Weilheim und Umgebung

Vor Ideen sprühen geht auch legal

Workshop für Jugendliche in Weilheim beleuchtet die bunten und die dunklen Seiten der Graffitikunst

Erst zuhören, dann zeichnen, und schließlich sprayen: Bei einem Workshop im Weilheimer Jugendtreff ging es um Graffiti in Theorie und Praxis.

Graffiti ziehen Kinder und Jugendliche auch heute in ihren Bann. bei einem Workshop in Weilheim hatten die Teilnehmer Gelegenhei
Graffiti ziehen Kinder und Jugendliche auch heute in ihren Bann. bei einem Workshop in Weilheim hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich mit den Sprühdosen auszutoben.Foto: Carsten Riedl

Weilheim. „Ich kann das nicht“, jammert ein Junge und wirft den Stift hin. Benjamin Seyfang tritt hinter ihn, ändert ein paar Linien ab und reicht ihm den Stift zurück: „Komm, probier‘s einfach. Versuch ein bisschen Schwung in die Buchstaben zu bringen.“ Auch einen Platz weiter findet Seyfang motivierende Worte: „Das sieht doch schon gut aus. Jetzt bring noch ein bisschen mehr Pep rein.“ Im Raum ist das Kratzen der Bleistifte zu hören. Die Jugendlichen sitzen inmitten von Graffiti-Büchern, Stiften und Zeichenblöcken an den Tischen und malen. Hoch konzentriert. Ihre Handys, an denen sie eine halbe Stunde zuvor noch unablässig herumgespielt haben, sind längst in den Taschen verschwunden.

Benjamin Seyfang ist Graffiti-Künstler und leitet an diesem Nachmittag einen Workshop im Kinder- und Jugendtreff Weilheim. Es gibt praktische Übungen und auch Theorie. „Man sieht an vielen Stellen Graffiti – auch wenn das Sprühen dort eigentlich verboten ist“, spricht der 28-Jährige die dunklen Seiten der Spraykunst an. Einfach irgendwo Tags – also Kürzel –, Bilder und Schriftzüge aufzusprühen ist für Seyfang ein absolutes Tabu. „Es gibt auch legale Flächen. Erkundigt euch danach“, fordert er die Jugendlichen auf.

Seine „Handschrift“ hat Benjamin Seyfang in Weilheim schon völlig legal hinterlassen. Eine Seite des Durchgangs „Schupfen“ hinter der Peterskirche hat er mit dem Schriftzug „Weilheim“ verschönert. Die zweite Seite soll folgen. Der 28-Jährige möchte sie gemeinsam mit Jugendlichen aus dem Workshop gestalten. Die Idee dazu hatte Sandra Schöne von der Stabstelle Innenstadtoffensive. Getragen werden Workshop und Sprüh-Aktion vom Kinder- und Jugendtreff.

Was beim illegalen Sprayen passieren kann, schildert Uwe Rautenstrauß, Jugendsachbearbeiter bei der Polizei in Kirchheim. Er ist an diesem Nachmittag eigens für den Workshop in den Jugendtreff gekommen. „Wenn ihr Verkehrszeichen, Züge oder Wände ohne Erlaubnis besprüht, ist das Sachbeschädigung und damit eine Straftat.“ Wer erwischt wird, dem winken nicht nur eine Geldstrafe oder Sozialstunden. Es können auch Schadensersatzforderungen erhoben werden – die bis zu 30 Jahre gültig sind. „Auch wenn ihr erst 14 Jahre alt seid, kann man euch später noch so lange Geld wegnehmen, bis der Schaden abbezahlt ist“, verdeutlicht Rautenstrauß – und die aufwendige Entfernung von Graffiti kann durchaus teuer sein – in Einzelfällen werden bis zu 20 000 Euro fällig.

Zehn Jahre ist es her, dass Benjamin Seyfang seine Liebe zum Sprühen entdeckte. „Damals habe ich beim Zugfahren Graffiti gesehen – und war fasziniert“, erzählt er. Und obwohl er in der Schule in Kunst immer schlechte Noten bekommen hatte, stellte er schnell fest: Das Skizzieren und Sprühen ist sein Ding.

Nachdem die Entwürfe auf Papier gebannt sind, geht es raus. Den meisten Jugendlichen geht es gar nicht schnell genug. „Kann ich eine Farbe haben?“. „Darf ich auch mal?“. „Wie muss ich die Dose halten?“. Benjamin Seyfang wird mit Fragen bestürmt. „Als erstes zieht ihr Masken und Schutzbrillen auf“, weist er die Teilnehmer an. „Es ist sehr ungesund, den Sprühnebel einzuatmen.“ Dann demonstriert er, wie man die Dosen schüttelt und entsichert und sprüht einen ersten Buchstaben auf eine Folie, die er zwischen zwei Bäumen aufgespannt hat. „Man beginnt mit einer hellen Farbe und sprüht mit der dunkleren hinterher“, erklärt er. Ein Tipp, der allerdings nur bei einem Teil der frischgebackenen Sprayer ankommt.

Von jetzt an wird gesprüht – nahezu pausenlos. Eine Nebelwolke wabert um die Folie, die immer bunter wird. Wer fertig geübt hat, darf eine MDF-Platte gestalten – immer zu zweit oder zu dritt im Team. Es entstehen rosa Flächen und bunte Schriftzüge. Immer wieder tauchen zudem die Zahl 187 und schwarze Kronen mit der 35 auf – ein Tag, der in Weilheim derzeit an vielen Stellen illegal aufgesprüht wurde und viele Kinder und Jugendliche offenbar schwer beeindruckt. „Die Krone steht für König und die 35 für die ehemalige Postleitzahl von Weilheim“, erläutert Seyfang den verwendeten Sprayer-Code. „Sie steht also für ,King of Weilheim‘“. Auch die 187 ist mehr als eine Zahl. „Da scheint es sich um eine Gang zu handeln“, haben Evelyn Schmidt und Nicole Demming, die beiden Mitarbeiterinnen des Jugendtreffs, gehört. Auch Munkeleien über den Ursprung der Zahl sind ihnen zu Ohren gekommen: Demnach ist 187 ein amerikanischer Polizeicode, der für „Mord“ steht.

Graffiti – in New York und unter der Limburg

Populär wurde die Graffiti-Kunst in den Siebzigerjahren in New York, wie Benjamin Seyfang beim Workshop berichtet: 1971 hat ein griechischer Junge in New York Zeitungen ausgetragen und überall sein Kürzel Taki 138 hinterlassen. Es stand für seinen Namen und den Block, in dem er wohnte. Die New York Times berichtete – und Jugendliche in der ganzen Stadt begannen zu taggen. In der Bronx, im Getto, besprühten die Sprayer Züge, weil sie in die Stadt zu den Reichen fuhren und dort gesehen wurden. Zusammen mit der Hip-Hop- und Breakdance-Kultur schwappten die Graffiti nach Europa – und ziehen Jugendliche bis heute in den Bann. Die Werke, die beim Workshop im Kinder- und Jugendtreff entstanden sind, werden beim Städtlesfest am Sonntag, 3. Juli, am Stand des Jugendtreffs ausgestellt. Weiter geht auch das Projekt Schupfen: In den kommenden Wochen besprüht Benjamin Seyfang zusammen mit Workshop-Teilnehmern die zweite Wand im Durchgang. Angedacht ist eine Szene mit Limburg und Drache. Möglich ist das auch, weil die Eigentümer des Gebäudes ihr Einverständnis gegeben haben.bil

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