Weilheim und Umgebung

Weilheim bekommt keinen Wirtschaftsförderer

Standortmarketing Der Gemeinderat hat gegen neue Stellen für Wirtschaftsförderung und Tourismus gestimmt. Damit stockt die ganze Strategie der Stadt. Von Bianca Lütz-Holoch

Das Städtle lebt. Ein Wirtschaftsförderer hätte den Blick auch noch über Weilheims Innenstadt hinaus gerichtet - als Bindeglied
Das Städtle lebt. Ein Wirtschaftsförderer hätte den Blick auch noch über Weilheims Innenstadt hinaus gerichtet - als Bindeglied zwischen Unternehmen und Verwaltung. Foto: Jean-Luc Jacques

Über ein Jahr lang hat die Stadt Weilheim an einer Strategie zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Weilheim gefeilt. Jetzt steht fest: Aus der groß angelegten „Offensive Wirtschaftsstandort 2.0“ wird vorerst nichts. Der Grund: Der Gemeinderat hat sich mit knapper Mehrheit gegen die Schaffung neuer Stellen im Bereich Wirtschaftsförderung und Tourismus entschieden - und ohne zusätzliches Personal lassen sich all die Pläne zu Innenstadtentwicklung, Digitalisierung, Tourismus und Wirtschaftsförderung nicht stemmen.

„Ich bedaure das“, resümiert Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle. In Kooperation mit den Kommunalberatern der Imakomm Akademie, im Rahmen von Experten-Workshops und einer Bürgerbeteiligung habe die Stadt eine ausgefeilte Strategie mit konkreten Maßnahmen erarbeitet. „Diese Impulse können wir jetzt nicht setzen.“, so Züfle.

Bei einer Gemeinderatssitzung in der Limburghalle hatte das Gremium mit neun zu sieben Stimmen gegen eine 100-Prozent-Stelle im Bereich Wirtschaftsförderung und eine 50-Prozent-Stelle im Bereich Tourismus votiert. Drei Stadträte waren nicht anwesend.

Dass ein Wirtschaftsförderer und eine Fachkraft für Tourismus der Stadt gut tun würden, daran zweifelte zwar kaum jemand. Der Zeitpunkt für kostenintensive Neueinstellungen schien der Mehrheit angesichts der Corona-Krise und der unsicheren Finanzlage jedoch nicht geeignet.

„Wir wollen das Thema grundsätzlich nicht boykottieren, aber es ist im Moment nun mal eine Sondersituation und wir wissen nicht, wo die Finanzen hinlaufen“, gab Joachim Naasz von der Freien Wählervereinigung (FWV) zu bedenken. Er räumte ein, dass seine Fraktion geteilter Meinung sei. Zentral sei die Person des Wirtschaftsförderers. „Wenn wir jemand finden, der alle Fähigkeiten mitbringt und ein guter Netzwerker ist, wäre das natürlich schön“, sagte er. Es müsse es aber auch möglich sein, die Reißleine zu ziehen, wenn kein geeigneter Bewerber dabei ist.

„Wir können diesen zwei Stellen nicht zustimmen“, sagte Rainer Bauer von der Unabhängigen Wählervereinigung (UWV). Die Personalausgaben der Stadt seien ohnehin schon in die Höhe geschnellt. Jetzt, während der unsicheren Haushaltslage in Corona-Zeiten, brauche es aus Sicht seiner Fraktion keine weitere Dauerbelastung des Etats. „Wir müssen ja auch keine Eile haben“, sagte er. „Ab 2022 soll sich wieder alles normalisieren.“

Martin Pfauth von der Sozialen Bürgervereinigung (SBV) dagegen sprach sich für die Schaffung der Stellen aus - gerade in Corona-Zeiten. „Ich finde, das ist eine gute Sache“, sagte er. „Wir hätten dann ein Instrument an der Hand, um Unterstützung zu bekommen, Gegenmaßnahmen einzuleiten und neue Geldtöpfe aufzutun.“ Es gelte die gleiche Devise wie in der Elektrik: „Wenn man keine Leistung reinsteckt, kommt keine raus.“

„Wir sehen durchaus das Potenzial - aber der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig“, legte Ilse Fischer von der Bürgerdemokratischen Fraktion (BDF) ihre Meinung dar. „1,5 neue Stellen sind schon eine Hausnummer.“ Sie plädierte dafür, aus dem großen Konzept einzelne Maßnahmen herauszupicken und sich dafür externe Unterstützung zu suchen.

Christel Heilemann (UWV) wünscht sich eher Investitionen in den Bestand und in die Gemeinschaft. Ihr Fraktionskollege Bernd Kautter fürchtet durch neue Stellen eine weitere Aufblähung der Bürokratie. Dr. Ulrich Mors (SBV) plädierte dafür, einen Wirtschaftsförderer einzustellen, um die Wirtschaft schnell wieder ans Laufen zu bringen, die Tourismus-Stelle aber aufzuschieben, bis es wieder etwas zum Abschöpfen gebe.

Dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für Wirtschaftsförderung ist, glaubt nicht nur Bürgermeister Johannes Züfle, sondern auch Dr. Peter Markert, geschäftsführender Gesellschafter der Imakomm Akademie. „Es gilt, antizyklisch zu arbeiten“, so Markert. Er verglich den Wirtschaftsstandort mit einem Corona-Patienten. Im April noch auf der Intensivstation, solle er bis Ende des Jahres auf die Normalstation verlegt werden und anschließend in die Reha kommen. Man müsse in ihn investieren: „Damit daraus wieder ein lebendes Organ statt einem sterbenden Patienten wird.“

„Offensive Wirtschaftsstandort“ liegt auf Eis

Der Startschuss für die „Offensive Wirtschaftsstandort 2.0“ in Weilheim ist im Februar 2019 gefallen. Ausgearbeitet hat sie die Imakomm Akademie. Eingebunden in den Prozess waren auch Bürger und Unternehmen.

Vier Themen wurden unter die Lupe genommen: Digitalisierung, Wirtschaftsförderung, Tourismus und die Innenstadt mit dem Einzelhandel.

Ziel war es, Maßnahmen zu formulieren, um die Innenstadtentwicklung fortzuschreiben, Handel, Gewerbe und Gastronomie noch attraktiver zu gestalten und für die Zukunft zu rüsten. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Digitalisierung der Wirtschaft.

Fest steht, dass für die Umsetzung Personal gebraucht wird. Mit der Ablehnung der Wirtschaftsförderer-Stelle liegt das Konzept auf Eis. Die Digitalisierungsstrategie läuft weiter, allerdings vor allem in den Bereichen Schule und Verwaltung. bil

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