Weilheim und Umgebung

Weder Ballermann noch Peinlichkeiten

Seit 15 Jahren gibt es Eurasia-Karaoke – Katalog weist knapp 7 000 Wunschtitel auf

Karaoke in seinem Lokal? Serdar Deneri blockte den Vorschlag sofort ab: „Ballermann-Mist fange ich hier nicht an.“ Die Bekehrung kam im Italienurlaub.

15 Jahre Eurasia-Karaoke: Serdar Deneri und Gaby Näckel in ihrem Tonstudio in NeidlingenFoto: Peter Dietrich
15 Jahre Eurasia-Karaoke: Serdar Deneri und Gaby Näckel in ihrem Tonstudio in NeidlingenFoto: Peter Dietrich

Neidlingen. „Eigentlich ist das gar nicht so schlecht.“ So dachte Deneri, Jahrgang 1967, als er im Süden Karaoke mit Eros Ramazzotti und Co. verfolgte. Die Kontrolle gab er aber zu Hause nicht aus der Hand. Zu denen, die in seinem Lokal Karaoke machen wollten, sagte er: „Ihr gebt mir die Anlage, ich mache das mit meinen Gästen.“

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Längst ist Deneri kein Wirt mehr, aber Eurasia-Karaoke gibt es nun seit 15 Jahren. Partnerin ist Gaby Näckel, Jahrgang 1961. Sie kommt aus dem Saarland, ist aber schon seit 30 Jahren im Ländle. Serdar Deneri ist gebürtiger Kirchheimer, sein Vater kam 1959 aus Istanbul und hat sich damals gefragt, in welcher Provinz er denn hier gelandet war. Zwei Jahre später kam die Mutter nach, jedes Jahr sollte es im nächsten Jahr zurück in die Türkei gehen. Ging es aber nicht.

Für Eurasia-Karaoke kam 2006 ein kleinerer Umzug von Ötlingen nach Neidlingen. Die beiden wundern sich, dass sie längst in Besigheim beim Weinfest und in Waiblingen beim Altstadtfest waren, aber noch nie auf einem Kirchheimer Fest. Dafür in vielen Kneipen der Stadt: „Im Joy-Inn, jeden Donnerstag, das war Kult, fünf oder sechs Jahre lang war es rappelvoll.“ Dann begannen sie in der „Kneipe“ beim Bahnhof, wo sie auch aktuell wieder sind. Lange waren sie monatlich in einem schwul-lesbischen Szenelokal in Aalen, kamen einmal sogar weit übers Ländle hinaus: Eine begeisterte Auftraggeberin wollte sie unbedingt am Timmendorfer Strand haben.

Deneris „Chapeau Claque“ in Uhingen war bis nach Kirchheim bekannt, später war er in Kirchheim selbst Wirt des „Mönchle“. Dann hatte er genug von der Gastronomie, verkaufte Fotoapparate, machte außerdem den Alleinunterhalter. Ihre erste Karaoke-Anlage kauften sich die beiden kurzentschlossen im Fun Pub in Stuttgart, der ältesten Karaoke-Bar Deutschlands, an einem Sonntag. Dann stand die Anlage eineinhalb Jahre lang herum. Bis ein anderer Wirt bei Deneri ein Programm für seine Kneipe bestellte. Da war es für Näckel klar: „Wir machen Karaoke.“

Mit der Zeit wurde die Nachfrage immer größer, Deneri und Näckel waren von donnerstags bis sonntags unterwegs. Inzwischen haben sich fast 7 000 Titel angesammelt, der Katalog umfasst fast 150 Seiten und reicht von Michael Jackson bis zu den Kastelruther Spatzen, vom französischen Chanson bis zu „Schlaf, Kindlein, schlaf“ und zwei Seiten mit Weihnachtsliedern. Arabisch ist im Katalog nur einmal vertreten, ungarisch immerhin 13 Mal, dank einer ungarischen Freundin. Bei neuen Liedern, deren Sprache er nicht versteht, ist Deneri vorsichtig. „Hat das irgendwas mit Politik zu tun?“, fragt er nach, wenn ihm einer einen Vorschlag macht.

Eurasia-Karaoke setzt bis zu sechs Mikrofone ein, es standen auch schon mehr als 20 Leute auf der Bühne und sangen. In welcher Qualität? „Peinlichkeiten gibt es nicht“, betonen beide. Ein Buhruf führt zum sofortigen Rauswurf. Zur Not blendet Deneri aus oder mischt die Pilotstimme dazu. Es gibt aber auch „Oh-Momente“. Als sich in Waiblingen ein Mann „Golden Eye“ wünschte, zögerte Deneri. Das war unnötig. „Augen zu, und du dachtest, da singt Tina Turner.“

„Ich gehe da nicht rauf, das kannst du grad vergessen.“ Diesen Satz hören die beiden bei Hochzeiten oder Geburtstagen immer wieder. „Am Schluss bekommst du sie nicht mehr von der Bühne“, sagt Deneri. Schon mit 16 Jahren hat er im Tonstudio ausgeholfen, nun hat er sich sein eigenes gebaut, inklusive Sprecherkabine. „Wir können alles machen, was die Großen machen.“

Kann man von Karaoke leben? „Das haben wir jahrelang getan“, sagen beide. Doch nun fährt Deneri, weil er das so wollte, parallel Taxi. „Wenn mal wieder viel Karaoke angesagt ist, ist mein Chef flexibel.“ Und noch etwas gefällt ihm: „Im Taxi kann ich meine eigenen Titel laufen lassen.“

Info

Nächster Termin in Kirchheim: Freitag, 9. September, „Die Kneipe“, Henriettenstraße 6a