Weilheim und Umgebung

Von Kind an auf Ehrenamt geeicht

Erika Jahke aus Weilheim erhält das Bundesverdienstkreuz für ihr außergewöhnliches Engagement

Die Liste der Ehrenämter, die Erika Jahke aus Weilheim schon bekleidet hat, scheint kaum enden zu wollen. Für ihr Engagement beim Roten Kreuz, in der Seniorenarbeit und beim Sozialen Netz Raum Weilheim wird die 75-Jährige morgen in Stuttgart mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Erika Jahke im Bürgerhaus, dem „Zentrum“ der Weilheimer Seniorenarbeit.Foto: Jean-Luc Jacques
Erika Jahke im Bürgerhaus, dem „Zentrum“ der Weilheimer Seniorenarbeit.Foto: Jean-Luc Jacques

Weilheim. Es ist das Jahr 1945. Am Weilheimer Bahnhof kommen Züge voll mit deutschen Flüchtlingen aus Osteuropa an. Empfangen werden sie von Elsa Böbel, damals Bereitschaftsleiterin des DRK Weilheim, und ihrer Tochter Erika. Immer wieder läuft die Fünfjährige zu ihrem Elternhaus, wo Großmutter Christiane am Herd steht, und holt frischen Grießbrei und warme Milch. Für alle reicht der Grieß aus eigenem Anbau und die Milch der Böbelschen Kuh nicht aus. „Aber wenigstens die Kinder bekamen etwas zu essen und zu trinken“, erinnert sich Erika Jahke an ihre ersten Einsätze für das Rote Kreuz zurück.

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70 Jahre ist das her. Aber das Ehrenamt hat Erika Jahke nicht losgelassen. Ob Deutsches Rotes Kreuz, Seniorenarbeit oder Soziales Netz Raum Weilheim – bis heute ist die 75-Jährige hoch engagiert – und hat schon so einiges bewegt. Am Samstag überreicht Ministerpräsident Winfried Kretschmann ihr in Stuttgart dafür das Bundesverdienstkreuz.

Zwar freut sich Erika Jahke über die Würdigung. Wichtig sind ihr „all die Schächtele“ und Anstecknadeln aber nicht. Der freiwillige Einsatz fürs Gemeinwohl ist für sie immer etwas Selbstverständliches gewesen, etwas, das sie quasi „mit der Muttermilch“ aufgesogen hatte, das ihr Freude bereitete und das sie später an ihre eigenen Kinder weitergab.

Als sie offiziell dem Deutschen Roten Kreuz beitrat, war Erika Jahke – die damals noch Böbel hieß und liebevoll „Böbele“ gerufen wurde – 15 Jahre alt. Sie wurde zur Helferin ausgebildet, betreute die Sanitätsdienste, leistete Sozialarbeit und absolvierte 1958 eine Schwesternhelferinnenausbildung.

„Bis 1964 habe ich an den Wochenenden ehrenamtlich im Kirchheimer Krankenhaus gearbeitet“, erzählt Erika Jahke. Eine Entlohnung gab es nicht. „Auf die Idee, dafür Geld zu verlangen, wäre ich auch nie gekommen“, betont die 75-Jährige. „Wir haben zusammen mit den Diakonissen von Aidlingen die Leute gepflegt – mit Idealismus und Freude. Das war einfach schön.“ Immer mehr übernahm Erika Jahke beim Deutschen Roten Kreuz Verantwortung. 27 Jahre lang leitete sie die DRK-Bereitschaft Weilheim, nachdem sie vorher schon jahrelang Stellvertreterin ihrer Mutter gewesen war. Von 1970 bis 2008 war sie Kreisbereitschaftsleiterin. Dabei bewegte sie so einiges. „Ich habe gegen sehr viele Widerstände durchgesetzt, dass Frauen in den Rettungsdienst dürfen“, nennt die Weilheimerin ein Beispiel. Mitbegründet hat Erika Jahke auch das Jugendrotkreuz in Weilheim. Heute ist sie Ehrenbereitschaftsleiterin – in Weilheim wie auf Kreisebene. Noch immer ist die rüstige Rentnerin aktiv dabei, etwa als Organisatorin für Seniorennachmittage und Übungsleiterin der Präventionsgymnastik für Senioren.

Mit den Jahren richtete Erika Jahke ihren Fokus immer mehr auf die Seniorenarbeit. 1999 übernahm sie die Leitung der Weilheimer Seniorenstube. Als sich Erika Jahke dann im Rahmen der Lokalen Agenda 2010 engagierte, wurde ihr klar: „Die Weilheimer Seniorenarbeit muss verbessert und koordiniert werden.“ Also stieß sie an, das Seniorenforum zu gründen. Bis heute ist sie Vorsitzende und ehrenamtliche Geschäftsführerin der Einrichtung, die Senioren zu gemeinsamen Aktivitäten motivieren möchte, kulturelle, sportliche und gesellschaftliche Angebote macht. „Wir haben gerade das 31. Programmheft herausgegeben“, freut sie sich. Keine Frage, dass sie darin auch mit eigenen Kursen und Angeboten vertreten ist.

Und noch eine weitere bedeutende Einrichtung hat Erika Jahke mit auf den Weg gebracht: das Soziale Netz Raum Weilheim. Bei einer Sitzung des Kreisseniorenrats hörte sie erstmals vom „betreuten Wohnen zu Hause“: „Das hätte ich mir für meine Mutter auch gewünscht. So etwas braucht Weilheim“, dachte Erika Jahke. Wieder einmal klopfte sie mit ihrer Idee beim damaligen Weilheimer Bürgermeister Hermann Bauer an. Wenig später wurde das Soziale Netz Raum Weilheim gegründet. Erika Jahke wurde ehrenamtliche Geschäftsführerin – und ist es heute noch: „Ich mache alles, was mit Schriftverkehr und mit Geld zu tun hat – außer der Gehaltsabrechnung.“

Wenn Erika Jahke nun das „Schächtele“ mit dem Bundesverdienstkreuz überreicht bekommt, ist das keineswegs ihre erste Auszeichnung. 1979 hatte sie schon die Henry-Dunant-Medaille in Gold bekommen, 1998 folgten das DRK-Ehrenzeichen – die höchste Auszeichnung des Roten Kreuzes – und die kleine goldene Gedenkmünze der Stadt Weilheim. 1999 erhielt die engagierte Weilheimerin zudem die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Erika Jahke im Weilheimer Bürgerhaus in der Hölderlinstube, sie bekommt das Bundesverdienstkreuz
Erika Jahke im Weilheimer Bürgerhaus in der Hölderlinstube, sie bekommt das Bundesverdienstkreuz