Weilheim und Umgebung

Von Bissingen an den Bosporus

Radtour 2 300 Kilometer auf dem Fahrrad in zehn Tagen: Der ehemalige Kickbox-Weltmeister Gökhan Arslan radelte mit seinem Nachbarn Christoph Möhl bis in die Türkei. Aus dem Ausflug der beiden wurde ein Symbol der deutsch-türkischen Freundschaft. Von Philip Sandrock

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Vor drei Jahren stand Gökhan Arslan zum letzten Mal im Ring. Der ehemalige Kickbox-Weltmeister könnte es seitdem eigentlich ruhiger angehen lassen. Es muss wohl an der Kämpfernatur liegen, dass er eine neue Herausforderung suchte: Eine Radtour von Bissingen nach Bursa in der Türkei. Am 26. September fuhren er und sein Freund und Nachbar Christoph Möhl los. Zehn Tage später waren sie mit ihren Rädern am Bosporus.

Dabei gründet die ganze Reise auf einem Scherz: Möhl ist nicht nur sein Freund und Nachbar, Kampfsportschüler und Steuerberater, sondern vor allem ein Fahrrad-Freak. „Er fährt fast auf professionellem Niveau“, sagt Arslan. Er habe Möhl schon lange einmal sein Herkunftsland zeigen wollen, sagt Arslan. „Wir waren so oft davor, zu buchen.“ Aber dann hatten die Terroranschläge und der Putsch in der Türkei die Pläne immer wieder zurückgeworfen. „Im Frühsommer sind wir gemeinsam nach Bissingen zurückgefahren, da habe ich ihm halb im Scherz gesagt, dass man doch auch mit dem Fahrrad in die Türkei fahren könnte.“ Ein paar Tage später rief Arslans Frau an: „Was hast du mit Christoph besprochen, der plant schon alles für eure Radtour.“ Erst sei er erschrocken, sagt Arslan. Aber Arslan nahm die eigene Herausforderung an: Als er wenige Tage später ein Selbstporträt mit Fahrrad im Internet postete mit der Unterschrift „Ich muss mich hart vorbereiten, vor mir liegen 2 500 Kilometer (Stuttgart bis Istanbul), das alles mit dem Fahrrad.“ gab es kein Zurück mehr - Dutzende Kommentatoren wünschten dem 40-Jährigen alles Gute und viel Erfolg - vor allem bei Türken hat der Kickboxer Star-Status und eine große Social-Media-Fangemeinde. Arslan musste liefern.

Das Training war kurz und hart

Die Vorbereitungen starteten im Juli. Möhl baute zwei maßgeschneiderte Fahrräder. Arslan organisierte Trikots und die Unterstützung eines weiteren Bekannten aus der Nachbarschaft, der die Radler mit einem Fahrzeug bis ans Ziel begleitete.

„Mir war auch der Gedanke der deutsch-türkischen Freundschaft wichtig“, betont Arslan, wenn er über das Projekt redet. Deshalb ließ er extra Fahrradkleidung mit den Flaggen beider Länder bedrucken. „Wir dürfen uns von den politischen Spannungen nicht irritieren lassen.“ Das betreffe die Politik - aber wa­rum sollen sich die Menschen streiten, nur weil sich die Politiker nicht verstehen, fragt er. Auch deshalb habe die Radtour gerade in diesen Wochen und Monaten einen ganz besonderen Symbolcharakter, ist sich Arslan sicher. Leider mit wenig Resonanz von deutscher Seite: Die Bürgermeister von Stuttgart und Esslingen habe er angeschrieben, ob sie den beiden Botschaftern auf zwei Rädern Stadtwimpel mitgeben möchten. Es sei nicht einmal eine Antwort gekommen. Einzig der Bissinger Bürgermeister habe den beiden Radfahrern ein Fähnchen mitgegeben.

Das Training war kurz und hart, wie Arslan schildert. Zunächst sei er kurze Strecken und immer wieder den Alb­aufstieg gefahren. „Zuerst waren es immer knapp 40 oder 50 Kilometer pro Trainingseinheit.“ Erst Ende August habe er weitertrainiert - mit längeren Strecken bis zu 120 Kilometern. „Irgendwann haben wir dann 200 Kilometer zurückgelegt, die Vorbereitung war extrem.“

Doch bevor die Radler sich im mediterranen Klima sonnen konnten, mussten sie zunächst die Schwäbische Alb und die Alpen überqueren. Rückblickend sei die erste Etappe der reinste Spaziergang gewesen, sagt Arslan. Von Bissingen ging es über die Alb und weiter Richtung München. Dort endete nach knapp über 200 Tageskilometern der Auftakt.

Über den Wurzenpass

„Wir haben die Route nur grob vorgeplant, weil wir ja nicht wussten, wie weit wir pro Tag kommen“, sagt Arslan. So habe man immer nach der Mittagspause entschieden, wo die jeweilige Tagesetappe enden soll, und wo man übernachtet.

Von München ging es tags darauf bis kurz hinter Salzburg - nach Hallein. Schon etwas bergiger sei die Etappe von dort nach Villach gewesen. Aber Arslan ahnte nicht, welche Etappe sein Begleiter Möhl am nächsten Tag vorbereitet hatte: „Wir sind über den Wurzenpass gefahren, das war das Brutalste, das ich auf der gesamten Tour machen musste“, sagt der mehrmalige Kickbox-Weltmeister.

