Weilheim und Umgebung

Wenn Schmutzwasser zu sauber ist

Teilnehmer der Sommerradtour mit dem Bürgermeister werden durch die Kläranlage geführt

Wer an der Sommerradtour mit Weilheims Bürgermeister teilnimmt, bekommt immer wieder besondere Einblicke – zum Beispiel in die Welt des Abwassers.

Vom schmutzig bis klar: Interessierte Weilheimer Bürger haben sich auf die Spuren der Abwasserentsorgung begeben und die Kläranl
Vom schmutzig bis klar: Interessierte Weilheimer Bürger haben sich auf die Spuren der Abwasserentsorgung begeben und die Kläranlage besichtigt.Fotos: Carsten Riedl

Weilheim. Es gibt definitiv Orte, an denen es besser riecht. Vor allem dort, wo das Schmutzwasser aus ganz Weilheim und Neidlingen noch ungefiltert in die Weilheimer Kläranlage hineinrauscht, können es sich die Teilnehmer der Sommerradtour nicht verkneifen, die Nase zu rümpfen. „Das Wasser, das Sie heute beim Händewaschen, Abspülen oder auf der Toilette verbraucht haben, ist hier gelandet“, macht Bürgermeister Johannes Züfle klar, dass jeder seinen Teil dazu beigetragen hat. Und spätestens nach dem Rundgang durch die Anlage mit Betriebsleiter Hansjörg Matt steht fest: Die Arbeit in der Kläranlage ist unersetzlich – und hoch komplex.

„Zurzeit haben wir einen Durchlauf von 30 bis 40 Litern pro Sekunde“, sagt Hansjörg Matt und deutet auf das Wasser, das sich durch die Messstation drängt. Wenn es regnet, kann sich die Menge aber schnell mal versechsfachen. Weiter fließt das Schmutzwasser zum Grobrechen, wo die großen Stücke herausgefiltert werden. Gleich darauf geht es zum Sand- und Fettfang. Der Feinrechnen siebt anschließend aus, was an kleineren Stückchen übrig ist: „Zum Beispiel Maiskörner, Karotten und feines Klopapier“, sagt Hansjörg Matt und zeigt auf einen Haufen gut erkennbarer Überbleibsel.

Normalerweise setzen sich dann im Vorklärbecken noch die feineren Stoffe ab. Dort herrscht aber gähnende Leere. „Das Becken ist seit zwei Jahren versuchsweise außer Betrieb“, sagt Hansjörg Matt. Der Grund: Das Wasser war zu sauber für die folgende biologische Klärung. „Wenn die Mikroorganismen, die das Wasser reinigen, nicht genügend Nahrung bekommen, verhungern sie“, so Matt. Einmal musste er sogar Alkohol zufüttern, um die Bakterien am Leben zu erhalten. Ursache für die oft zu niedrige Schmutzkonzentration sind veraltete Entwässerungssysteme auf vielen Grundstücken: „Wo es noch Drainagen gibt, läuft zu viel klares Wasser in die Kanäle.“

Allerdings: Weniger Wasser bei der Klospülung zu verbrauchen, hilft nicht – im Gegenteil. „Es ist Quatsch, nach dem großen Geschäft die Spartaste zu bestätigen“, betont Hansjörg Matt: „Das ist an der falschen Stelle gespart.“ Denn das wenige Wasser transportiere die Hinterlassenschaften dann meist gerade noch aus dem Haus heraus. „Draußen im Kanal bleibt aber alles liegen.“ Darum gebe es vor allem in Neubaugebieten immer wieder Klagen über schlechte Gerüche aus den Kanälen.

Außer Betrieb ist gerade auch das Regenüberlaufbecken: Dort wird gebaut. „Der Beton muss erneuert werden“, informiert Johannes Züfle. 400 000 Euro kostet das die Stadt. Ohnehin ist zuletzt viel Geld in die Modernisierung der Kläranlage geflossen. „Insgesamt waren es 2,5 Millionen Euro in sieben Jahren“, so Züfle. Aber: „Die Abwasserentsorgung ist nun mal eine der zentralen Aufgaben jeder Kommune.“

Die Mikroorganismen, die den Dreck quasi auffressen, arbeiten in Weilheim in sechs Meter tiefen, eckigen Becken, die an Kanäle erinnern. Dort werden Stickstoff und Kohlenstoff abgebaut. In zwei weiteren Becken arbeiten starke Gebläse. „Die Bakterien brauchen viel Sauerstoff“, sagt Hansjörg Matt. Das ist auch der Punkt, an dem die Kläranlage im laufenden Betrieb das meiste Geld verschlingt. „Fast zwei Drittel unseres Energiebedarfs entfällt auf das Gebläse“, sagt der Betriebsleiter. „Die Stromkosten der Kläranlage betragen rund 9 000 Euro im Monat.“

Haben die Bakterien ihren Dienst getan, plätschert das Wasser in die großen, runden Nachklärbecken. Dort setzt sich weiterer Schlamm ab, und das klare Wasser fließt nach außen ab in die Lindach – allerdings nicht, ohne dass der Phosphatwert mithilfe von Aluminiumchlorid unter die gesetzlichen Höchstwerte gesenkt wurde. Von der Qualität des geklärten Wassers ist Hansjörg Matt überzeugt: „Es gibt viele Bachforellen in der Lindach. Das spricht für die Sauberkeit.“

Der herausgefilterte Dreck wird übrigens auch weiterverwendet. Im Faulturm setzt der Klärschlamm Gase frei. „Damit können wir den Turm und das Betriebsgebäude heizen“, so Matt. Danach geht der Schlamm als Brennmaterial zu Zementwerken und ins Heizkraftwerk Heilbronn: „Er hat einen Brennwert wie Braunkohle.“

Weitere Stationen auf der Sommerradtour für Daheimgebliebene mit dem Bürgermeister waren: das Bildungszentrum Wühle, das kurz vorm Start der Ganztagsbetreuung steht, der Evopäd-Parcours in den Hofgärten, das Kinole in der Häringer Straße und das Rathaus in Hepsisau, wo Flüchtlinge untergebracht werden sollen.

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