Weilheim und Umgebung

Syrer und Roma teilen sich den Kindergarten

Bissingen ist weiterhin auf der Suche nach freien Wohnungen für Flüchtlinge – Familiennachzug verschärft Situation

Während die Flüchtlingsthematik in Ochsenwang in geregelten Bahnen verläuft, müssen in Bissingen Gemeinde und Arbeitskreis Asyl immer wieder rasch auf neue Ankömmlinge reagieren, wie Bürgermeister Marcel Musolf berichtet.

Bissingen. Was sagt die Bevölkerung Bissingens und Ochsenwangs zum Thema „Flüchtlinge“? Verwaltungschef Musolf kann nichts Negatives berichten. „Die Hilfsbereitschaft ist groß. Das sieht man an den Spenden“. Freilich weiß auch er aus Gesprächen, dass die Bürger die Thematik umtreibt. „Man spricht über das, was in der Zeitung steht. Überhaupt jetzt nach den Anschlägen von Paris.“ Wobei Marcel Musolf beide Themen, ähnlich wie dies bereits Bundespolitiker äußerten, „Flüchtlingspolitik“ und „Terroranschläge“, nicht in einen Topf geworfen wissen will. Seit etwa einem Jahr leben 22 junge Männer aus Gambia in der Eduard-Mörike-Gemeinde Ochsenwang, besuchen Sprachkurse und sind in der Gemeinde integriert. Sie kennen sich inzwischen mit den Behördengängen aus, wissen, wo sie einkaufen können und der Arzt zu finden ist. Der private Taxidienst „von oben nach unten“ oder umgekehrt funktioniert, und sie nehmen am offiziellen Dorfleben teil, siehe Maibaumaufstellen und Tauziehen. „Das klappt alles gut“, freut sich Bürgermeister Musolf.

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In der Seegemeinde stellt sich die Situation etwas anders dar. Nachdem eine Roma-Familie freiwillig wieder nach Serbien zurückgekehrt ist, wohnt noch eine 14-köpfige Roma-Familie in der Unterkunft in der Bis­singer Pfarrstraße. Inzwischen ist die frei gewordene zweite Wohnung in dem ehemaligen Kindergarten von zwei syrischen Familien mit acht Personen und einer indischen Familie mit drei Personen belegt. Die Familien mit Kindern werden nach einem ersten Kontakt von Mitarbeitern des AK Asyl Bissingen an die Hand genommen und gemeinsam mit der AWO betreut.

Der wiederholte Wechsel war für die ehrenamtlichen Helfer nicht ganz einfach, erforderte er doch ein erneutes sich Einstellen auf die ankommenden Flüchtlinge. „Man braucht einen langen Atem“, so Bürgermeister Musolf. „Die Mitarbeiter fangen ständig wieder von vorne an“. Dabei rückt für die Gemeinde auch das Thema Kindergarten und Schule in den Vordergrund. „Wir haben jetzt sechs Anträge für den Kindergarten bekommen. Das müssen wir erst einmal bewältigen“. Ein Kind geht in die Förderschule nach Weilheim, ein anderes in die Grundschule Bissingen.

Für die Verwaltung scheint es zur Daueraufgabe zu werden, neue Unterkünfte zu generieren. „Wir sind auf der Suche nach weiteren Immobilien“. Bis jetzt war jede Prognose Makulatur. Konkrete Zahlen will die Landkreisverwaltung keine mehr nennen, weil sie bereits morgen überholt sein könnten. Mit steigender Tendenz. „Aufgrund der Juliprog­nose für 2015 sind wir im Soll bei der Erstunterbringung. Die Anschlussunterbringung haben wir übererfüllt“, sagt Musolf. „Für 2016 wurden uns 20 Personen zur Anschlussunterbringung angekündigt.“

„Es ist so, dass wir uns momentan mit der Unterbringung von Obdachlosen schwer tun“, sagt Marcel Musolf, denn freie Wohnungen in Reserve gibt es in der Seegemeinde nicht. „Deshalb müssen wir dranbleiben, neue Kapazitäten zu erschließen, wenn dies finanziell und zeitlich realisierbar ist.“ Bissingen hat innerhalb eines dreiviertel Jahres 45 Plätze geschaffen.

Ob die Wohnungen und Räume je ausreichen werden, kann heute niemand sagen. Doch auch Bissingens Bürgermeister ist klar, dass junge Männer, deren Asylersuchen anerkannt wird, ihre Familien nachholen werden. „Das erhöht dann die Problematik um den Faktor drei, vier oder gar fünf und verschärft die Situation, vor allem bei uns im Ballungsraum“.

Dennoch rät er von einer Zwangsvermietung ab. „Ich halte das für keinen gangbaren Weg. Wenn das passieren würde, ginge die Akzeptanz in der Bevölkerung schlagartig gegen null“, warnt der Bissinger Bürgermeister, der auch für die Freien Wähler im Kreistag sitzt.

Marcel Musolf lässt sich durch die Flüchtlingsproblematik nicht davon abhalten, das große Ganze der Gemeinde im Blick zu behalten. „Ich kann deshalb nicht jede andere Aufgabe der Gemeindeentwicklung ad acta legen“, sagt er. Bissingen habe als Kreiskommune gezeigt, dass es bereit ist, seinen Teil zur Lösung beizutragen. „Wir bemühen uns sehr“.