Anders als Autofahrer dürfen Radler nicht durch den Karawankentunnel fahren - ihnen bleibt nur die steile Passstraße, um von Österreich nach Slowenien zu kommen. Der Hobbyradler Möhl sei die Straße, die bis zu 18 Prozent Steigung hat, fast bis nach oben gefahren. Doch Gökhan Arslan hat es irgendwann nicht mehr geschafft: „Ich habe fast drei Kilometer geschoben“, gesteht er - alles festgehalten mit der Bordkamera seines Fahrrads. „Von Villach bis zum höchsten Punkt des Passes habe ich drei Stunden gebraucht“, sagt Arslan. Talwärts ging es schneller. Arslan spielt stolz seine Videoaufnahme ab: Fünf Minuten brauchten sie bis ins Tal, mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde ging es die enge Passstraße hinab. Am Ende überholte der Kickboxer den Hobbyradler sogar - Möhl bremste wegen der schlechten Straßenverhältnisse etwas. Slowenien war noch nicht das Tagesziel der beiden Türkei-Fahrer. Bis zum Abend hatten sie die Alpenrepublik durchquert und übernachteten im kroatischen Zagreb.

Am fünften Tag durchquerte das Duo Kroatien bis nach Slavonski Brod, bevor es am Tag drauf ins serbische Belgrad weiterging. Nächste Etappenstadt wurde die drittgrößte Stadt Serbiens - Niš. Auf der Strecke von Niš nach Sofia wurde es für die Radler etwas riskant. Sie waren mangels geeigneter Radwege auf der Hauptverkehrsstraße Richtung Bulgarien. „Jeder, der schon mal mit dem Auto in die Türkei gefahren ist, kennt die enge Straße durch das Nišava-Tal mit ihren 21 Tunneln“, sagt Arslan. Obwohl die Straße in den letzten Jahren ausgebaut wurde, kommt es in den Tunneln immer wieder zu Unfällen. Zwei Radler zwischen schweren Lkws und gestressten Autofahrern haben es da nicht leicht.

Nach ihrer Ankunft in Sofia ging es gleich am nächsten Tag weiter in Richtung türkische Grenze - in einer der längsten Etappen auf seiner Tour durchquerte das Duo fast ganz Bulgarien und kam abends in Swilengrad an. „Ich war nach diesem Tag so was von fertig“, sagt Arslan. Besonders hätten ihm auf der gesamten Tour die Nackenmuskeln geschmerzt. „Als Kampfsportler ist es wichtig, dass man die Nackenmuskulatur trainiert - auf dem Fahrrad ist das eher hinderlich“, sagt er. Nach einigen Stunden auf dem Rad verkrampfe der gesamte Nacken, und man könne das abends nur schwer wieder ausmassieren. Erstaunlicherweise habe er während der gesamten Tour nie Probleme mit den Beinen bekommen, oder Krämpfe. „Wichtig ist, dass man sich mit ausreichend Kohlehydraten und Flüssigkeit versorgt“, erläutert er. Dann funktionierten auch die Muskeln richtig. Nach dem Zwischenstopp in Swilengrad erreichten die beiden Radler am zehnten Tag ihrer Tour den Stadtrand von Istanbul und stürzten sich auf ihren Zweirädern in das Verkehrschaos der Bosporus-Metropole.

Überraschender Empfang in Istanbul

Die größte Überraschung war, dass seine Eltern am Stadtrand Istanbuls auf ihn warteten. „Damit hatte ich nicht gerechnet, wir wollten ja noch weiterfahren nach Bursa und uns dort mit meiner Familie treffen“, sagt Arslan. Danach wurde es offiziell, Arslan und Möhl übergaben eine deutsche Flagge an einen Vertreter der Stadt. Bevor sie ihr Ziel erreichten, ging es noch mal steil bergauf: Auf der Autobahn mussten die Radler den acht Kilometer langen Anstieg nach Bursa bewältigen. Die mit 2,8 Millionen Einwohnern viertgrößte Stadt der Türkei liegt rund 150 Kilometer südlich von Istanbul. Hier endete die Reise. Und es wurde sehr offiziell. „Wir wurden vom Bürgermeister empfangen“, sagt Arslan. Man habe dem Vertreter der Stadt die deutsche Flagge und den Wimpel übergeben, den der Bissinger Bürgermeister den beiden mitgegeben hatte. „Es war ein richtig großer Empfang“, sagt Arslan und zeigt Fotos. Auch seine Eltern waren dort. „Es ist wichtig, dass die Völker sich verstehen“, sagt Arslan. Insbesondere Deutschland und die Türkei hätten bislang immer ein gutes Verhältnis gehabt. Dafür, dass es wieder so wird, möchte er mit seiner Tour werben.

Während seine Tour in Deutschland kaum wahrgenommen wurde, habe sie bei seinen türkischen Fans hohe Wellen geschlagen. So seien er und Christoph Möhl ausgezeichnet worden für den Einsatz für die deutsch-türkische Freundschaft. Und auch eine Nachwuchs-Filmemacherin hat ihnen eine englischsprachige Kurzdokumentation gewidmet: die Nürtingerin Sinikka Li Axt hat den viermaligen Weltmeister interviewt und damit auch an Wettbewerben teilgenommen.

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