Weilheim und Umgebung

Sie macht jetzt Nutella selbst

Nachhaltigkeit Die Weilheimer Rathaus-Mitarbeiterin Evi Wagner lebt seit einem Urlaub in Borneo ressourcenschonend. Ihr Engagement macht sich auch in der Stadtverwaltung bemerkbar. Von Bianca Lütz-Holoch

Evi Wagner lebt nachhaltig, auch Umstellung im Rathaus auf Recyclingmaterial,
Evi Wagner lebt nachhaltig, auch Umstellung im Rathaus auf Recyclingmaterial,

Es beginnt 2016 mit einer Reise nach Borneo - ein Traumziel von Evi Wagner und ihrem Partner: „Ich wollte unbedingt den Dschungel und die Tierwelt mit den Orang-Utans erleben“, erzählt die Mitarbeiterin des Weilheimer Rathauses. Dass diese Reise ihre Einstellung zu Ressourcenverbrauch und Konsum von Grund auf verändern wird, ahnt die junge Frau damals noch nicht.

Dann steigt Evi Wagner aus dem Flugzeug. Das erhoffte Paradies findet sie jedoch nicht. Stattdessen: Palmölplantagen - so weit das Auge reicht. „In Borneo haben sie riesige Teile des Dschungels abgeholzt, um Palmen anzubauen“, berichtet die Kirchheimerin. Sie kann kaum fassen, wie groß das Ausmaß der Naturzerstörung ist. „Wir haben auf unserer Reise keinen einzigen wild lebenden Orang-Utan gesehen“, berichtet Evi Wagner kopfschüttelnd.

Auch wenn sie schon immer darauf geachtet hat, woher Fleisch und Eier kommen - „das mit dem Palmöl hatte ich so nicht auf dem Schirm“, gesteht Evi Wagner.

Es folgen noch mehr Eindrücke, die sich der Weilheimer Verwaltungsangestellten schmerzhaft ins Gedächtnis brennen: Traumhafte Buchten mit blauem Wasser und schneeweißem Sand sind übersät von Plastikmüll. Korallen und Meerestiere sterben unter Massen von Tüten und Folien.

Zurück in Deutschland fasst sie einen Beschluss: Sie wird keine Produkte mit Palmöl mehr verwenden. Eine schwierige Aufgabe, wie sie dann im Supermarkt feststellt. „Ich habe erst einmal gar nichts gekauft“, erinnert sich Evi Wagner. Denn das pflanzliche Fett steckt in etlichen Produkten: „Es ist in Schokolade und in Eis, in Waschmittel, in Duschgel, in Kräutermischungen und vegetarischen Gerichten“, sagt Evi Wagner. Sie googelt und findet eine App, die ihr bei der Auswahl „guter“ Produkte hilft (siehe Info). Je mehr sie sich informiert, desto mehr achtet sie auch auf andere problematische Inhaltsstoffe wie Mikroplastik und natürlich den Verpackungsmüll. Schritt für Schritt streicht Evi Wagner umweltbelastende Produkte aus ihrem Alltag und verschreibt sich einem nachhaltigen Lebensstil. „Leicht war das am Anfang nicht“, gibt sie zu. „Aber man wächst hinein.“

Besonders Evi Wagners Partner trifft die Umstellung zunächst hart: Er liebt Nutella über alles. Doch das Palmöl, das massenhaft darin steckt, macht es zum Tabu. Die Suche nach einer gekauften Schokocreme ohne Palmöl, die auch wirklich schmeckt, verläuft erfolglos. Evi Wagners Partner jedoch macht aus der Not eine Tugend und beginnt, seinen Schokoaufstrich selbst herzustellen. „Das ist so lecker, dass er das echte Nutella gar nicht mehr vermisst“, sagt die Kirchheimerin.

Und noch mehr Dinge verschwinden aus dem Haushalt: Weichspüler, Haarspülung und Plastikflaschen zum Beispiel. Auch Funktionskleidung kauft Evi Wagner nicht mehr. „Bei jeder Wäsche gehen Mikroplastikteile ins Wasser“, begründet sie. Gibt es mal einen Cocktail, wird er ohne Röhrchen serviert. Hotel-Urlaub macht das Paar nur noch in Öko-Resorts.

