Weilheim und Umgebung

Tägliches Musizieren verbindet

Gemeinschaft Seit vielen Wochen laden verschiedene Gruppen in Neidlingen zum Singen ein. Jeden Abend treffen sie sich, um sich gegenseitig Mut in der schwierigen Corona-Zeit zu machen. Von Sabine Ackermann

Keine Katzenmusik: Bärbel Raichle an der Gitarre lädt zum Singen in ihren Garten in Neidlingen ein. Foto: Sabine Ackermann
Keine Katzenmusik: Bärbel Raichle an der Gitarre lädt zum Singen in ihren Garten in Neidlingen ein. Foto: Sabine Ackermann

Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu, und es ist wieder Zeit, zu singen. Ein überschaubarer Kreis von Chor-Damen, darunter zwei Brigittes, sowie je eine Dagmar, Hedwig und Susanne, haben sich großzügig in Bärbel Raichles Garten positioniert. Nicht nur der Rasen wird gepflegt, auch der Abstand. „Corona macht alles irre“, meint Susanne zu der im Grunde ungewollten Distanz, die trotz allem das Zwischenmenschliche der Frauen nicht gefährdet.

Noch steht die 30 Jahre alte Robinie im Sonnenlicht, der Großteil des Gartens ist umrahmt von Büschen und Hecken. Auf der Längsseite gibt es eine Anhöhe von etwa drei, vier Metern, hinter dem ursprünglich bewachsenen „Outback“ hört man Stimmen. „Guten Abend“, grüßen die zwei Nachbarinnen, die auch heute nicht für das allabendliche Mini-Konzert aus ihrer Deckung kommen möchten. Ein zwar unsichtbarer, aber gut hörbarer Background-Chor - das passt.

Ohne große Einleitung geht’s dann los. „Brauchscht no a Klemmerle?“, wird Bärbel angesichts der an der Stuhllehne befestigten Noten gefragt. Die Gitarristin ist wie immer bestens vorbereitet. Treue Chormitglieder kennen die meisten Lieder auswendig, gern gesehene „Frischlinge“ bekommen den Text in die Hand gedrückt. „Meine Hoffnung und meine Freude“ ist seit Beginn das Eröffnungslied und wie „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ im evangelischen Gesangbuch zu finden. Für Abwechslung sorgt traditionelles Liedgut, wie beispielsweise „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Kein schöner Land in dieser Zeit“.

„Vielen Dank an alle, die nach wie vor treu jeden Abend um 19 Uhr mit ihrer Musik vielen Menschen in unserem Ort eine Freude machen. Haltet durch und macht weiter so, und es dürfen auch gerne noch mehr dazukommen.“ - Motivierende Zeilen, die immer wieder im Neidlingler Blätte unter der Rubrik „Aktuelle Seite“ zu lesen sind. Auslöser für den gemeinsam Singabend war die Ausgangs- und Kontaktsperre, die seit März das kulturelle Leben noch immer mehr oder weniger lahmlegt. Kleingruppen des Neidlinger Gesangvereins sowie Bläser des Neidlinger Posaunenchors verteilen sich seitdem an verschiedenen Plätzen im Ort und unterhalten mit christlichen und volkstümlichen Liedern zumindest einen Teil der knapp 1 850 Einwohner - durchweg, an sieben Tagen die Woche, immer abends ab 19 Uhr und einmal sogar zu zweit „bei starkem Regen.“

Mit zur ersten Stunde gehört Posaunenchorleiter Daniel Blankenhorn, der sagt: „Wenn es das Geschäft erlaubt, zieh ich das mit meiner Frau Julia im Garten eisern durch.“ Aber auch Bärbel Raichle und Sonja Stark, zwei musikalische Nachbarinnen, holen seit Wochen Gitarre und Flöte heraus, begleiten damit „ihren“ kleinen, aber feinen Chor. „Es macht uns selber Mut, anderen Mut zu machen - die Mauern zwischen den Menschen verschwinden“, verdeutlicht Bärbel Raichle. Sonja Stark freut sich über das zwanglose und herzliche Miteinander. „Sind normalerweise um diese Zeit die Leute eher daheim, ist es seit Wochen völlig anders. Man sagt hallo und wächst zusammen.“ Von Mitte 40 bis fast 90, ob Frau, ob Mann - für alle ist das gemeinsame Musizieren und Singen längst zu einem Ritual geworden. Ab und an kommen Besucher vorbei, die am Schluss Beifall spenden.

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