
Die „Kengala“ sehen eigentlich ganz harmlos aus. Foto: Carsten Riedl
Anzeige