Evi Wagners Lebensstil bleibt auch den Kollegen im Weilheimer Rathaus nicht verborgen. Als Hauptamtsleiterin Daniela Braun im Sommer 2017 neu ins Weilheimer Rathaus kommt, imponiert ihr die Standesamts-Mitarbeiterin mit ihrem nachhaltigen Lebensstil sofort. „Frau Wagner wirkt ansteckend, ohne missionarisch zu sein“, sagt Daniela Braun.

So beginnt auch die Stadt, noch mehr auf Nachhaltigkeit zu achten. „Weilheim war ja bislang auch nicht untätig“, sagt Daniela Braun und verweist auf die Elektro-Tankstelle, die LED-Straßenbeleuchtung und den Energiebericht. Dazugekommen sind nun noch viele andere Dinge: Recyclingpapier, umweltfreundliche Memo-Kleber und Öko-Textmarker zum Beispiel. Ein wenig Überzeugungsarbeit muss Evi Wagner bei manchen Kollegen schon leisten. „Aber man hat ja keinen Nachteil - die Funktion ist die gleiche“, sagt Daniela Braun. Derzeit auf dem Prüfstand stehen übrigens die Plastik-Mineralwasserflaschen im Haus.

Zum ersten Mal hat die Stadt Weilheim in diesem Jahr auch an den Nachhaltigkeitstagen des Landes Baden-Württemberg Anfang Juni teilgenommen. Vor Ort federführend mitorganisiert hat sie Evi Wagner. Zu den Aktionen in Weilheim gehören etwa „Mit dem Rad zur Arbeit“, Recycling-Projekte und Blumenwiesen säen. „Auf dem Wochenmarkt haben wir außerdem aufgeklärt, Papiertüten und Info-Broschüren verteilt“, so Daniela Braun.

Pläne, um Weilheim noch nachhaltiger zu machen, gibt es viele: Zum Beispiel können sich Evi Wagner und Daniela Braun vorstellen, wiederverwendbare Weilheimer Coffee-to-go-Becher einzuführen und Stoffsäckchen zu entwerfen. Und noch einen Traum hat Evi Wagner: „Ich wünsche mir, dass Weilheim irgendwann Fair-Trade-Town wird.“

Ob am Arbeitsplatz oder privat: Evi Wagner achtet auf nachhaltige Produkte. Textmarker gibt es für die Mitarbeiter des Rathauses
Ob am Arbeitsplatz oder privat: Evi Wagner achtet auf nachhaltige Produkte. Textmarker gibt es für die Mitarbeiter des Rathauses zum Beispiel nur noch in der Öko-Ausführung. Aufs Brot kommt nur noch Schokocreme aus der eigenen Küche. Foto: Markus Brändli/Symbolfotos

Tipps zum nachhaltigen Leben

Sich informieren steht beim Thema Nachhaltigkeit ganz oben. Denn oft ist es gar nicht böse Absicht, sondern Unwissenheit, die zur Ressourcenverschwendung und Zerstörung der Umwelt beträgt.

Jeder Einzelne kann tagtäglich mit einfachen Dingen seinen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Dazu gehört etwa: kein Obst und Gemüse in Plastikverpackungen mehr kaufen, keine Plastiktüten mehr benutzen, Wachsöltücher statt Alufolie zum Einwickeln von Lebensmitteln nehmen, regional und saisonal einkaufen und essen, keinen Weichspüler mehr verwenden, sich öfter mal aufs Fahrrad schwingen und das Auto auch mal stehen lassen.

Die App „Code Check“ hat Evi Wagner dabei geholfen, Produkte näher unter die Lupe zu nehmen. Wer den Barcode mit dem Smartphone scannt, bekommt eine Liste von Inhaltsstoffen sowie teilweise Vor- und Nachteilen des Produkts. Registriert man sich, lässt sich zudem ein Profil mit eigenen Schwerpunkten erstellen. Die kostenlose Version enthält Werbung.

Im Internet gibt es zahlreiche Seiten, die rund um Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Gesundheit informieren. Infos, Veranstaltungen und Tipps rund um Nachhaltigkeit gibt es zum Beispiel auf der Homepage ­www.n-netzwerk.de des Landes Baden-Württemberg. Die Seite www.utopia.de bietet Nachrichten und Produktinformationen rund ums Thema Nachhaltigkeit. Für Schüler erstellt, aber auch für Erwachsene spannend, ist www.abenteuer-regenwald.de. Dort gibt es Kauftipps und Bastelvorlagen sowie Wissenswertes rund um den Regenwald.bil

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