Weilheim und Umgebung

Selbst sind die Leser

Kultur Die Weilheimer Stadtbücherei digitalisiert ihr Ausleihsystem. Neben der Möglichkeit, Bücher stapelweise an neuen Terminals selbst zu verbuchen, kommt die lang ersehnte 24-Stunden-Rückgabe. Von Bianca Lütz-Holoch

Büchereileiterin Ellen Keller-Bitzer und ihr Team erhoffen sich mehr Luft für Kundenberatung und Service, wenn sie nicht mehr je
Büchereileiterin Ellen Keller-Bitzer und ihr Team erhoffen sich mehr Luft für Kundenberatung und Service, wenn sie nicht mehr jedes Buch einzeln von Hand einscannen müssen.Foto: Carsten Riedl

Ein Wunsch steht bei den Nutzern der Weilheimer Stadtbücherei schon lange ganz oben auf der Liste: Sie wollen ihre Bücher auch abends und am Wochenende zurückgeben können. Jetzt geht er in Erfüllung. Die Stadtbücherei Weilheim digitalisiert ihr Ausleihsystem. Leser können ihre Bücher vermutlich ab Ende kommenden Jahres selbst verbuchen. Ein Automat ermöglicht dann auch eine Rückgabe unabhängig von den Öffnungszeiten.

„Das neue Ausleihsystem bringt einen Nutzen für Leser und Personal“, sagt Ellen-Keller-Bitzer, Leiterin der Stadtbücherei. Bei der Umstellung bekommen alle Medien und die Leseausweise einen Transponder. Wer Bücher, CDs oder Spiele ausleihen will, kann sie auf das Gerät legen und sogar in Stapeln scannen lassen. „Das Personal muss nicht mehr jedes Buch einzeln von Hand verbuchen, und die Leser müssen sich zu Stoßzeiten nicht mehr anstellen“, so Keller-Bitzer. Tatsächlich wünschen sich viele Kunden auch mehr Diskretion bei der Ausleihe. „Es gibt ja auch heikle Themen, zu denen man sich Literatur besorgt“, weiß sie, etwa Informationen zu Krankheiten oder Privatinsolvenzen. So mancher wolle sich aber auch einfach nicht als Leser trivialer Liebesromane outen.

Die 24-Stunden-Rückgabe ist ein Service, den die Stadtbücherei schon lange einrichten möchte. Ihre Vorstöße für einen „Bücher-Briefkasten“ waren vom Gemeinderat bislang abgelehnt worden. Ein Argument war neben den Kosten auch die Sorge vor Vandalismus. Die ist mit dem neuen Gerät vom Tisch. „Der Einwurf von bibliotheksfremden Gegenständen wird nicht möglich sein“, sagt Ellen Keller-Bitzer. Der Rückgabeautomat öffnet sich nämlich nur für Bibliotheks-Transponder. Was drinnen landet, wird gleich verbucht.

Dass die Stadtbücherei damit unpersönlicher wird, fürchtet Ellen Keller-Bitzer nicht. Was den Rückgabeautomaten angeht, soll er vor allem abends und am Wochenende in Aktion treten. „Während der Öffnungszeiten ziehen wir die persönliche Rückgabe vor.“ Ansonsten erhofft sie sich von der Automatisierung mehr Luft fürs Personal. „Wir brauchen die Zeit dringend für Beratung, Auskunft und Service“ - kurz: für den persönlichen Kontakt zu den Lesern und individuelle Hilfestellung.

Die ist immer mehr gefragt, zum Beispiel in punkto Technik. „Viele kommen zu uns, wenn sie Probleme mit der Onleihe oder ihrem E-Book-Reader haben“, berichtet Ellen Keller-Bitzer. Die Kurve bei Onleihe und Online-Recherche geht stetig nach oben.

Ellen Keller-Bitzer und ihre Kolleginnen beobachten auch, dass sich der Charakter der Stadtbücherei verändert. „Sie wird immer mehr zum Wohnzimmer der Stadt“, formuliert es die Bibliotheks-Leiterin. Jung und Alt kommen an diesen „neutralen“ Ort zum Lernen, Recherchieren und Lesen - ganz ohne Konsumzwang. Dabei spielt auch die Attraktivität der Räume eine Rolle. „Die Menschen lieben ihre Bücherei im wunderschönen Kapuzinerhaus.“

Die Umstellung auf das neue System lässt sich die Stadt einiges kosten. Rund 100 000 Euro steckt sie in die „Radio Frequency Identification“, kurz RFID. Zwar hatte sich die Stadt, die zu einer von 50 digitalen Zukunftskommunen im Land gehört, um Fördermittel beworben. Sie hat aber eine Absage erhalten. Die Begründung: Die Technologie habe keinen Modellcharakter mehr: „Im Landkreis setzen bereits 40 Prozent der hauptamtlich geführten Bibliotheken RFID ein“, so Keller-Bitzer.

Die Umstellung dauert der Büchereileiterin zufolge rund ein Jahr. Das meiste kann während des laufenden Betriebs erledigt werden. „Vielleicht ist aber eine kurze Schließzeit von drei oder vier Wochen nötig.“

Ausgezeichnete Bibliothek mit zufriedenen Kunden

Die Entleihzahlen in der Stadtbücherei Weilheim haben sich auf einem konstant hohen Niveau eingependelt. 137 000 Medien sind 2018 über die Theke gegangen. Im Jahr 2000 waren es noch 58 000.

An Besuchern mangelt es der Stadtbücherei ebenfalls nicht: Rund 35 000 Nutzer kommen pro Jahr in die Einrichtung.

In den Regalen im Kapuzinerhaus stehen rund 27 000 Medien. Außerdem haben Inhaber eines Leseausweise Zugriff auf 50 000 Online-Medien.

„Ausgezeichnete Bibliothek“ darf sich die Weilheimer Stadtbücherei seit vergangenem Jahr nennen. Das Zertifikat hat sie als eine der ersten kleinen Bibliotheken im Landkreis erhalten. Vorangegangen war ein zweieinhalbjähriger Zertifizierungsprozess, in dem das Team der Bücherei Abläufe, Kundenbetreuung und Finanzen optimiert hat.

Eine Umfrage hat ergeben, dass ein Großteil der Weilheimer Nutzer mit der Bücherei zufrieden oder sehr zufrieden ist. Über 80 Prozent schätzen die Beratung als „sehr gut“ ein. bil

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